Quelle: Stuttgarter Lebensversicherung
Politik & Regulierung

Bader über Solvency II: "Man sollte die Übergangsmaßnahmen punktuell ausbauen"

Von Tobias DanielTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
"Solvency II ist über das Ziel hinausgeschossen", kritisiert Dr. Guido Bader und fordert: "die öffentlichen Solvenzberichte müssen gekürzt und vereinfacht werden". Der Vorstand der Stuttgarter Lebensversicherung spricht im Exklusiv-Interview über die Verbesserung des Regelwerkes und die unfaire mediale Berichterstattung gegenüber der Bafin und Bundesbank.

Das Regelwerk Solvency II ist seit Anfang 2016 in Kraft. Wie sieht Ihre Bilanz nach dreieinhalb Jahren aus? Haben die neuen Regeln die Lebensversicherer wirklich krisenfester gemacht?

Es sind nicht Regeln, die einen Lebensversicherer krisenfest machen. Es sind immer die Entscheidungen des Managements und die damit verbundene Transformation des Geschäftes. Regeln wie Solvency II können bei einem solchen Transformationsprozess aber hilfreich sein, indem sie Transparenz über die Schwächen von Unternehmen herstellen. Hierzu hat Solvency II einen spürbaren Beitrag geleistet. So gesehen ziehe ich nach dreieinhalb Jahren eine positive Bilanz. Natürlich kann man sich fragen, ob es wirklich eines so komplexen Regelwerks wie Solvency II bedurft hätte, um einen vergleichbaren Effekt zu erzielen. An einigen Stellen ist es sicherlich über das Ziel hinausgeschossen und bedarf Korrekturen.


Die Europäische Kommission hat ein umfangreiches Arbeitsprogramm zur Überprüfung des Solvency-II-Regelwerkes aufgelegt. Was versprechen Sie sich als Lebensversicherer von dieser Überprüfung?

Zunächst erwarte ich von der Überprüfung der Rahmenrichtlinie eine kritische Auseinandersetzung damit, was wirklich notwendig ist. Das Regelwerk muss zur Steigerung der Wirksamkeit und Akzeptanz bei den Entscheidern entschlackt und nicht weiter aufgebläht werden. Dies bedarf eines intensiven Diskussionsprozesses der Aufsicht und der Politik mit der Branche. Als Lebensversicherer erwarte ich, dass die Langfristigkeit unseres Geschäftsmodells auch weiterhin angemessen im Regelwerk berücksichtigt wird. Das spiegelt sich in vielen technischen Details wieder. Die Herleitung der risikofreien Zinskurve muss die Anlagerealität der Unternehmen berücksichtigen. Möglichkeiten, durch illiquide Assets zusätzliche Renditen zu erzielen, sind bislang nicht angemessen im Regelwerk abgebildet. Die Risikobeurteilung von Substanzwerten wie Aktien, Immobilien und Infrastruktur erscheint mir - vor dem Hintergrund der langfristig orientierten Kapitalanlage der Lebensversicherer - noch etwas zu hart und nicht angemessen kalibriert. Umgekehrt muss es auch Korrekturen geben, die die Solvenzquoten der Branche belasten werden, wie z. B. die Kalibrierung des Zinsstress, die im derzeitigen Modell nicht passend ist. Bei der Neukalibrierung gilt es aber ebenso, Übertreibungen zu vermeiden.


Bei der Überprüfung geht es auch um die Frage, ob die erleichterten Solvenzregeln über 2021 hinweg angewandt werden sollen. Glaubt man manch Studie, werden diese von weiten Teilen der Branche auch in Anspruch genommen. Wie bewerten Sie die Pläne? Sind diese angesichts verbesserter Solvenzquoten überhaupt noch zeitgemäß?)

Wir dürfen die Ende 2018 verbesserten Solvenzquoten nicht überbewerten. Seit Jahresbeginn sind die Zinsen in Europa dramatisch auf neue Tiefststände gesunken. Die aktuellen Solvenzquoten dürften deutlich unter denen vom 31.12.2018 liegen. Und wir wissen nicht, wie weit der Zins noch fallen kann. Vor diesem Hintergrund und vor dem Hintergrund möglicherweise strengerer Kapitalvorschriften im Rahmen der Überprüfung von Solvency II halte ich die Fortführung der Übergangsmaßnahmen für zwingend erforderlich. Es sollte sogar überlegt werden, die Übergangsmaßnahmen punktuell auszubauen, um den Unternehmen Spielraum für eine angemessene und auch auf Substanzwerte setzende Kapitalanlage einzuräumen. Es kann nicht im Sinne unserer Versicherungsnehmer sein, wenn wir uns auf dem aktuellen Zinsniveau mit langlaufenden festverzinslichen Wertpapieren "einbetonieren".

 

Ein Kritikpunkt aus der Branche sind die Berichte der Lebensversicherer: „Die Vielfalt der zu erstellenden Berichte geht zu Lasten der Genauigkeit“, kritisierte jüngst Guido Bader. Was sind aus Ihrer Sicht die konkreten Kritikpunkte und wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Aktuelle Auswertungen zu den Download-Zahlen der SFCRs zeigen, dass die derzeitige Berichterstattung gegenüber der breiten Öffentlichkeit ihr Ziel verfehlt. Hier sehe ich dringenden Handlungsbedarf. Diese öffentlichen Solvenzberichte müssen gekürzt und vereinfacht werden. Wesentliche Informationen zur Solvenzlage kann man auf einer oder zwei Seiten darstellen. Wenn darüber hinaus noch Informationen für die Fachöffentlichkeit erwünscht sind, dann geht das auch auf wenigen standardisierten Seiten in einem technischen Anhang. Und auch die Berichterstattung gegenüber der BaFin oder der Bundesbank schießt derzeit über das Ziel hinaus. Die sogenannten QRTs (große Zahlentabellen für die Aufsicht) müssen reduziert und auf das für regulatorische Zwecke Wesentliche beschränkt werden. Die Meldung für das 4. Quartal, die schon nach wenigen Wochen durch die endgültige und offizielle Jahresmeldung abgelöst wird, ist verzichtbar. Hier müssten sich vor allem EZB bzw. Bundesbank ein kleines bisschen in Geduld üben. Und die großen Berichte RSR und ORSA, die ebenfalls die Aufsicht erhält, können meines Erachtens auch zusammenfasst werden, ohne dass dadurch Informationen verloren gingen. All diese Punkte werden auf europäischer Ebene inzwischen intensiv diskutiert. Und ich wünsche den Entscheidern hier eine gehörige Portion Mut. Denn weniger ist oftmals mehr.

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