Rupert Stadler, ehemaliger Audi-Chef
Rupert Stadler, ehemaliger Audi-ChefQuelle: dpa
Schlaglicht

D&O-Spezialist über den Fall Stadler: "Topmanager haben keinen Freifahrtschein"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Ermittlungen, Untersuchungshaft, Anklage. Die letzten beiden Jahre wird der ehemalige Audi-Chef Rupert Stadler nicht genossen haben. Welche Folgen der Fall für die D&O und die Versicherbarkeit der Automobilbranche hat, weiß Franz Held, Rechtsanwalt und Mitglied der Geschäftsleitung beim Kölner D&O-Versicherer VOV.

Im Dieselskandal hat die Münchner Staatsanwaltschaft Anklage gegen den früheren Audi-Chef sowie drei weitere Beschuldigte erhoben. Ihnen werden Betrug, Falschbeurkundung sowie strafbare Werbung vorgeworfen. Den Mitbeschuldigten wird zu Last gelegt, Motoren für Fahrzeuge der Marken Audi, VW und Porsche entwickelt zu haben, deren Steuerung mit einer unzulässigen Softwarefunktion ausgestattet war. Die Software konnte Abgaswerte so abändern, dass sie die gesetzlichen Grenzwerte formal einhielt, tatsächlich betrugen diese ein Vielfaches des Erlaubten. Das Unternehmen Audi wurde im Zuge des Abgasskandals zu einer Strafzahlung von 800 Mio. Euro verurteilt.

 

Stadler selbst hätte laut Staatsanwaltschaft "spätestens ab Ende September 2015 von den Manipulationen Kenntnis gehabt und gleichwohl weiter den Absatz von betroffenen Fahrzeugen der Marken Audi und VW veranlasst bzw. den Absatz nicht verhindert". Insgesamt geht es um über 434.000 Fahrzeuge der Marken Audi, VW und Porsche. Es gibt also einige Punkte, über die mit Franz Held, Rechtsanwalt und Mitglied der Geschäftsleitung beim Kölner D&O-Versicherer VOVgesprochen werden kann und muss.

Franz Held
Franz HeldQuelle: VOV

VWheute: Herr Held, Wie beurteilen Sie die neuen Entwicklungen im Fall Stadler?

Franz Held: Der Fall Stadler zeigt, dass auch für oft als unantastbar wahrgenommene Top-Manager kein Freifahrtschein gilt. Wem vorgeworfen wird, zigtausende Verbraucher getäuscht und die Umwelt gefährdet zu haben, der wird sich schon wegen des großen öffentlichen Interesses seiner Verantwortung nicht entziehen können.

 

VWheute: Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, spätestens seit 2015 von den Manipulationen gewusst zu haben. Ist so etwas überhaupt endgültig zu klären, eine schriftliche Erklärung wird er wohl kaum abgegeben haben.

Franz Held: Wenn eine renommierte Staatsanwaltschaft wie München II bereit ist, Anklage zu erheben, dann dürften die gesammelten Beweise schon ein sehr klares Bild ergeben. Beschuldigte müssen sich nicht selbst belasten, ich gehe deshalb davon aus, dass die Ankläger dokumentierte Beweise und Zeugenberichte haben. Klar ist schon, dass Rupert Stadler einen erheblichen Teil seiner Reputation eingebüßt hat.

 

VWheute: Wäre es möglich, dass die D&O partiell leistet? Das er beispielsweise der Falschbeurkundung schuldig gesprochen wird, aber in anderen Punkten springt die D&O ein, weil der Vorsatz nicht bewiesen werden kann.

Franz Held: D&O-Versicherungen stellen keine Strafrechtsschutzdeckungen dar. Wenn aber aufgrund der Abgasmanipulationen zivilrechtlich gegen Herrn Stadler vorgegangen wird, zahlt die D&O nicht nur die Abwehrkosten, sondern üblicherweise auch die Kosten eines Strafverteidigers für ein damit zusammenhängendes Strafverfahren. Wer wissentlich gehandelt hat, muss diese Kosten häufig erstatten.

 

VWheute: Wie lange wird sich der Prozess wohl ziehen?

Franz Held: Zuerst entscheidet das Gericht, ob ein Verfahren eröffnet wird. Wenn wirklich alle straf- und zivilrechtlichen Aspekte aufgeklärt werden sollen, gehe ich nicht davon aus, dass der Prozess vor 2025 endet.

 

VWheute: Was droht bei einem Schuldspruch an Strafe?

Franz Held: Das Gericht bewertet das individuelle Verschulden des Audi-Chefs und wie groß der angerichtete Schaden ist. Allein bei einem besonders schweren Fall des Betrugs drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Das Strafmaß kann höher ausfallen, wenn sich noch weitere Anklagepunkte realisieren.

 

VWheute: Was bedeutet der Fall für die D&O-Versicherung als Branche, sie arbeitet ja in letzter Zeit eher defizitär.

Franz Held: Wer eine Versicherung anbietet, muss auch zahlen, wenn es zum Schwur kommt. Die aktuellen Entwicklungen führen wohl dazu, dass die Automobilbranche und vielleicht auch die Zulieferer zu den bislang gewohnten Konditionen keine D&O-Deckungen mehr bekommen.

 

VWheute: Haben die Klagen gegen Manager zugenommen, oder steigen nur die Schadensummen. Was bedeutet das für die Branche?

Franz Held: Unserer Erfahrung nach steigen vor allem die geforderten Schadensummen. Das liegt insbesondere daran, dass Insolvenzverwalter ihre Forderungen gegenüber den D&O-Versicherern immer häufiger ausreizen.

 

VWheute: Sind Top-Manager noch versicherbar, wenn selbst einst seriöse Unternehmen wie Audi und VW vor Skandalen nicht mehr sicher sind?

Franz Held: Wir sollten aufpassen, dass wir den Job des Managers nicht so stigmatisieren, dass das keiner mehr machen will. Audi und Rupert Stadler bekommen jetzt zu spüren, dass Deutschland mit über die strengsten Haftungsnormen weltweit verfügt. Die große Mehrheit der Entscheider will sich aber nur um das eigentliche Geschäft kümmern und das gut machen. Diese Chefs werden auch weiterhin eine D&O-Versicherung finden, um sich gegen die ‚normalen‘ Haftungsrisiken abzusichern.

 

Anmerkung der Redaktion: Gerne hätte VWheute auch mit Audi zum Thema gesprochen, doch wegen Problemen mit dem Server erreichte die Nachricht von VWheute das Unternehmen erst spät, sodass das Gesprächsangebot seitens Audi die Redaktion nicht mehr vor Redaktionsschluss erreichte. (Änderung des letzten Absatzes am 01.08.2019)

VOV · D&O Versicherung · Rupert Stadler · Audi · VW-Abgas-Skandal · Betrug
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