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Politik & Regulierung

Brexit: Johnson nimmt No-Deal in Kauf - Londoner Versicherer sind empört

Von Philipp ThomasTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Noch drei Monate bis zum Brexit. Die neue britische Regierung von Premierminister Boris Johnson wappnet sich konkret für einen ungeregelten EU-Ausstieg und die Folgen des von der Wirtschaft gefürchteten Szenarios. Die Versicherer aus London fordern zumindest, dass sich UK und die EU in Sachen Äquivalenz einigen, sonst droht der Verlust der Passporting-Rechte. 

Allzu lange steckte der Londoner Markt den Kopf in den Sand was die zu erwartenden negativen Brexit-Konsequenzen angeht. So schlimmt, meinte man, werde es nicht kommen, in letzter Minute werde Großbritannien der EU noch ein den status quo mehr oder weniger erhaltendendes Abkommen abtrotzen können. Nun aber wird der Londoner Versicherungsmarkt nervös. Die London Market Group (LMG) fordert ultimativ die britische Regierung auf, sie möge mit Nachdruck das Ziel der regulatorischen Äquivalenz im Bereich der Rückversicherung verfolgen ohne die der Ärmelkanal für Zessionen eine unüberwindliche Barriere zu werden droht.

 

Nach Ersatz der wankelmütigen Theresa May als Premier durch den machthungrigen Boris Johnson ist man sich der Sache nun nicht mehr so sicher. Die Wahrscheinlichkeit eines hard-Brexit wächst - zumal die EU weder auf die bereits ausgehandelten 39 Mrd. Pfund an Schlusszahlungen noch auf den Irish-Backstop verzichten dürfte. Letzterer soll eine zolltechnische Zerschneidung der grünen Insel verhindern, käme aber letztlich einer zolltechnischen Abspaltung von Nordirland/Ulster vom Rest des Vereinigten Königreich gleich.

 

Mit der Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit britischer Finanzinstitute im Bereich der EU27 dürfte es nun tatsächlich zuende gehen. Die bescheidener gewordenen Hoffnungen des Londoner Markts gelten der als Minus fortgeltenden regulatorischen Äquivalenz. Dies betrifft insbesondere die durch den Londoner Markt aus der EU27 künftig übernommene Rückversicherung. Jedoch bestand bislang währender britischen EU-Mitgliedschaft keine Notwendigkeit über die wechselseitige Konzedierung einer regulatorischen Äquivalenz nachzudenken, wie sie im Verhältnis zwischen der EU, den USA, der Schweiz, Japan und den Bermudas besteht.

Faktisch gleichgestellt, aber nicht rechtlich bindend

Zwar gibt es keinen Zweifel hinsichtlich der faktischen Äquivalenz der britischen Aufsicht, doch müsste eine solche auch in rechtlich bindender Weise vereinbart werden. Die diesbezüglichen Verhandlungen könnten mehrere Jahre dauern und von sich aus dem Brexit ergebenden Querelen überschattet werden. Stichworte sind die der EU (vermeintlich) geschuldeten 39 Mrd. Pfund, Fischereirechte in britischen Gewässern sowie Bleiberechte und Sozialversicherungsansprüche von sich post-Brexit auf der jeweils falschen Seite des Ärmelkanals sitzenden EU-Bürgern.

 

Britische Erwartungen, was die Selbstverständlichkeit der regulatorischen Äquivalenz in Sachen Rückversicherung angeht, erhielten soeben einen Dämpfer. Die EU-Kommission verlautbarte, sie unterwerfe ihre bisherige Praix in Sachen Äquivalenz einer Üerprüfung mit dem Ziel eines künftigen systematischeren Ansatzes. Gleichzeitig nahm sie die bislang in Sachen Bank-Ratings konzedierte Äquivalenz für Ratingagenturen aus Argentinien, Australien, Brasilien, Kanada und Singapore zurück.  Ähnlich wie sich die EU derzeit auch gegenüber der Schweiz wenig kompromissbereit gibt, sieht es so aus, als wäre die Verhärtung in Sachen Banken-Ratings ein weiterer Schuss vor den Bug Britannias.

Umzüge nach Brüssel wären umsonst gewesen

Die Konsequenzen eines Fehlens der regulatorischen Äquivalenz post 31.10.2019 wären beträchtlich:

  • EU-Zedenten könnten Rückversicherungs-Zessionen in den Londoner Markt nicht mehr bei der eigenenn Solva-Berechnung berücksichtigen, es sei denn, es wäre eine volle Besicherung der zedierten technischen Verbindlichkeiten vereinbart.
  • Dies gälte nicht nur hinsichtlich neuer Zessionen, sondern auch hinsichtlich noch offenstehender zedierter technischer Rückstellungen, etwa auch hinsichtlich eines vor 10 Jahren zedierten Auto-Schadenexcezedenten. Mancher EU2-Zedent könnte ohne eigenes Zutun vom 31.10. auf den 1.11. eine nicht unerhebliche Solva-Verschlechterung feststellen müssen. Eine Konsequenz, die sich freilich durch das rechtzeitige Aushandeln einer Depotverpflichtung für den Fall eines hard Brexit hätte vermeiden lassen.
  • Die Vorschaltgesellschaft Lloyd’s Bruxelles könnte nicht wie geplant auf der Basis einer praktische 100%igen Quotenabgabe an die Londoner Syndikate funktionieren, bräuchte stattdessen ca. 6 Mrd. Euro an in der EU belegenem Eigenkapital.

Im Einzelnen fordert die LMG:

  • Beibehalten äquivalenter, d.h. EU kompatibler Regulierung in Großbritannien, also kein künftiges Auseinanderklaffen der aufsichtsrechtlichen Ansätze
  • Klare EU-Regeln, in welchen Szenarien die EU bereit ist die Äquvalenz ausländischer Aufsichtsregime anzuerkennen. Hiermit möchte die LMG wohl ein politisch motiviertes Feilschen verhindern.
  • Vereinbarung der Äquivalenz in Sachen Rückversicherung zwischen EU27 und UK
  • Für die Zeit des Schwebezustands eine Übergangsperiode während derer sich erst einmal nichts ändern soll.

Insgesamt geht es um 8 Mrd. Pfund an EU27-Prämie, die via Makler jährlich in den Londoner Versicherungsmarkt schwemmt. Eine klare Differenzierung zwischen Erst- und Rückversicherung findet bei der Zahlenerhebung nicht statt.

Sollte Großbritannien ab dem 1.11. nicht als äquivalent gelten so dürfte dies auch zu einer dramatischen Kapazitätsverknappung in solchen Sparten führen, die wesentlich im Londoner Markt rückversichert werden, etwa Luftfahrt, Transport, Kunst, contingency, politische Risiken.