Getsafe-CEO Christian Wiens 
Getsafe-CEO Christian Wiens Quelle: Getsafe
Schlaglicht

Getsafe-Chef: "Wir werden Allianz und Axa in Bedrängnis bringen"

Von Heng YanTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Das Start-up Lemonade schlägt hohe Wellen in der deutschen Insurtech-Szene. Christian Wiens, CEO von Getsafe, macht sich jedoch keine Sorgen. "Wir haben knapp 60.000 Kunden, die im Durchschnitt erst 29 Jahre alt sind. Das ist eine äußerst hart umkämpfte und lukrative Zielgruppe." VWheute sprach mit Wiens über Bedürfnisse junger Kunden und das Ankommen in einem digitalen Versicherungsmarkt.

Auf dem Markt gibt es bereits einige Online-Versicherungsunternehmen, wie zum Beispiel One, Coya oder die Online-Töchter von den etablierten Playern. Was machen Sie anders als diese Unternehmen? 

Wir unterscheiden uns zum einen dadurch, dass wir uns auf eine ganz klare Zielgruppe fokussieren: Auf junge Menschen zwischen 25 und 30 Jahren, die zum ersten Mal eine Versicherung abschließen. Und hier sind wir bereits extrem erfolgreich. In dieser Zielgruppe haben wir einen Marktanteil von knapp 10 Prozent im Neugeschäft von Privathaftpflichtversicherung – mehr als alle etablierten Versicherer. Wir arbeiten als einziger Anbieter daher auch konsequent App-basiert und beherrschen mobile Technologien deutlich besser als der direkte Wettbewerb. Aber das ist nicht alles: Wir wollen das Versicherungsprodukt selbst neu gestalten und setzen dazu auf neue aktuarielle Modelle, die sich durch Machine Learning ständig optimieren. Das eröffnet uns ganz neue Perspektiven.

Wie machen Sie sich unverwechselbar, gerade bei jüngeren Kunden?

Wir denken Versicherung von Grund auf anders. Versicherungen haften ein Makel an. Sie gelten als unsexy und als lästiges Übel. Das wollen wir ändern. Wir schützen das, was unseren Kunden am meisten am Herzen liegt – mit rein digitalen Versicherungen, die einfach und komplett auf dem Smartphone bedienbar sind.

Was denken Sie, wie könnten Sie sich behaupten gegenüber Amazon, Google und Co., wenn sie in großem Stil ins Versicherungsgeschäft einsteigen würden?

Das ist eine sehr interessante Entwicklung, die wir natürlich genau beobachten. Angesichts der Marktpräsenz und des technologischen Know-hows von Konzernen wie Google, Amazon oder Facebook haben sie ein hohes Potenzial, viele Branchen zu durchmischen. Im Gegensatz zu anderen Produkten sind Versicherungen jedoch ein komplexes, virtuelles Produkt, das nicht nur neue Vertriebswege findet, sondern sich durch AI im Kern verändern wird.  Dazu kommt ein ganz anderes Level an Regulatorik, die von Land zu Land unterschiedlich ist. Wir sind daher zuversichtlich, dass wir von unserem Wissens- und Erfahrungsvorsprung profitieren werden.

Wie überzeugen Sie Ihre Investoren, dass sich die Investition in Ihr Unternehmen lohnt?

Die Zahlen sprechen für uns: Wir haben knapp 60.000 Kunden, die im Durchschnitt erst 29 Jahre alt sind. Das ist eine äußerst hart umkämpfte und lukrative Zielgruppe. Noch wichtiger ist, dass wir ein technologie-fokussiertes Team aufgebaut haben, das innerhalb kurzer Zeit eine international skalierbare Versicherungsplattform auf die Beine gestellt hat. Anders als andere Versicherungsanbieter haben wir damit den gesamten Prozess vom Erstkontakt bis zum Underwriting und der Schadenbearbeitung digital im Blick und können den Kunden über seine gesamte Versicherungsspanne bestens begleiten. Perspektivisch können wir mit diesem selbst entwickelten Kernsystem zudem alle Versicherungssparten abbilden und sind damit bestens für ein starkes Wachstum gerüstet.

