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Märkte & Vertrieb

Wie reagieren Flottenversicherer auf die Mobilitätswende?

Von Uwe Schmidt-KasparekTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Flottenversicherer müssen aufpassen. Unternehmen starten immer stärker ein umfassendes betriebliches Mobilitätsmanagement. Alle alten Strukturen werden auf den Prüfstand gestellt –  auch die Assekuranz.

Wer beim totalen betrieblichen Mobilitätswandel nicht flexibel reagiert, könnte schnell zu den Verlierern gehören. Viele inner- und außerbetriebliche Gründe zwingen die Unternehmen derzeit zu einer echten betrieblichen Mobilitätswende. Noch gibt es in Unternehmen mit Flotten eine gewisse Tradition: Die Flotte wird bald grün werden. Aber es gibt sie noch. Statt Dieselfahrzeuge werden künftig immer mehr Hybrid- und Elektrofahrzeuge das Bild der Dienst- und Firmenfahrzeuge bestimmen. Diese Energiewende ist im Bewusstsein deutscher Fuhrparkmanager angekommen. Das geht aus der jetzt veröffentlichen Studie Arval Mobility Observatory (AMO) hervor. Demnach planen rund 35 Prozent der befragten Firmen, Hybrid-Fahrzeuge zu nutzen oder in die Flotte zu integrieren. Der Wert ist gegenüber früheren Umfragen deutlich gestiegen. Rund 56 Prozent der befragten Manager haben schon Strategien entwickelt, um den CO2-Ausstoß ihres Fuhrparks zu reduzieren. Laut dem Analyseunternehmen Dataforce boomt der deutsche Flottenmarkt weiterhin. So verzeichnet das Unternehmen für Mai 2019 ein Plus von 17,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat für Flottenfahrzeuge, während der private Sektor mit 0,7 Prozent im Minus steht.

 

Doch künftig werden bei vielen Unternehmen Mobilitätsalternativen eine immer größere Rolle spielen, was die Versicherer deutlich Geschäft kosten kann. So gaben in der AMO-Untersuchung 27 Prozent der deutschen Unternehmen an, dass sie Fahrgemeinschaften eingeführt haben oder einführen wollen, bei Carsharing liegt der Wert bei 24 Prozent. Aber auch die neuen E-Scooter könnten eine bedeutende Rolle bei der Mitarbeitermobilität spielen. Die batteriebetriebenen Zweiräder haben besondere Fähigkeiten: Klein, leicht und faltbar erlauben sie ihren Besitzern, den öffentlichen Nahverkehr mit der „letzten Meile“ zum Zielort zu verknüpfen. Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) gilt der Versicherungsschutz auch dann, wenn E-Roller verliehen werden. Das dürfte auch für gewerbliche Sharing-Programme gelten. Poolroller müssen dann aber als Gewerbefahrzeuge versichert werden. Hier sollten Versicherer auch bei Flottenkunden eine aktive Rolle spielen. Wer beispielsweise als Vermieter-Plattform jede Art von Mobilität bieten kann, ist künftig der erste Ansprechpartner für Unternehmen.

Betriebe denken "Öko"

Voller Mitarbeiterparkplatz und verstaute Anfahrt waren schon immer Gründe den Fuhrpark möglichst effizient zu steuern. Nun kommen weitere Probleme, wie drohende Fahrverbote hinzu. Gleichzeitig gibt es einen starken Fachkräftemangel. Er führt zu einer deutlichen Veränderung der Führungskultur. Unternehmen schreiben sich heute Mitarbeiterorientierung auf ihre Fahnen. Und für junge Menschen ist der Dienstwagen oft keine besondere Option mehr. Das macht einen Wandel einfacher und erhöht die Akzeptanz für neue Lösungen. „Alle neuen Konzepte stehen unter der Klammer der Mitarbeiterzufriedenheit und der Gesundheitsförderung“, sagt Johannes Auge, von B.A.U.M. Consult aus Hamm. Die Veränderungen bei der Mitarbeitermobilität werden vor allem vom Fachkräftemangel und der Digitalisierung getrieben. Flexible Arbeitszeiten und -orte würden den Wandel beschleunigen.

