Frank Walthes, Vorstandsvorsitzender BWV
Frank Walthes, Vorstandsvorsitzender BWVQuelle: BWV
Märkte & Vertrieb

Themenspezial Bildung: Warum der Vermittler mindestens 30 Stunden Weiterbildung pro Jahr braucht

Von Michael StanczykTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Das ergibt sich schon durch die vielen und schnellen Anpassungen bei Produkten, und Regulatorik – von den digitalen Entwicklungen ganz zu schweigen“, berichtet Frank Walthes. In seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des BWV spricht er im zweiten von drei Interviewteilen über Qualifikation im Vertrieb und klassische Lernmethoden.

Der BWV Bildungsverband feiert in diesem Jahr 70-jähriges Jubiläum. Wie hat sich das Thema Bildung verändert – sowohl mit Blick auf Förderung, aber auch mit Blick auf neue Qualifikationen?

 

Es ist ein zentrales Thema der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen unserer Zeit. Was seit 70 Jahren Bestand hat, ist der weiterhin hohe Wert einer Berufsausbildung in Deutschland, gerade auch in der Versicherungswirtschaft.  Durch die Öffnung Richtung Europa – Stichwort Bologna-Prozess – sehen wir uns einer Welle der Akademisierung gegenüber. Diesen Trend geht die Branche aktiv mit, indem sie ein breites Spektrum an berufsbegleitenden Studienangeboten zur Verfügung stellt. Der Anteil der Akademiker im Innen- und Außendienst beträgt inzwischen 23,6 Prozent. Daneben hat auch die berufliche Weiterbildung ohne akademischen Abschluss, also
z. B. die Aufstiegsfortbildung Geprüfte/-r Fachwirt/-in für Versicherungen und Finanzen – das ist der „Meister“ unserer Branche – weiterhin seinen Stellenwert. Laut unserer Weiterbildungsumfrage aus dem Jahr 2015 unterstützen und fördern nahezu alle Unternehmen ihre Mitarbeiter bei diesen Qualifizierungen, sei es finanziell (98 Prozent) oder durch Freistellung (90 Prozent). Zudem wurde die staatliche Förderung durch das Aufstiegs-BAföG deutlich verbessert.

 

Wie steht es um die Qualifizierung des Vermittlers?

 

Es ist ein Bereich, in dem wir in den letzten Jahrzehnten massive Veränderungen feststellen konnten. Seit jeher hat die Branche sich hier mit einer hohen Selbstverpflichtung bezüglich der Beratungsqualität aufgestellt. Der BWV Bildungsverband hat früh die europäischen Gesetzgebungen antizipiert und wir haben seit fünf Jahren mit der Brancheninitiative gut beraten einen neuen, viel beachteten Bildungsstandard gesetzt. Dieser hat die Politik in Brüssel und in Berlin überzeugt. Seine Handschrift ist in der Gesetzgebung zur Umsetzung der IDD wiederzufinden. Ansonsten bleibt der stete Wandel. Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck an digitalen Kompetenzprofilen auf allen Ebenen, um die Mitarbeiter der gesamten Branche für aktuelle und kommende Anforderungen fit zu machen.

 

Wie bewerten Sie die IDD Richtlinie eigentlich?

 

Die IDD ist die gesetzliche Verankerung des Verbraucherschutzgedankens, dass sich Vermittler weiterbilden müssen. Der Gesetzgeber hat eine Zahl von 15 Stunden als Untergrenze festgeschrieben. Als Branche haben wir uns vor rund 5 Jahren auf 30 Stunden Weiterbildung im Jahr verständigt – eine doppelt so hohe Anforderung im Vergleich zu den Mindestangaben des Gesetzgebers. Die gesetzlich geforderten 15 Stunden bringen sicher keinen Vermittler aus der Ruhe. Natürlich bedeutet es zusätzlichen Aufwand, seine Weiterbildung nicht nur gegenüber der jeweiligen Aufsicht, sondern auch gegenüber dem Arbeitgeber oder dem Produktgeber nachzuweisen. Mit 5 Jahren Erfahrung bei gut beraten haben wir aber gesehen, wie eine Verpflichtung zur Weiterbildung – freiwillig oder gesetzlich verordnet – den Stellenwert der Weiterbildung und die Qualität der Bildungsmaßnahmen erhöht. Die Chance, einen weiteren Beitrag für die Reputation des Vertriebs zu leisten, werden wir als Branche nutzen. Für die vielen professionell agierenden Vermittler und Makler gehen wir nach wie vor davon aus, dass mindestens 30 Stunden im Jahr einen angemesseneren Anspruch darstellen. Das ergibt sich schon durch die vielen und schnellen Anpassungen bei Produkten, und Regulatorik – von den digitalen Entwicklungen ganz zu schweigen.

 

Mit der Digitalisierung wird der Zugang zu Bildung und Wissen immer einfacher, so scheint es. Droht Quantität statt Qualität?

 

Der indische Bildungsforscher Sumatra Mitra hat mit seinem vielbeachteten Experiment „A Hole in the Wall“ die These aufgestellt, dass es keine systematische Vermittlung von Wissen durch Lehrer mehr braucht, um junge Menschen auf eine Zeit vorzubereiten, in der sie dieses Wissen eventuell benötigen. Stattdessen glaubt er, dass sich jeder Mensch zu jeder Zeit im Internet alles aneignen kann, was er im Moment braucht. Das ist sicher eine extreme Sichtweise und stellt das deutsche Bildungssystem in Gänze in Frage.

 

 

Wie ist es wirklich?

 

Die Wahrheit wird in der Mitte liegen – es gilt auch noch die Einsicht von Goethe, dass man nur sieht was man weiß. Wir brauchen daher meiner Ansicht nach beides: eine gut organisierte Vermittlung von Kompetenzen mit einer soliden Wissensbasis in der Schule und Ausbildung, damit die Informationen, die auf die jungen Menschen einströmen, gut geordnet und reflektiert werden können. Und dann benötigen wir sicherlich eine Stärkung der Fähigkeit, sich selbst Wissen schnell und bei Bedarf anzueignen. Das können wir als Bildungsinstitutionen gut unterstützen, indem wir kurzfristig verfügbare und flexible Bildungsformate und -methoden entwickeln, gerade im Kontext der digitalen Lernumgebungen (Stichwort: blended learning).

 

Klassische Qualifizierungsmethoden werden also weiterhin Bestand haben …

 

Sie sind notwendig und haben ihre Berechtigung. Unsere Aufgabe an dieser Schnittstelle zwischen Quantität und Qualität ist es, die positiven Effekte beider zu verzahnen. Das heißt konkret den Einbau digitaler Lernmodule und -inhalte in alle Qualifizierungen unserer Bildungsarchitektur. Interessanterweise stellen wir fest, dass gerade junge Leute zwar selbstverständlich das aus dem Internet abrufen, was sie für den „täglichen Gebrauch“ benötigen. Systematisch organisierte Online-Lernprozesse durchlaufen sie allerdings nicht so gerne. Lieber sind ihnen Formate, bei denen sie sich mit ihrer Peer-Group austauschen und ausprobieren können – das kann in einer virtuellen Umgebung sein, doch sie schätzen auch das persönliche Zusammenkommen und die soziale Interaktion. Die analogen Formate haben also nicht ausgedient, aber sie müssen anders organisiert werden und die Kompetenzen aufgreifen, die die Menschen schon mitbringen. 

Frank Walthes · BWV Bildungsverband
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