Sie geben an, dass die Leistungsauszahlung in wenigen Minuten möglich ist. Wie machen Sie das?

Die Schadensmeldung ist bei all unseren Produkten innerhalb weniger Minuten möglich. So können Sie über unseren Chatbot Carla einen Schaden unkompliziert per Smartphone melden – 24 Stunden am Tag, ohne Warteschleifen am Telefon oder Papierkram. Bei der Zahnschutzversicherung sind wir sogar schon einen Schritt weiter. Hier laden Sie einfach ein Foto der Rechnung hoch, die von einem Algorithmus ausgelesen und überprüft wird. Nach positiver Prüfung werden die Kosten automatisch erstattet, sodass zwischen der 
 Schadensmeldung und dem Zahlungseingang nur ein Tag liegt.

Die Menschen haben immer mehr Apps auf ihren Smartphones, für jede Online-Versicherung und jede Vergleichsplattform eine Extra-App. Es wird schwierig sein, so weiter zu gehen. Haben Sie eine Vorstellung, dass eventuell ein anderer Weg eingeschlagen wird?

Getsafe ist als einzige Neo-Versicherung von Tag 1 darauf ausgelegt Versicherungsprodukte in allen Sparten – Sach, Kranken, Leben – anzubieten. Kunden sollen irgendwann alle Versicherungen bei uns abschließen können. Unser Ziel ist, dass unsere jungen Kunden langfristig nur noch eine App für ihre Versicherung brauchen und aus einer Hand bedient werden.

Die konventionellen Versicherungsunternehmen in der Welt wollen sich die Chancen aus der Digitalisierung nicht entgehen lassen. Man macht sich durchaus viel Mühe. Was ist Ihr Rat?

Die traditionellen Versicherer tun gut daran, ihre Prozesse zu digitalisieren und Technologien für sich zu nutzen. Allerdings kämpfen sie mit einem massiven Modernisierungsrückstau. Die meisten Versicherer besitzen eine veraltete IT-Infrastruktur mit Systemen, die nicht „miteinander sprechen“ können. Sie haben andere Versicherungen aufgekauft, ohne die IT-Systeme jemals zu integrieren. Die Spartentrennung in Kranken-, Lebens- und Sachversicherungsgesellschaften tut ein Übriges. Etablierte Versicherer haben also nicht die Infrastruktur, die es erlauben würde, Kundendaten über die gesamte Vertragslaufzeit und alle Schnittstellen zu bündeln. Und das wiederum ist die Voraussetzung für den Einsatz von künstlicher Intelligenz. Die traditionellen Versicherer betreiben hier sehr viel Flickschusterei. Mit einer echten Digitalversicherung hat das wenig zu tun.

Wie wird die Branche in fünf Jahren aussehen

In fünf Jahren wird sich die Versicherungsbranche nicht grundsätzlich verändert haben. Aber der Markt wird sich konsolidieren und gerade kleinere Versicherungsunternehmen werden ums Überleben kämpfen müssen. Die Insurtechs haben die Nase vorn, was das Thema Digitalisierung und den Einsatz intelligenter Algorithmen angeht. Sie werden dadurch sehr effiziente Prozesse haben, was den Vertrieb, die genaue Kundenansprache, Cross-Selling oder die Schadensbearbeitung betrifft. Und das ist längst nicht alles: Langfristig werden sich die Unternehmen durchsetzen, die ihren Kunden das beste Versicherungserlebnis bieten.

Wie sehen Sie Ihr Unternehmen in fünf Jahren? 

In fünf Jahren werden wir ein ernst zu nehmender globaler Herausforderer sein und Versicherungsriesen wie Allianz, Axa oder Ping An mit unseren hocheffizienten Prozessen, unserem digitalen Versicherungserlebnis und unserem klaren Kundenversprechen in Bedrängnis bringen. Wir planen, in die USA, nach Asien und Latein-Amerika zu gehen. Ja, wir interessieren uns sehr für die asiatischen Märkte. Wir haben auch guten Kontakt mit Fosun aus Schanghai. Die Zukunft der Branche ist digital. Das werden wir unter Beweis stellen.