Sofie Quidenos-Wahlforss, Gründerin und CEO von omni:us
Sofie Quidenos-Wahlforss, Gründerin und CEO von omni:usQuelle: omni:us
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Omni:us-Gründerin Wahlforss: "Wir reparieren keine Lecks, wir machen neu"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Immer mehr Versicherer nutzen künstliche Intelligenz (KI) zur Optimierung der eigenen Prozesse. Dabei spielt auch die Kooperation mit Insurtechs eine relevante Rolle. VWheute hat exklusiv mit Sofie Quidenos-Wahlforss, Gründerin und CEO von omni:us, über ihre aktuellen Pläne gesprochen. Eines will sie nicht sein: Ein "Notfallklempner".

Erklären Sie bitte, was omni:us genau macht und was sie von Mitbewerbern unterscheidet.

Wir sind ein Artificial-Intelligence-as-a-Service Anbieter. Unsere Technologie wird vor allem im Schadenmanagement eingesetzt: kommt eine Schadenmeldung als E-Mail rein, kann die KI verstehen, um was es sich handelt und sie klassifizieren sowie an die richtige Abteilung weiterleiten und alle Daten extrahieren. Der Schadenfall kann somit automatisiert sehr schnell bearbeitet werden. Und der Sachbearbeiter hat Zeit für anderes oder kann sich wieder mehr um seine Kunde kümmern. Wir sind einer der führenden Anbieter, der Machine Learning sowie Deep Learning aus den Bereichen Computer Vision und Natural Language Processing, für die Versicherungsbranche kombiniert einsetzt.

Wer gehört zu ihrem Kundenkreis, welche Projekte haben Sie bereits realisiert und woran arbeiten Sie derzeit?

Wir entwickeln unsere Technologie weiter und passen sie immer mehr an die Bedürfnisse unserer Kunden an und entwickeln Produkte, die Versicherern ihr Business einfacher machen. Unser Kerngeschäft spielt sich heute noch im DACH-Raum sowie in Frankreich und Großbritannien ab, unsere Expansion in die USA läuft derzeit. Zu unseren Kunden gehören unter anderem die Allianz, Baloise, wefox und AmTrust. 

Architekt oder Notfallklempner? Sind sie bei einem Versicherer eher Problemlöser, der eine bestimmte Sache erledigt oder erstellen Sie gemeinsam eine automatisierte Vision des Versicherungsgeschäfts (in einem bestimmten Bereich), die sie dann in Partnerschaft kreieren?

Wir würden uns nicht als Notfallklempner bezeichnen. Wir reparieren keine Lecks, wir machen neu. Der Einsatz von KI ist ein langfristiges Invest in die zukünftige Marktposition für Unternehmen. Daher planen und beraten wir viel und arbeiten sehr eng mit den Kunden, die sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Visionen mitbringen. Klar, macht KI heute schon vieles einfacher, präziser und schneller. Vor allem im Schadenmanagement. Aber der eigentliche Schatz liegt in der Zukunft. Und dann sind wir eher die Architekten, die die Zukunft mit KI entwerfen, die Infrastruktur dafür schaffen und neue Möglichkeiten aufzeigen. 

Gibt es eine Zusammenarbeit mit anderen Insurtechs oder gestandenen Unternehmen in ihrem Bereich oder arbeitet jeder für sich?

Ja klar. Unsere Technologie wird beispielsweise auch von InsurTech-Startups genutzt. Zudem arbeiten wir auch mit Anbietern zusammen, die in den Prozessen für einen Versicherer relevant sind. Ein Beispiel ist Friss, die sich auf die automatisierte Betrugs- und Risikoerkennung für Versicherer spezialisiert haben. Wo immer es Schnittstellen gibt, sind wir auch daran interessiert, gemeinsam mit anderen Anbietern zu schauen, was für Versicherer oder Unternehmen in der Branche Sinn macht.

Es wird viel über Automatisierung und KI gesprochen, was ist ihre Vision davon, was ist das Ziel, auf das sie hinarbeiten?

Die Vision ist, KI-basierte Lösungen für Versicherungen zu entwickeln, mit denen sie individualisierte Produkte und Services anbieten können. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg. Der logische nächste Schritt ist daher erst einmal, dass KI nicht nur auf Datenextraktion trainiert werden kann, sondern auch auf Entscheidungsprozesse, also Decision Support. So soll sie beispielsweise durch die Automatisierung von zeitintensiven Aufgaben und durch die Anreicherung mit Informationen, die Entscheidungsfindung der Schadensachbearbeiter unterstützen, damit sie sich auf das konzentrieren können, was der Mensch am besten macht: empathisch reagieren.   

Wie weit ist die Versicherungsbranche im Bereich Automatisierung und KI – wenn man die Versicherer fragt, sieht alles super aus.

Die Allianz hat als eine der etabliertesten Versicherer u.a. in Lemonade investiert - aber auch in eigene Prozessoptimierung durch KI-Technologien. Das zeigt den Imagewandel. Sie erkennen, dass sich die Erwartungshaltung von Versicherungsnehmern ändert und viele andere erkennen, dass sie darauf reagieren müssen. Kaum ein anderes Business hat täglich mit so vielen unstrukturierten Daten zu tun, wie die Versicherungsbranche. Aber der Automatisierungsgrad ist heute noch sehr niedrig bzw. muss am Ende doch noch mal angefasst werden. Unabhängig davon, dass die Datenbasis kaum genutzt wird, beispielsweise zur Beurteilung und Entscheidungsfindung.

