Ist das Licht am Horizont ein gutes Omen oder drohen neue Unwetter für die LV-Branche?
Ist das Licht am Horizont ein gutes Omen oder drohen neue Unwetter für die LV-Branche?Quelle: Bild von Lukas Bieri auf Pixabay 
Schlaglicht

"Ohne Politik wären LV-Versicherer pleite gegangen" – haben die Unternehmen das Schlimmste hinter oder noch vor sich?

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Unfallgeschäft lohnt sich, Lebensversicherung nicht (mehr). Das ist in der Branche Allgemeingut. Was soll also bei einer Untersuchung von Assekurata zum Thema Zukunft der LV anderes herauskommen? Viel. Die Ratingagentur bescheinigt "aufhellende Aussichten". Es hagelt Widerspruch und (vereinzelt) Zustimmung von allen Seiten.

Erst einmal wird es für die Versicherer schwierig bleiben. Die Zinszusatzreserve habe die deutschen Versicherer "vor einen großen Kraftakt" gestellt, erklärt Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata. Das Stemmen dieser Last wäre ohne die "massive Auflösung" von Bewertungsreserven nicht möglich gewesen. Die Grafik verdeutlicht das Ausmaß der Anstrengungen.

Grafik zur Finanzierung der  ZZR
Grafik zur Finanzierung der  ZZRQuelle: Assekurata

Der Gesetzgeber hat mit der Korridormethode auf die durchaus erfolgreichen Bemühungen der Versicherer reagiert und die Berechnung der Zinszusatzreserve (ZZR) geändert. Laut Assekurata habe diese Umstellung den Unternehmen eine "Planungsperspektive verschafft". Dennoch werden die Versicherer in den kommenden Jahren weitere Einzahlungen auf das ZZR-Konto durchführen müssen. Für das laufende Jahr rechnet die Ratingagentur mit neun Milliarden Netto-Zuführung. Bei "anhaltendem Niedrigzins" wird die Branche bis 2024 einen ZZR-Bestand von knapp 100 Mrd. Euro aufbauen, "gegenüber von mehr als 150 Mrd. Euro nach bisheriger Methodik", erläutert Heermann. Trotz der 50 Milliarden Ersparnis klingt das erst einmal nach einer weiteren kräftigen Herausforderung für die Branche, aber keine Sorge, die guten Nachrichten folgen.

 

Assekurata rechnet nämlich auch damit, dass auf Branchenebene ab 2025 per Saldo ein ZZR-Abbau zu erkennen sein wird. Allerdings mit großen Unterschieden zwischen den einzelnen Versicherern. Hat ein Unternehmen große Bestände an Altverträgen mit Verzinsungen von 3,5 bis 4 Prozent im Portfolio, wird weiter kräftig eingezahlt werden müssen. Insgesamt bewertet Assekurata die durch den Gesetzgeber geschaffenen neuen Möglichkeiten positiv: "Ein großer Vorteil der Korridormethode ist es, dass die ZZR nunmehr größtenteils aus laufenden Erträgen finanziert werden kann und die Bewertungsreserven geschont werden."

 

Experten stimmen Assekurata zu

 

Die Einschätzung der Ratingagentur wird als akkurat eingeschätzt. "Die Zahlen von Assekurata und den geschilderten Abbau der Zinszusatzreserve halte ich unter dem üblichen Prognosevorbehalt für absolut realistisch. Zwar mögen sich die Branchenaussichten per Stand heute aufgehellt haben, sind aber auch der Neukalibrierung der Zinszusatzreserve geschuldet: Eine politische Rettung, die keinesfalls einen Jahresabschluss später hätte kommen dürfen", erklärt LV-Experte Hermann Weinmann, Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen.

 

Ansonsten geben sich viele Beobachter zugeknöpft. In einem Gespräch mit einem Bafin-Insider heißt es, dass sich intern mit Studien wie der von Assekurata "beschäftigt werde" und im September des laufenden Jahres eine eigene Ausarbeitung folge. Mehr ist nicht zu erfahren.

Der GDV arbeitet derzeit an einer eigenen LV-Auswertung des zweiten Quartals, weswegen es zum jetzigen Zeitpunkt "keine Wasserstandsmeldung" gäbe.

 

Gegenstimmen für Einschätzung

 

Wie beurteilen die eher LV-kritischen Marktteilnehmer die Zukunft, sehen sie Licht am Ende des Tunnels oder ist es ein entgegenkommender Zug? Für Lars Gatschke, Verbraucherzentrale Bundesverband, ist es das Schienenfahrzeug: "Ich sehr die Situation der Lebensversicherer nicht rosig". Die strukturellen Probleme würden weiterbestehen, namentlich die Provisions- und Abschlusskosten wie auch die Darstellung der Garantien. Weitere Probleme seien die "geringe Flexibilität" und die Kostenvorausbelastung der Kunden. Dem Gesagten stimmt auch der Chef des Bunds der Versicherten zu.

