Frank Walthes, Vorstandsvorsitzender BWV
Frank Walthes, Vorstandsvorsitzender BWVQuelle: BWV
Schlaglicht

Themenspezial Bildung: "Luft nach oben ist immer"

Von Michael StanczykTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Mit Blick auf die Weiterbildung liegt die Branche bei 100 Prozent und damit deutlich über den Werten der Gesamtwirtschaft, die aktuell etwa 85 Prozent erreicht, sagt Frank Walthes. In seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des BWV spricht er ab heute im ersten von drei Interviewteilen über zentrale Projekte, die richtige "Bildungsarchitektur" und digitale Potenziale.

Herr Walthes, Sie wurden zuletzt als Vorsitzender des BWV wiedergewählt. Welche Ziele und Programme gehören zu den wichtigsten auf Ihrer Agenda?

 

Wir haben uns erst kürzlich in der BWV-Vorstandssitzung gemeinsam zu den aktuellen Schwerpunktthemen und - projekten abgestimmt. Der BWV Bildungsverband wird zusammen mit den regionalen Berufsbildungswerken und der Deutschen Versicherungsakademie (DVA) - einen deutlichen Beitrag dazu leisten, dass wir die Mitarbeiter im Innen- genauso wie im Außendienst für die zukünftigen Aufgaben qualifizieren. Die Veränderungen in der Arbeitswelt erfordern neue Rollen und Anforderungen und damit auch andere, neue Aus- und Weiterbildungsangebote als in der Vergangenheit.

 

Was bedeutet das konkret?

 

Konkret haben wir ein Curriculum für digitale Kompetenzen entwickelt. Dieses Qualifizierungsangebot, mit Prüfung und Zertifikat speziell für die Versicherungswirtschaft, wird nun ausgerollt. Digitale Kompetenzen sind dabei ein wichtiger Baustein für ein zukunftsweisendes Berufsbild. Wir wollen den Ausbildungsberuf Kaufmann/Kauffrau für Versicherungen und Finanzen im Rahmen eines Neuordnungsverfahrens modernisieren. Die Vorbereitungen mit den Sozialpartnern laufen bereits. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Umsetzung der Versicherungsvermittlungsverordnung und der neuen Anforderung an die vertrieblich Tätigen, damit die erforderliche Weiterbildung von jährlich 15 Stunden nachgewiesen werden kann. Vermittler sollen ihre Fach- und personale Kompetenz nicht nur aufrechterhalten, sondern auch erweitern. Seit 2014 hat die Versicherungswirtschaft mit der freiwilligen Brancheninitiative gut beraten ein System entwickelt, das die Weiterbildungen systematisch dokumentiert und qualitätssichert. Über 170.000 Teilnehmer haben bereits ein Bildungskonto bei gut beraten. Die dort dokumentierten Weiterbildungen entsprechen dem von der Branche entwickelten gemeinsamen Standard. 2019 wird es darauf ankommen, dass auch die für die Aufsicht zuständigen Stellen die von der Branche geleisteten erheblichen Anstrengungen und Investitionen anerkennen. Hier werden wir uns deutlich positionieren.

 

… relevante Aspekte, die Sie erwähnen …

 

… und das sind nur zwei von vielen sehr breit gestreuten Aktivitäten des BWV Bildungsverbands. Viel Arbeit fließt darüber hinaus z. B. in die Qualitätssicherung der Ausbildung, zum Beispiel durch systematische Lehrer-Fortbildungen, oder in die Qualität der Sachkundeprüfungen für Versicherungsvermittler, für die wir als Dienstleister der Industrie- und Handelskammern die Prüfungen organisieren. Insgesamt erkennen wir, dass Qualifizierung ein immer wichtigeres Thema in unserer Gesellschaft wird. Als Versicherungswirtschaft sind wir im Bildungsbereich exzellent aufgestellt. Das wollen wir weiter nutzen und ausbauen. Denn schließlich möchten wir, dass unsere Mitarbeiter in der Versicherungswirtschaft als kompetente Botschafter unserer Unternehmen handeln und als Experten in Beratung und Verkauf erlebt werden. Nur so sichern wir uns langfristig das Vertrauen unserer Kunden.

 

 

Wo läuft es in der Versicherungsbranche im Bereich Aus- und Weiterbildung schon heute gut, wo hakt es?

 

Wir haben in beiden Bereichen schon heute ein hohes Qualitätsniveau. Das bestätigen die Ergebnisse unserer jährlich durchgeführten Aus- und Weiterbildungsumfragen. In der Weiterbildung zeigt sich dies nicht nur hinsichtlich der Lernbereitschaft des einzelnen Mitarbeiters. Auch das, was die Versicherer als Arbeitgeber an Lernangeboten schaffen, wird honoriert und angenommen. Jeder Versicherer bildet seine Mitarbeiter weiter. Die Branche liegt hier bei 100 Prozent und damit deutlich über den Werten der Gesamtwirtschaft, die aktuell etwa 85 Prozent erreicht. Für die Versicherungswirtschaft sind das im Durchschnitt 26,4 Weiterbildungsstunden pro Jahr und Mitarbeiter. Dabei investieren die Häuser etwas mehr als 2.100 Euro pro Beschäftigten, der Durchschnitt aller Branchen liegt hingegen nur bei rund 1.100 Euro. Die Zahlen resultieren aus der letzten Vergleichserhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) mit anderen Branchen aus dem Jahr 2017 und beziehen sich auf den Innendienst.