 

Zudem sei Umweltverträglichkeit ein Motor der Veränderung. „Während wir früher ökologisches Denken kaum in die Betriebe bekamen, rufen heute Handwerker an und wollen wissen, wie sie sich aufstellen sollen, um nicht von Fahrverboten bedroht zu sein“, so Auge. Auch Fahrtvermeidung wird für viele Unternehmen einfacher. So können Anfahrtswege vermieden werden, wenn die Belegschaft grundsätzlich zwei Tage pro Woche im Homeoffice verbringt. Dabei rät Auge den Unternehmen, ein ganzheitliches Mobilitätsmanagement einzuführen. „Es könne nicht sein, dass der Fuhrparkleiter geknebelt werde, um seine Flotte effizient zu nutzen, auf der anderen Seite aber Privatfahrten mit 30 Cent pro Kilometer abgerechnet werden“, warnt der Berater. Viele der Vorschläge von Auge sind in den Leitfaden „Mobil gewinnt“ eingeflossen, den die Bundesregierung herausgegeben hat. So hat beispielsweise die Druckerei Lokay aus dem hessischen Reinheim schon 2009 eine Fahrradflotte in Betrieb genommen. Mitarbeitern, die mindestens 50 Mal im Jahr zur Arbeit radelten, wurde ein Trekkingrad kostenlos zur Verfügung gestellt. Heute dürfen sich die Mitarbeiter aus dem großen Angebot des Leasing-Partners ein Fahrrad aussuchen. „Eine Fahrradflotte ist also eine Win-win-Situation für Mitarbeiter, Unternehmen und die Umwelt“, sagt Inhaber und Geschäftsführer Ralf Lokay.

 

Vorbild ist auch das Mannheimer Beratungsunternehmen BridgingIT. Mitarbeiter, die Anspruch auf einen Firmenwagen haben, können sich für ein E-Auto entscheiden, sofern ihr Fahrprofil zu einem elektrischen Antrieb passt. Von über 200 Fahrzeugen in der Firmen-Flotte sind inzwischen 31 vollelektrisch und drei mit Plug-in-Hybridantrieb. Bundesweit verfügt BridgingIT über eine der größten E-Flotten im Langstreckenbereich und verzeichnet bereits mehr als drei Millionen elektrisch gefahrene Kilometer. Mit dieser Erfahrung berät das Unternehmen Vertreter aus Politik und Wirtschaft bei Fragestellungen der betrieblichen und kommunalen Mobilität. Aktiv ist hier auch der ACE Auto Club Europa, der sich längst nicht mehr als Autolobby, sondern als Organisator für eine nachhaltige Mobilität versteht. Gründe für den notwendigen Wandel wäre der Stressfaktor „Pendeln“, dem sich rund ein Viertel der Autofahrerinnen und der Autofahrer ausgesetzt sehen. Zudem rechnet der ACE vor, dass die Einrichtung eines ebenerdigen Pkw-Stellplatzes rund 3.500 Euro kostet und ein Tiefgaragenplatz sogar bis zu 25.000 Euro. Und: Staustehen kostet in der Regel wertvolle Arbeitszeit. Letztlich erhöhen Stress und mangelnde Bewegung die Krankenstände in der Belegschaft.

 

Ins Maßnahmenkonzept des betrieblichen Mobilitätsmanagements gehören laut Berater Auge Mitarbeiteranreize mit Veränderungspotenzial. Bei Dienstreisen könnte etwa der Bahnverkehr in Kooperation mit Leih-Pkw oder Leih-Rädern ein Konzept sein, dass immer öfter Dienstwagenfahrten ersetzt. Und Parkraum am Firmenstandort könnte durch mehr Business oder Corporate Carsharing erreicht werden. Denn es gäbe immer mehr Vermischungen zwischen privaten und geschäftlichen Fahrten. So könnten Fuhrparks zu einer besseren Auslastung kommen, wenn Dritten Zugang eingeräumt werde. Betriebliches Mobilitätsmanagement würde aber nicht heißen, dass man alle Dienstwagenfahrer zum Umsteigen bewegen will. Vielmehr gehe es darum, dass diejenigen umsteigen, für die sich sinnvolle, bezahlbare und attraktive Alternativen aufzeigen oder schaffen lassen.

 

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der aktuellen August-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

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