Julia Merkel, Personalvorstand bei der R+V
Julia Merkel, Personalvorstand bei der R+VQuelle: R+V
Schlaglicht

Julia Merkel (R+V): "In weniger als fünfzehn Jahren herrscht in den Vorstandsetagen Gleichberechtigung"

Von Tobias DanielTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Das Genderthema wird in Gesellschaft, Wirtschaft und Medien mit einer unheimlichen Verbissenheit geführt. Julia Merkel, Personalvorstand bei der R+V, hält wenig vom Mann-Frau-Vergleich und rückt die Kompetenz und persönliche Präferenz des Bewerbers ins Zentrum von Personal- und Karriereentscheidungen. Ein tiefes Gespräch über Karrieren im 21. Jahrhundert, neue Rahmenbedingung für Führung und Modernisierung von Rollenbildern.

VWheute: Frauen sind in den Vorständen der 30-Dax-Konzerne noch immer unterrepräsentiert. Vor allem bei den Banken und Versicherern sind Frauen in der Chefetage noch immer die Ausnahme. Worin sehen Sie die Gründe für diese Entwicklung und warum ist es für Frauen noch immer so schwer in Führungspositionen zu gelangen?

Julia Merkel: Die pauschale These, dass sich Frauen schwer tun in Führungspositionen zu kommen, greift meines Erachtens zu kurz. Viele Frauen entscheiden sich bewusst gegen eine hierarchische oder lineare Karriere. Eine Entscheidung für oder gegen eine Führungsrolle ist von mehreren Faktoren abhängig. Einige Frauen stellen bei der Frage "Experte oder Führungskraft" fest, dass sie sich zwar fachlich als Führungskraft eignen, aber aufgrund ihrer Persönlichkeit und Motivation eher in der Expertenrolle ihre berufliche Erfüllung sehen. Frauen wägen darüber hinaus gründlich ab, inwiefern die berufliche Karriere kompatibel ist mit anderen Lebensentscheidungen und Verantwortungen, wie z.B. Familie. Und sie überlegen sich genau, ob sie bereit sind, den "Preis" dafür zu zahlen.

 

In vielen Unternehmen entscheiden sich zunehmend auch fähige und gut ausgebildete Männer bewusst gegen eine Führungskarriere und streben andere Rollen an.

 

VWheute: Laut jüngstem DIW-Managerinnen-Barometer bräuchten Frauen allein in der Finanzbranche bis 2098, um überhaupt mit den Männern gleichzuziehen. Wie ist Ihre Einschätzung und wie könnte dies aus Ihrer Sicht schneller gehen?

Julia Merkel:   Ist es denn überhaupt das Ziel, "mit den Männern gleichzuziehen"? Ich würde viel mehr empfehlen, Führung und Karrieren neu zu denken, die Rollen attraktiver zu machen und die Rahmenbedingungen neu zu gestalten. Unser digitales Zusammenarbeits-Zeitalter gibt uns hier viel mehr Gestaltungsraum, als wir das in den letzten Jahrzehnten hatten. Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel zum Thema Führung – dann brauchen wir auch keine Hochrechnungen bis 2098.

 

VWheute: Sie verantworten seit 2016 das Personalressort der R+V: Müssen sich Frauen als Vorstandsmitglied eines großen Unternehmens "stärker beweisen" als ihre männlichen Kollegen? Wie sind Ihre Erfahrungen?

Julia Merkel:  Für mich war und ist immer nur der operative und strategische Beitrag entscheidend, den ich mit der mir anvertrauten Organisation zum Erfolg des Unternehmens erreiche. So habe ich nicht erlebt, dass ich mich aufgrund meines Geschlechtes beweisen musste.

 

Ich sehe meine Aufgaben als Vorstand darin, für eine klare Strategie zu sorgen und Rahmenbedingungen zu schaffen, um den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können. Dafür müssen wir notwendige Organisationsstrukturen, Ressourcen und Kompetenzen sichern, Prozesse und Potenziale der IT für Optimierungen und Innovationen nutzen und eine moderne Leadership- bzw. Zusammenarbeitskultur fördern. Es gilt sich als Führungskraft zu beweisen - unabhängig von der Frage, ob als Mann oder Frau.

 

VWheute: Im Versicherungsvertrieb sind Frauen derzeit noch in der Minderheit. Wie beurteilen Sie aktuell die Entwicklung und wollen Sie Frauen im Vertrieb noch stärker fördern?

Julia Merkel:  Es wäre fahrlässig dies nicht zu tun. Zahlreiche Studien bestätigen, dass geschlechtergemischte Teams erfolgreicher sind – und das gilt sogar ganz besonders für den Vertrieb.

 

VWheute: Frauen oder Männer als Versicherungsvermittler oder Makler: Was können Frauen besser als ihre männlichen Kollegen?

Julia Merkel:  Hier fallen einem schnell klischeehafte Eigenschaften wie Empathie und Kundenbeziehungsmanagement ein. Einmal abgesehen davon, dass sich das auf jüngere Generationen heute nicht mehr so übertragen lässt, glaube ich, dass Persönlichkeitsdimensionen und der Grad an Professionalität und Kompetenz hier entscheidender sind als die Geschlechterunterscheidung.

 

VWheute: In einer Studie der Axa Deutschland hieß es jüngst: "Frauen fehlt es an Selbstbewusstsein in Finanzfragen". Inwieweit fehlt es Frauen an Selbstbewusstsein in Führungspositionen der Versicherer?

Julia Merkel:   Diese generalisierte Aussage halte ich für provokativ und kann sie mit meiner "Empirie" nicht in Einklang bringen. Ich setze auf eine Modernisierung der Führungs- und Zusammenarbeitskultur und darauf, Karrieren neu zu denken und Rollenanforderungen zu modernisieren – denn mit zeitgenössischer Diagnostik haben Menschen eine fundierte Basis für Ihre Berufsentscheidungen sowie Transparenz was es bedeutet, Führungskraft zu sein.

 

VWheute: Werfen wir noch einen kurzen Blick in die berühmt-berüchtigte Glaskugel von VWheute: Wann herrscht in der Versicherungsbranche die "Gleichberechtigung in den Vorstandsetagen"?

Julia Merkel:  Ich schätze, dass wir das in weniger als fünfzehn Jahren erleben werden. Viele aktuelle Entwicklungen sprechen dafür: die hohe Anzahl weiblicher Studienabgänger, die Gender-Entwicklungen, explodierende Möglichkeiten der Digitalisierung, die steigende Anzahl von Männern, die Elternzeit beanspruchen sowie eine veränderte Zusammenarbeitskultur.

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