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Märkte & Vertrieb

Verbraucherschützer monieren hohe Abschluss- und Vertriebskosten bei Sofortrenten

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Verbraucherzentrale Hamburg (VZHH) macht wieder einmal Front gegen die Versicherer. Casus Knacksus ist diesmal die sogenannte Sofortrente. Der Vorwurf der Verbraucherschützer: Die angeblich zu hohen Abschluss- und Vertriebskosten von bis zu sechs, wie eine Stichprobe belegen soll.

Anlass der Stichprobe war laut Verbraucherzentrale die Beschwerde einer Verbraucherin aus Hamburg, die bei einem Beratungsgespräch über die hohen Abschluss- und Vertriebskosten ihrer Sofortrente geklagt habe. Dabei hätte die Provinzial Versicherung ihr fünf Prozent der Beitragssumme berechnet. Für die Erhebung die Verbraucherschützer von folgender Annahme aus: Eine 65-jährige Person möchte 50.000 Euro verrenten lassen. Die Rente soll teildynamisch sein. Ein Versicherungsschutz bzw. Hinterbliebenenschutz besteht nicht. Das Ergebnis der untersuchten Versicherer im Überblick: 

 

  • HDI Lebensversicherung AG: 3.022,61 Euro (2.998,61 Euro Abschluss- und Vertriebskosten + 24 Euro Verwaltungskosten zu Vertragsbeginn)
  • Alte Leipziger Lebensversicherung: 2.766,98 Euro (1.999,26 Euro Abschluss- und Vertriebskosten + 767,72 Euro Verwaltungskosten zu Vertragsbeginn)
  • Württembergische Lebensversicherung AG: 2.399,87 Euro (1.999,89 Euro Abschluss- und Vertriebskosten + 399,98 Euro Verwaltungskosten zu Vertragsbeginn)
  • Lebensversicherung von 1871 a. G. (LV 1871): 2.250 Euro (1.250 Euro Abschluss- und Vertriebskosten + 1.000,00 Euro Verwaltungskosten zu Vertragsbeginn)
  • Allianz Lebensversicherungs-AG: 1.999,98 Euro (1.999,98 Euro Abschluss- und Vertriebskosten zu Vertragsbeginn)

 

Demnach würden die reinen Abschluss- und Vertriebskosten nach den Berechnungen der VZHH zwischen rund 2,5 Prozent (LV 1871) und etwa sechs Prozent (HDI Lebensversicherung AG) liegen. Würde mandie einmaligen Verwaltungskosten zu Vertragsbeginn hinzurechnen, ergebe sich eine Kostenbelastung von annähernd vier Prozent bei der Allianz Lebensversicherungs-AG bis rund sechs Prozent beim Anbieter HDI. Zudem würden bei allen Anbietern jedes Jahr zusätzlich weitere Verwaltungskosten anfallen.

 

"Verbraucher mit einer Sofortrente werden gegenüber denjenigen mit einer klassischen Lebens- oder Rentenversicherung spürbar benachteiligt. Hier muss der Gesetzgeber nachbessern und dafür sorgen, dass die Kostenbelastung für Verbraucher sinkt, sodass sie nicht um ihr Geld für den Ruhestand gebracht werden", fordert Kerstin-Becker-Eiselen von der Verbraucherzentrale Hamburg. Davon betroffen seien auch Sparer, die das Kapital eines mit Riester geförderten Bank- oder Fondssparplans nach der Ansparphase verrenten lassen wollen.

"Isolierter Vergleich der Abschlusskosten hinkt"

Widerspruch gab es erwartungsgemäß vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). "Ein isolierter Vergleich der Abschlusskosten zwischen Sofortrenten gegen Einmalbeitrag und aufgeschobenen Renten gegen laufenden Beitrag hinkt. Die Verwaltungskosten sind in der Rentenzahlungsphase mit durchschnittlich weniger als zwei Prozent der ausgezahlten Rentenleistung sehr niedrig. Bei der Betrachtung der Gesamtkostenbelastung liegen Sofortrenten eher niedriger als vergleichbare Anlageprodukte sowie aufgeschobene Rentenversicherungen. Zum Beispiel ergibt sich für eine sofortbeginnenden Rente, selbst bei der Annahme von fünf Prozent Abschlusskosten vom Einmalbeitrag sowie zwei Prozent laufenden Kosten je Jahresrente, durch die einkalkulierten Kosten eine Renditeminderung von nur ca. 0,65 Prozent. Zum Vergleich: Ein typischer Rentenfonds kostet rund ein  Prozent pro Jahr, der Ausgabeaufschlag kommt noch dazu", betonte ein Sprecher auf Anfrage von VWheute.

