Telematik
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Telematik ist für Versicherer eine überlebenswichtige Datenwährung

Von Claudia Schmidt-WehrmannTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Technik zur Datenerhebung ist in neuen Automodellen bereits möglich. Dafür sorgt schon die Datenflut der immer stärker gefragten Fahrerassistenzsysteme, die von 2022 an in der EU zur Pflicht werden und die Telematik-Tarife, die allerdings bislang nur für 0,5 Prozent des Pkw-Bestandes abgeschlossen worden sind. Die Frage ist jedoch: Wer hat Zugriff auf diese Daten? Eine Frage, die vor allem die Versicherungswirtschaft umtreibt, zumal ihrer Kfz-Sparte vor dem Hintergrund des autonomen Fahrens von manchen Experten keine große Zukunft mehr beschieden wird. Das Thema Daten bestimmte denn auch einen großen Teil der Beiträge des Hannover Forums der E+S Rückversicherung, das einen 360-Grad-Blick auf die Kraftfahrtsparte bieten sollte.

Eingangs skizzierte E+S-Vorstandschef Michael Pickel kurz die derzeitige Lage der Kfz-Versicherung. 2018 sei der Autobestand um eine weitere Million gewachsen. Für die Versicherungen habe es jedoch kein Beitragsplus gegeben. Dennoch sei es ein sehr gutes Jahr gewesen, weil nur wenige Naturkatastrophen den Schadenaufwand nach oben trieben. Dies dürfte sich jedoch in 2019 ändern, denn allein schon das Hagelunwetter an Pfingsten schlägt mit einem Gesamtschaden in Höhe von 350 Millionen Euro in der Autoversicherung zu Buche. Pickel rechnet daher bei stabilen bis rückläufigen Tarifen und einer schrumpfenden positiven Lücke zwischen Schadenaufwand und Prämie mit einem deutlichen Ergebnisrückgang. Andreas Kelb, Bereichsleiter der E+S Rück, verwies vor allem auch auf die Kostentreiber, Reparaturen und Ersatzteile. Ein Thema, das auch Jörg Rheinländer, Vorstand der HUK Coburg in Wallung bringt. Er sieht die Versicherungen von den Reparaturbetrieben übervorteilt. Und der Designschutz für Ersatzteile ist für ihn Wegelagerei.

 

Telematik wird nach Auffassung von Kelb wieder zum Thema, nachdem auf ein kleines Hoch ein Bedeutungsverlust gefolgt war. Um der Telematik neuen Schub zu verleihen, biete die E+S von Oktober 2019 in einem Pilotprojekt den Erstversicherern einen neuen Service an: es Tmatic. Der Tarifansatz 1.0 sei noch einfach gestaltet und soll in Baden-Baden vorgestellt werden. Eine Weiterentwicklung soll später folgen  Die Datenerfassung erfolgt über einen zusammen mit dem Bremer Team neuste entwickelten App und die Verlinkung des Smartphones mit den versicherten Pkw. Berücksichtigt werden fahrzeugspezifische Ausstattungsmerkmale, die Kilometerleistung, die tatsächlich befahrenen Regionen, Straßentyp, Uhrzeit, Anzahl der Fahrten kurz und lang  Nebenbei: "Alles was ich rabattiere, muss ich woanders hereinholen", so Kelb. Das Daten-Management übernimmt im Rahmen einer Kooperation mit der Hochschule Harz in Wenigerode eine Stiftungsprofessur. Sie soll Fachleute für Data Science ausbilden und im Sommersemester 2020 starten. Gewährleistet ist eine weitgehende Mitgestaltungsmöglichkeit bei Ausbildung und Themenvergabe.

 

Dass autonomes Fahren in der Stadt laut VDA von 2030 an möglich sein wird, glaubt Kelb nicht. Anfangs kämen nur Autobahnen infrage. 2025 dürften von einem fiktiven Bestand von 28 Millionen Fahrzeugen etwa sechs Millionen mit autonomen Elementen wie Spurhaltung versehen sein   Eine deutliche Reduzierung des Schadenvolumens sei daher nicht zu erwarten, zumal das Durchschnittsalter der Personenwagen bei zehn Jahren liege, Tendenz steigend.

 

Was den Versicherungen fehlt, ist nach Ansicht von Kelb der Zugang zu den Fahrzeugdaten, den die Autoindustrie bislang nicht freiwillig rausrücken will und der zu weitgehende Datenschutz. Dieser Ansicht ist auch Jörg Rheinländer. Je mehr auch die Kraftfahrzeuge vernetzt würden, müssten die Versicherungen darauf achten, dass sie diese Daten nutzen können, sonst verlieren sie laut Rheinländer an Kompetenz. Die Versicherungen kämpften daher für einen gleichberechtigten Zugang zu allen Daten. Mit Telematik hätten sie zumindest einen Schlüssel zu den Daten in der Hand und könnten zum Beispiel Aufschluss über die Unfallstruktur erhalten.

 

Wenn nach 2022 Fahrzeugassistenten massenwirksam werden, müssen die Versicherungen laut Rheinländer einen Fuß in die Tür bekommen. Ein Viertel des Prämienvolumens könnte nämlich obsolet werden. Denn weniger Schäden bedeuten auch weniger Prämie. Die Huk-Coburg habe mit ihrem ersten Telematik-Angebot Smart Driver für junge Fahrer viel technisches Know-how gewonnen, um an Daten zu kommen. Bei den in der Hochzeit 80.000 Verträgen seien 200.000 Gesamtstatistiken ausgewertet worden. U.a. sei festgestellt worden, dass Fahrer, die gegen das Tempolimit verstoßen schlechte Risiken sind, da ihrer Unfallwahrscheinlichkeit höher ist. Algorithmen könnten über eine Verbesserung des Scoringa bei der Tarifierung helfen. Im Gegensatz zu Google dürften wegen des Datenschutzes die Versicherungen diese Möglichkeit aber nicht nutzen. Seit April bietet die HUK Coburg einen Telematik-Sensor für die Frontscheibe an. Eine App für das Smartphone wird dann mit dem Sensor verbunden. Damit lassen sich laut Rheinländer bis zu 30 Prozent Prämie sparen, was allerdings nur wenige schafften. Telematik und Risikoausgleich überführen letztlich die Solidargemeinschaft in eine Risikogemeinschaft, so Rheinländer.

 

Die Huk-Coburg rüstet sich übrigens schon jetzt für den Fall der Fälle, dass Kfz-Prämien an Attraktivität verlieren  oder in ferner Zukunft durch autonomes Fahren gar ganz verloren gehen. Sie ist in den Gebrauchtwagenhandel eingestiegen. Sie kauft Wagen ihrer Kunden und verkauft sie dann weiter. Neue Geschäftsideen sind laut Rheinländer gefragt.

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