Sie arbeiten mit neuronalen Netzen, erklären Sie bitte, was das ist, wie es funktioniert und warum Versicherer diese Option nutzen sollten.

Unsere Technologie basiert auf Machine Learning sowie Deep Learning aus den Bereichen Computer Vision und Natural Language Processing, die wir kombiniert einsetzen, um dadurch ein Maximum an semantischen Informationen erfassen zu können. Heißt, wir extrahieren Daten - egal ob aus einem Bild oder einem Text. Nach der Extraktion steht die Analyse. Die KI soll erkennen, um was es sich handelt und entsprechend weiterleiten. Künstlich neuronale Netze erkennen gesuchte Muster in Daten. Allerdings braucht es dazu heute noch intensives Training mit großen Datenmengen. Eine KI, die "von sich aus" beispielsweise Bilder erkennt, gibt es bis heute nicht.

 

Versicherer nutzen das vor allem für das Schadenmanagement. Schadensmeldungen können innerhalb von zehn Sekunden klassifiziert, weitergeleitet und sortiert werden. Die KI kann beim Input-Management eine Vielzahl heterogener, semantisch ähnlicher Dokumente, die zwar im Wesentlichen die gleichen Informationen enthalten, aber jedes Mal anders aussehen, bearbeiten. Auch bei der Validierung ist es für den Sachbearbeiter eine große Erleichterung, wenn aus den eingereichten Dokumenten alle relevanten Informationen automatisch ausgelesen und übersichtlich aufbereitet werden. Weiteres Potenzial hat KI in der Entscheidungsunterstützung. In dem Fall erkennt die KI, dass es sich bei einer Schadensmeldung um einen Verkehrsunfall handelt und leitet sie nicht nur an die entsprechende Abteilung weiter, sondern versteht einen handgeschriebenen Unfallbericht und gleicht ihn mit einem Kostenvoranschlag ab. 

KI ist auf dem Stand eines Vierjährigen, sagte kürzlich der CDO eines großen Versicherers, Sie äußerten sich einmal ähnlich. Wird die KI irgendwann erwachsen und den Sprung vom reinen Hilfsinstrument zum fühlenden und "denkenden" Berater schaffen oder bleibt KI ein superschnelles Werkzeug?

Neuronale Netze sind extrem aufwendig und auch sehr beschränkt. KI wird den Menschen nicht ersetzen. Für eine kompetente, persönliche und vor allem empathische Betreuung der Kunden werden Menschen nach wie vor die optimale Besetzung bleiben. Die Automatisierung aufwendiger manueller Prozesse gibt ihnen Zeit zurück, sich ihren Kunden zu widmen und macht auch die Neukundenakquise wirtschaftlich wieder interessant. KI schafft Raum für qualitativ bessere Arbeit. Sie bleibt somit ein Werkzeug, die ohne menschliches Zutun nichts könnte.

Ein Unternehmer erklärte einst: "Hätte ich eine Versicherung zu führen, würde ich das komplette Backend automatisieren. Damit nehmen Sie 15 Punkte aus der combined ratio heraus […]." Stimmen sie zu und wie weit ist das komplett automatisierte Backend von der Realität entfernt?

Wir als omni:us sehen die gleichen Potentiale. Junge Insurtechs aus den US-Staaten beweisen, dass sie in ihren Nischen bereits Automatisierungsquoten zwischen 90 und 92 Prozent erreichen. Die Technologie für eine derart signifikante digitale Transformation sind beispielsweise bei PingAn, Lemonade oder Oscar Health im Einsatz. KI-basierte Automatisierung ermöglichen erstmals den Spagat zwischen Kosteneinsparung und gleichzeitiger Verbesserung der Kundenzufriedenheit. Für Versicherer steht alles in den Startlöchern, nun bedarf es an Aufklärungsarbeit, so dass ein automatisiertes Backend schon bald Realität ist.  

Sie haben gerade 20 Millionen Euro an Finanzierung bekommen. Was sind die nächsten Ziele, wann wollen Sie schwarze Zahlen schreiben?

Wir sind gerade dabei in die USA zu expandieren. Parallel bauen wir hier in Europa unser Geschäft weiter aus. Außerdem arbeiten wir an verschiedenen Produkten bzw. Lösungen, die wir bis Jahresende bzw. im nächsten Jahr vorstellen wollen.

Wie sehen Sie Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern bei "KI/Automatisierung" aufgestellt. Was würden Sie verbessern, wenn ihnen jemand in diesem Bereich einen Blankoscheck ausstellen würde?

Ich würde in den KI-Nachwuchs investieren. Wir brauchen junge Talente für diese technologische Zukunftswelt. Und die jungen Unternehmen sind auch die Innovationstreiber. Roland Berger hat kürzlich dazu eine Studie veröffentlicht, laut der die USA die meisten KI-Neugründungen verzeichnen. Deutschland ist das Schlusslicht der Top-Ten. Zudem stehen wir mit 16 Prozent Frauennteil an KI-Fachkräften international auf dem drittletzten Platz. Da muss Deutschland noch aufholen!

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