 

Ähnlich argumentiert auch die HDI: "Ein alleiniger Vergleich von Abschlusskosten von Sofortrenten gegen Einmalbeitrag und aufgeschobenen Rentenversicherungen gegen laufenden Beitrag hinkt, da hier unterschiedliche Kundenbedürfnisse bedient werden müssen. Hinzu kommt: Eine Stichprobe unter sechs Gesellschaften von über 80 Lebensversicherern erlaubt kein umfassendes Bild über die Kostensituation von Sofortrenten. Es ist richtig, dass die Abschlusskosten bei der HDI Sofortrente im vorliegenden, nicht repräsentativen Vergleich höher liegen als vergleichbare Tarife des Wettbewerbs. Die Höhe der Rentenleistungen und der Versicherungsumfang werden nicht thematisiert. Entscheidend ist jedoch, mit welchen Leistungen der Kunde rechnen kann. Die Verbrauchzentrale Hamburg vergleicht allein die Höhe der Abschlusskosten. Die Frage, inwieweit diese Form der Darstellung kundengerecht ist, bleiben die Verbraucherschützer schuldig. Grundsätzlich sollte der Bedarf des Kunden im Vordergrund stehen. Ein Punkt, der für die Sofortrente spricht: Der Kunde erhält garantierte Rentenleistungen, die nicht gekürzt werden können und das ein Leben lang. Zudem kann sich die Rente im Rahmen der Überschussbeteiligung noch erhöhen.

 

Widerspruch gibt es auch von der Alte Leipziger: "Beim Vergleich der Kosten kann unserer Auffassung nach von einer „spürbaren Benachteiligung“ von Kunden mit einer Sofortrente gegenüber Kunden mit einer klassischen Rentenversicherung mit laufender Beitragszahlung nicht gesprochen werden. Denn hier werden Äpfel mit Birnen miteinander vergleichen, weil es sich um unterschiedliche Produkte handelt. Außerdem sind bei einem Kostenvergleich nicht nur die Kosten zu Vertragsbeginn in der Übersicht in der Presse-Information, sondern die gesamten Kosten über die Laufzeit zu berücksichtigen. Diese müssen in der Summe mit den Kosten für aufgeschobene Rentenversicherungen verglichen werden. Bei der Betrachtung und Bewertung der Kosten für die Sofortrente muss berücksichtigt werden, dass der Abschluss einer solchen Versicherung eine wichtige Entscheidung ist, für die vor Vertragsabschluss eine ausführliche und qualifizierte Beratung erforderlich ist. Wird diese nicht gewünscht oder benötigt, bietet die Alte Leipziger Sofortrenten auch als sog. Nettotarife an. In diesem Fall würden im Modellfall der Verbraucherzentrale für die 65-jährige Person, die 50.000 Euro verrenten will, einmalige Kosten in Höhe von nur 268 Euro entstehen. Das Risiko, dass der Kunde ohne Beratung nicht das für ihn passende Produkt wählt, liegt dann allerdings bei ihm.

 

Zudem wolle man "darauf hinweisen, dass die Sofortrente der Alte Leipziger – anders als in der Presse-Information des Verbands behauptet – sehr wohl Versicherungsschutz enthält. Er besteht in einer lebenslang garantierten Rentenzahlung und einer Todesfallleistung zur  Absicherung der Hinterbliebenen in Form einer Rentengarantiezeit bzw. eines Guthabenschutzes." Die LV 1871 antwortete heute auf Anfrage von VWheute lapidar: "Die Zahlen sind korrekt und werden transparent ausgewiesen. Wir bewegen uns damit im gesetzlichen Rahmen."

 

Die Württembergische bestätigt indes die Berechnungen der Verbraucherschützer: "Die Verbraucherzentrale Hamburg hat in einer Pressemitteilung vom 24. Juli 2019 verschiedene Lebensversicherer und deren Abschluss- und Vertriebskosten genannt. Die für die Württembergische Lebensversicherung AG benannten Kosten sind zutreffend - das Unternehmen bewegt sich damit in einer vergleichbaren Bandbreite. Die Abschluss- und Vertriebskosten der Württembergischen fließen unter anderem in die Entwicklung bedarfsorientierter und flexibler Produkte sowie in die umfassende Beratung und Betreuung ihrer Kunden ein. Die gute Qualität der Beratung stellt das Unternehmen durch eine hohe Qualifizierung seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sicher", heißt es in einer Stellungnahme des Versicherers.

 

Die Allianz erklärt dazu: "Auch eine Sofortrente ist ein langfristiger Vertrag, der im Alter ein zusätzliches Einkommen sicherstellt. Für unsere Kunden entscheidend ist daher die Gesamtkostenquote über den ganzen Zeitraum hinweg. Sie gibt an, um wie viel sich die jährliche Wertentwicklung nach Abschluss- und Vertriebskosten sowie der übrigen Kosten im Rentenbezug reduziert.  Hier ein Rechenbeispiel (Allianz PrivatSofortRente, 50.000 Euro, 20 Jahre Rentenzahlungsdauer): Ausgehend von der aktuellen jährlichen Überschussbeteiligung beträgt die jährliche Wertentwicklung 3,3 Prozent, die jährliche Gesamtkostenquote beträgt nur 0,59 Prozent - und damit niedriger als vergleichbare Anlageprodukte."

 

Anmerkung der Redaktion: Die Stellungnahmen der LV 1871 und der HDI wurden heute nachträglich eingefügt.

Sofortrente · Verbraucherzentrale Hamburg
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