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Schlaglicht

Künstliche Intelligenz: Das große Zögern der Versicherer

Von Martin ThalerTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die deutschen Versicherer haben das Thema Künstliche Intelligenz für sich entdeckt: Die Versicherungskammer-Tochter Bavaria Direkt, die zugleich als Versuchslabor für den Rest des Unternehmens dient, setzt Software-Roboter im Kundenservice ein. Bei der Ergo Direkt wird eine Software verwendet, die bei der Sortierung der eingehenden Kundenkorrespondenz hilft. 90 Prozent der eingehenden Mails werden von der künstlichen Intelligenz bereits korrekt zugeordnet - bald sollen es 98 Prozent sein. Bei der Axa hingegen hilft eine intelligente Sprachanalyse dabei, aus Kundenanrufen zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen.

Insgesamt 34 Versicherungsunternehmen setzen nach Auskunft der Bundesregierung (Stand: Dezember 2018) auf vollautomatisierte Entscheidungsprozesse. Die mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz verbundenen Hoffnungen sind groß: Neben einer höheren Produktivität und verbesserten Services träumt die Branche teilweise gar von einem kulturellen Wandel.

 

Doch aus den Träumereien folgen noch zu selten konkrete Taten: Eine Studie der Frankfurt School of Finance & Management kam jüngst zu dem Schluss, dass deutsche Unternehmen zwar gerne und ausgiebig über das Thema reden, wenn es um die Implementierung der künstlichen Intelligenz geht allerdings zurückhaltend agieren. Oftmals bleibt es bei einzelnen Pilotprojekten und Testballons, die steigen gelassen werden. Eine großflächige Implementierung künstlicher Intelligenz in die Geschäftsprozesse unterbleibt derweil.

 

Anderswo scheint die Branche deutlich weiter. So stellte der chinesische Versicherungsriese Ping An im Jahr 2018 insgesamt 12.051 Patentanträge – ein Plus von 400 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Knapp 60 Prozent dieser Patente bezogen sich dabei auf Felder wie Künstliche Intelligenz, Blockchain oder Big Data. Allein in den kommenden zehn Jahren will das Unternehmen weitere 15 Milliarden Dollar in neue Technologien investieren.

 

Was mittels Künstlicher Intelligenz möglich ist,  kann bereits heute beobachtet werden. So kann Ping An mittels seiner Daten relativ genau voraussagen, in welchen Stadtvierteln der großen chinesischen Städte zu welcher Uhrzeit Autounfälle wahrscheinlich sind. Die Unfall-Assessoren, die in vielen chinesischen Städten vorgeschrieben sind, sind somit zumeist fünf bis zehn Minuten nach dem Unfall vor Ort – teils noch vor der Ambulanz.

 

Mittels Bilderkennung kann der entstandene Schaden schnell übermittelt und bearbeitet werden. "Manchmal werden Autos im Rahmen eines Taifuns beschädigt. Unsere Kunden haben die Möglichkeit, die Versicherungsleistung bereits zu erhalten, bevor der Taifun abgezogen ist", schwärmt Ericson Chan, CEO der Technologietochter Ping An Technology.

 

Auch beim US-amerikanischen Insurtech Lemonade, das sich auf den Vertrieb von Hausratversicherungen spezialisiert hat, setzt auf ein volldigitales Geschäftsmodell und kann auf diese Weise seine Prämien niedrig halten. Während der KI-Bot Maya den Bedarf ermittelt und Angebote erstellt, ist ihr digitaler Kollege Jim für die Schadenbearbeitung zuständig. Diese läuft vollständig automatisiert, nur in komplexeren Fällen übernimmt ein Mitarbeiter aus Fleisch und Blut.

 

Wer jetzt neidisch in die USA bzw. den Fernen Osten blickt, kann beruhigt sein: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Künstliche Intelligenz auch in Deutschland flächendeckend Fuß fasst. Laut einem Bericht des Portals Gründerszene plant Lemonade – ausgestattet mit einer Finanzierung von 300 Mio. Dollar - den Sprung nach Europa. Und auch Ping An erweitert längst seinen geographischen Fußabdruck: Zusammen mit dem Berliner StartUp-Inkubator FinLeap arbeiten die Chinesen an einem Vergleichsportal, das Check24 Konkurrenz machen soll.

 

Ob die deutschen Versicherer der neuen Konkurrenz dann nur hilflos zuschauen oder selbst beim Thema Künstliche Intelligenz punkten können, haben sie (noch) selbst in der Hand. Dafür müssen sie allerdings endlich eine Gangart höher schalten.

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