Westhafentower in Frankfurt am Main: Sitz der Eiopa
Westhafentower in Frankfurt am Main: Sitz der EiopaQuelle: Eiopa
Politik & Regulierung

"Solvency II ist kein statisches Regelwerk, sondern letztlich ein Prozess der Verbesserung"

Von Tobias DanielTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa unterzieht das Regelwerk Solvency II derzeit einem ausführlichen Review. Doch wie bewerten Experten die Bilanz des Mammutwerkes? VWheute hat dazu exklusiv mit Helmut Gründl von der Goethe-Universität Frankfurt sowie Mirko Kraft von der Hochschule Coburg gesprochen. Deren Fazit: "Es ist Solvency II und den Eiopa-Stresstests gutzuschreiben, dass es überhaupt möglich ist, marktweite Aussagen auf Zahlenbasis zu treffen, wie sich die Solvenzlage der Lebensversicherer verändert hat."

Solvency II ist nun seit mehr als drei Jahren in Kraft. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Bilanz des Regelwerkes aus?

Es kann eine positive Bilanz gezogen werden. Die Versicherungs­unternehmen und -gruppen sind aufgrund der langen Vorlaufzeit von Solvency II gut vorbereitet in das neue Regulierungssystem gegangen. Solvency II hat sich insgesamt als überzeugendes risikobasiertes Aufsichtssystem etabliert. Es bietet vor allem auch die Chance, dass in der EU – auch dank der Aktivitäten von Eiopa - weitere Schritte hin zu einem einheitlichen Versicherungsmarkt erfolgen. Natürlich ist Solvency II kein statisches Regelwerk, sondern ist letztlich ein Prozess der Verbesserung, über den sichtbar gewordene Probleme oder neue Entwicklungen, z.B. der Digitalisierung oder des Sustainable Finance, aufgenommen werden. Für eine Bilanz, ob Solvency II als Aufsichtssystem nachhaltig wirksam ist, d. h. einen verbesserten Schutz für Versicherungsnehmer gewährleistet und zu Finanzstabilität beiträgt, ist ein Zeitraum von drei Jahren noch nicht ausreichend.

Aufgrund des Regelwerkes sind die Versicherer zu SCFR-Berichten verpflichtet. Allerdings werden diese laut GDV kaum gelesen. Woran liegt dies Ihrer Meinung nach?

Es ist in der Tat auf den ersten Blick überraschend, wie wenige SFCR-Berichte von Seiten der Kunden heruntergeladen werden. In der Versicherungswissenschaft werden die erstmals in der Breite und Tiefe veröffentlichten Daten allerdings schon aufgegriffen: Erste Forschungsergebnisse auf Basis dieser Informationen liegen vor und auch in der Lehre werden die SFCR-Berichte analysiert. 

 

Auf den zweiten Blick ist es aber auch naheliegend, dass SFCR-Berichte wahrscheinlich auch in Zukunft nicht in erster Linie von den privaten Endverbrauchern gelesen werden, sondern mehr von professionellen "Informations-Intermediären". Also von Fachmedien oder auch der Maklerschaft, die Informationen hinsichtlich der Solvenzlage der Unternehmen filtern und an die Versicherungskunden weitergeben. Das geschieht dann über die Fachpresse oder aber über entsprechende Kaufempfehlungen in der Versicherungsvermittlung. Insofern ist es im laufenden Review-Prozess ein wichtiges Thema, speziell diejenigen Informationen zu identifizieren, die für die Einschätzung der Risikolage wichtig sind, und auf andere Informationen zu verzichten, die letztlich für die Unternehmen mit hohen Kosten verbunden sind, aber nicht zum Ziel der Marktdisziplin beitragen.

 

Die Fokussierung auf die relevanten Informationen ist damit auch Verbraucherschutz, da am Ende die Versicherungskunden die Kosten überbordender Berichtspflichten über ihre Versicherungsprämien tragen.

Blicken wir noch kurz auf die Lebensversicherer: Diese haben ihre Solvenzlage in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Inwieweit ist dies auf das Regelwerk Solvency II zurückzuführen?

Es ist Solvency II und den Eiopa-Stresstests gutzuschreiben, dass es überhaupt möglich ist, marktweite Aussagen auf Zahlenbasis zu treffen, wie sich die Solvenzlage der Lebensversicherer verändert hat. Unter Solvency I wäre es kaum möglich gewesen, entsprechende Verbesserungen oder Verschlechterungen so zeitnah zu erkennen, wie es jetzt möglich ist. Insofern hat die Beschäftigung mit dem neuen Regelwerk bereits vor seiner Einführung dazu geführt, dass die Probleme für die Lebensversicherer aus einer andauernden Niedrigzinsphase noch einigermaßen rechtzeitig erkannt wurden.

 

Die Probleme konnten dann insbesondere über das Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG), das noch vor der Einführung von Solvency II verabschiedet wurde, angegangen werden. Die für Solvency II essenzielle marktkonsistente Bewertung ermöglicht es nun, die Wirksamkeit der Reformmaßnahmen sowie deren Weiterentwicklung zeitnah abschätzen zu können.

Solvency II · Helmut Gründl · Mirko Kraft
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