 

Und die digitale Weiterbildung? Versicherern wird oft nachgesagt, Digitalisierung auch in der personellen Ausbildung verschlagen zu haben.

 

In Sachen Weiterbildung für die digitale Transformation hat die Assekuranz die erwähnte Entwicklung durch überdurchschnittliches Weiterbildungsengagement antizipiert. In Bezug auf die eingesetzten Schulungsthemen bzw. Lehr- und Lernmethoden wird das fortschrittliche Gesamtbild der Branche verstärkt. Eine große Rolle spielen in der Versicherungswirtschaft webbasierte Lernformen wie beispielsweise computer- oder webbasierte Selbstlernprogramme. Mit einem überproportionalen Einsatz von über 80 Prozent liegen wir deutlich über dem Durchschnitt aller Branchen, die noch keine 50 Prozent erreichen. Weiterer großer Pluspunkt bei der Weiterbildung in unserer Branche ist seit jeher die hervorragende Anschlussfähigkeit der Qualifikationen. Dies ist bekannt unter dem Stichwort „Durchlässigkeit des Bildungssystems“. Wir nennen unser System „Bildungsarchitektur“, das dem Motto „Abschlüsse mit Anschlüssen“ folgt.

 

Was steckt dahinter?

 

Dass Sie sich heute als Kaufmann oder Kauffrau für Versicherungen und Finanzen über den Fachwirt und Bachelor bis zum Masterabschluss berufsbegleitend weiterbilden können.

 

Wie steht es um die kaufmännische Erstausbildung?

 

Hier können wir ebenfalls Positives berichten. Das Berufsbild der Kaufleute für Versicherungen und Finanzen zeichnet sich durch eine beständig hohe Bestehensquote bei den Abschlussprüfungen aus. Das ist ein Indiz für das hohe Engagement der Versicherungsunternehmen und Schulen in puncto Ausbildung. So haben 2017 rund 99 Prozent aller Azubis ihre Abschlussprüfungen bestanden. Wir sind attraktive Arbeitgeber, die Berufseinsteiger auf vielseitige, auch spezialisierte Tätigkeiten in der Branche vorbereiten. Viele junge Menschen entscheiden sich heute für ein duales Studium. Bereits 91 Prozent aller ausbildenden Versicherer bieten dies an. Die zunehmende Integration moderner Arbeitsmethoden, wie z.B. agile Methoden - Kanban (36 Prozent), Scrum (34 Prozent) oder Design Thinking (30 Prozent) - gewährleisten eine zukunftsgerichtete Ausgestaltung der Ausbildung. Eine berufliche Bildung in der Versicherungswirtschaft ist extrem spannend und vielseitig. Wir garantieren eine permanente Weiterentwicklung der Lern- und Lehrinhalte, um den Ausbildungsberuf immer up to date zu halten.

 

Gibt es also keine Luft nach oben mehr?

 

Luft nach oben ist immer – wir sehen eine der größten Herausforderungen derzeit darin, dem Tempo der digitalen Transformation mit einem adäquaten „digital upskilling“ für alle Mitarbeiter zu folgen. Mit unserer Kampagne „discover digital“ bieten wir ein Basisangebot. Unser Ziel ist es, wirklich alle mitzunehmen.

Frank Walthes · BWV Bildungsverband
Auch interessant
Zurück
07.08.2019VWheute
Themen­spe­zial Bildung: „Umset­zung der IDD ist kein lästiges Abhaken einer weiteren büro­kra­ti­schen Verpflich­tung“ Dass die Insurance …
Themen­spe­zial Bildung: „Umset­zung der IDD ist kein lästiges Abhaken einer weiteren büro­kra­ti­schen Verpflich­tung“
Dass die Insurance Distribution Directive eine weitere Professionalisierung im Vertrieb fördert, davon ist Frank Walthes überzeugt. In seiner Funktion als …
06.08.2019VWheute
Themen­spe­zial Bildung: Warum der Vermittler mindes­tens 30 Stunden Weiter­bil­dung pro Jahr braucht Das ergibt sich schon durch die vielen und …
Themen­spe­zial Bildung: Warum der Vermittler mindes­tens 30 Stunden Weiter­bil­dung pro Jahr braucht
Das ergibt sich schon durch die vielen und schnellen Anpassungen bei Produkten, und Regulatorik – von den digitalen Entwicklungen ganz zu schweigen“, berichtet Frank Walthes. In …
16.07.2019VWheute
Vermittler setzen verstärkt auf Weiter­bil­dung Die Versicherungsvermittler scheinen ein immer größeres Interesse an Weiterbildungen zu entwickeln. …
Vermittler setzen verstärkt auf Weiter­bil­dung
Die Versicherungsvermittler scheinen ein immer größeres Interesse an Weiterbildungen zu entwickeln. Nach Angaben des Berufsbildungswerks der Deutschen Versicherungswirtschaft (BWV) e.V. ist die Zahl der Weiterbildungskonten im …
11.07.2019VWheute
Aylin Somersan Coqui und Thomas Bischof rücken in den Vorstand des BWV auf Aylin Somersan Coqui, Personalvorständin der Allianz Deutschland AG und …
Aylin Somersan Coqui und Thomas Bischof rücken in den Vorstand des BWV auf
Aylin Somersan Coqui, Personalvorständin der Allianz Deutschland AG und Thomas Bischof, Vorstandsvorsitzender der Württembergische Versicherung AG und Württembergische Lebensversicherung, sind in den …
Weiter