 

Axel Kleinlein ergänzt: "Die Reserveanforderungen wurden zurückgeschraubt, ansonsten wären einige Versicherer pleite gegangen". Inhaltlich genau dieselbe Aussage wie von Weinmann.Kleinlein verwendet ein meteorologisches Bild, um die Situation der Lebensversicherer zu beschreiben: "Nur weil man Nieselregen als gutes Wetter klassifiziert, bedeutet das nicht, das sich tatsächlich etwas geändert hat."

 

Wetteranalogien sind bei den LV Kritikern offenbar en vogue, denn auch Gerhard Schick, Ex-Bundestagsabgeordneter sowie Finanzexperte der Grünen und aktuell Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende greift zum Wetterbild: "Ein Sonnenstrahl inmitten eines Gewitters macht noch kein schönes Wetter: Mittelfristig hat sich an den Problemen der Branche wie anhaltenden Niedrigzinsen, hohen Garantielasten und mauen Verkäufen nichts geändert - und auch nicht daran, dass dafür vor allem die Kunden zur Kasse gebeten werden."

 

Ein wenig Optimismus

 

Der Anbieter Alte Leipziger, ein solides und gut bewertetes Unternehmen,  blickt selbstbewusst in die Zukunft. "Es ist erfreulich, dass Assekurata für die LV-Branche im laufenden Jahr sich aufhellende Aussichten sieht. Wenn sie sich auch in positiven Geschäftsergebnissen ausdrücken würden, wäre das gut für die ganze Branche."

 

Für das Unternehmen selbst läuft es gut. Im Neugeschäft des ersten Halbjahres 2019 hat das Unternehmen "an das sehr gute Niveau 2018 angeknüpft".  Für das Geschäftsjahr 2019 erwarter der Konzern "insgesamt Steigerungen beim Neugeschäft und den gebuchten Bruttobeiträgen".

 

Der wichtigste Träger der Lebensversicherung sind die Versicherungskaufleute. Wenn die Vertreter das Produkt nicht verkaufen, nützen alle guten Zukunftsnachrichten wenig. Die Kaufleute bleiben dem Produkt treu, erklärt Michael H. Heinz, Präsident des Bundesverbandes der Versicherungskaufleute. Zwar leide das Produkt in den letzten Jahren aufgrund der dauernden Nullzinsphase, Absenkung des Garantiezinses und dem Verkauf großer LV-Bestände an Abwicklungsgesellschaften, "dennoch vermitteln unsere Mitglieder nach wie vor dieses Produkt, weil es einen soliden Garantiezins und Sicherheit bietet."

 

Es gibt eine klare Zielgruppe. Lebens- und Rentenversicherungen würden zurzeit vor allem "von der Generation der Babyboomer nachgefragt", die demnächst in den Ruhestand gehen und jetzt verstärkt ihre Altersvorsorgeplanung angehen.

 

Doch es sei auch Tatsache, dass sich die Produktwelt diversifiziert hat. "So vermitteln unsere Mitglieder auch verstärkt fondsgebundene Lebensversicherungen oder auch solche, die ohne einen Garantiezins auskommen und dafür eine stärkere Partizipation an der Entwicklung der Finanzmärkte ermöglichen", erläutert Heinz.

 

Der BVK-Präsident verneint, dass die allgemeine Entwicklung der LV-Branche das Abschlussverhalten der Interessenten beeinflusse."Nach unserem Dafürhalten spielen für die Kunden dabei die Branchenaussichten der Unternehmen keine Rolle. Für sie ist es wichtig, ob die Rendite und die Sicherheit ihrer Altersvorsorge stimmt. Hier vertrauen sie auf die Beratungs- und Vermittlungsexpertise der Versicherungskaufleute."

 

Aufhellende Aussichten und neue Probleme

 

Viel Widerspruch für die Assekurata-These von den aufhellenden Aussichten, auch wenn Experten die Prognose als valide ansehen. Die Probleme der Lebensversicherer sind nach Meinungen vieler Marktbeobachter noch nicht ausgestanden, was die Versicherungskaufleute nicht vom Verkauf abbringt.

 

Neben Solvency II und ZZR stehen den Versicherern aber noch andere Probleme ins Haus. "Bestimmte internationale geldpolitische Entwicklungen und auch die politische Entscheidung für Christine Lagarde an der Spitze der EZB werden aber nicht weiter aufheitern, sondern die nächste Belastungsprobe für die Lebensversicherer wird mit Sicherheit kommen. Ohne eine standardisierte staatlich geförderte Altersvorsorge lässt ein neues Hoch der Lebensversicherung weiter auf sich warten", analysiert Weinmann.

 

Es bleibt also spannend auf dem Lebensversicherungsmarkt. Einige Versicherer denken wohl (weiter) über einen Run-Off nach. Jüngst erklärte Ergo-Deutschland Chef Achim Kassow, dass es Versicherungsgesellschaften gäbe, "die der Ergo ihre Bestände bereits jetzt für eine Run-Off-Verwaltung anbieten."

ZZR · Solvency II · Hermann Weinmann · Michaek H. Heinz · BVK · Alte Leipziger · Lebensversicherungsmarkt · Axel Kleinlein · Bund der Versicherten · vzbv
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