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Schlaglicht

Märchenwelt Insurtech: Warum die neuen Player nicht einhalten, was sie versprechen

Von Dr. Jürgen CramerTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Gepampert mit "Stupid Money" und begleitet von unreflektierten Presseartikeln denken Insurtechs vielleicht, die Gesetze der Schwerkraft gelten nicht mehr. Oder präziser: Business Cases, die "eigentlich" jedem Investment vorausgehen und auf Herz und Nieren geprüft werden sollten, sind überflüssig. Die Story bzw. der Hype um die Zauberwörter dieser Tage – Digitalisierung, Blockchain, Skalierbarkeit – wird es schon richten. Doch werfen wir einen Blick auf die Realität. Ist der Hype in Deutschland und weltweit wirklich berechtigt?

Insurtechs sollen in Deutschland 2018 rund 154  Mio. Euro an Kapital eingesammelt haben, 88 Mio. Euro mehr als im Vorjahr. Bescheidene Summen, betrachtet man die weltweiten Invests in Fintechs insgesamt: Laut KPMG sollen 2018 weltweit 112 Mrd. US-Dollar in Start-ups aus dem Finanzdienstleistungsbereich geflossen sein. Ursächlich hierfür seien zahlreiche Mega-Deals gewesen. Auch in Deutschland bestätigt sich dieser Trend: Das Geld fließt – KPMG erwartet eine Konsolidierung für den deutschen FinTech-Markt – eher in weniger Deals, dafür mit mehr Volumen. So zum Beispiel bei Wefox, die soeben (Anfang 2019) eine Investitionsrunde über 125 Mio. US-Dollar hingelegt haben und sich in Pressemitteilungen wie folgt zitieren lassen: "Wir haben damit die Gelegenheit, alle Versicherer weltweit in unsere Plattform zu integrieren und die größte Versicherungsgesellschaft der Welt zu werden."

 

Insurtechs stehen nicht für mehr Kundenzufriedenheit

 

Konkretes Beispiel zum Einstieg: Da gibt es – neudeutsch – "Peer-to-Peer-Anbieter", die im "Freundeskreis" Versicherungen verkaufen wollen. Wenn man mit anderen Freunden ein Mini-Versicherungskollektiv bildet, kann man Geld sparen. Und wenn man nicht so viele Freunde hat, werden einem sogar welche „zugeführt“. Na toll. Und die Versicherung profitiert angeblich auch noch davon.

 

Weil Schadensfreiheit belohnt werde, komme es zu weniger Versicherungsbetrug im Mini-Kollektiv. Und da kleinere Schäden direkt aus der "Teamkasse" beglichen werden können, sparten die Versicherer außerdem Kosten für die Schadenbearbeitung. Natürlich ist dies ökonomischer Unfug, so wie auch ein Perpetuum mobile nicht funktionieren kann: Denn ein weiterer Partner in diesem Konstrukt kostet natürlich auch Geld. There ain´t no such thing as a free lunch. Die Kleinschäden werden eben woanders bearbeitet. Und genau genommen gibt es nicht nur einen weiteren Partner, sondern zwei – eine zusätzliche Ausfallversicherung kommt auch noch dazu. Die will übrigens auch Geld verdienen. Na sowas!

 

Und auch der ursprüngliche Versicherer, der ja Verwaltungskosten sparen soll, hat vielleicht sogar mehr Aufwand. Denn vielfach ist den Kunden gar nicht klar, dass sie einen Maklerauftrag erteilen. Und dann passiert in der Tagespraxis folgendes: Der "Peer-to-Peer-Anbieter"lässt z.B. den alten Kfz-Vertrag im vermeintlichen Auftrag des Kunden von 0 Euro Selbstbeteiligung auf 500 Euro umstellen, weil das eingesparte Geld in den Topf gehen muss. Der Kunde bekommt eine neue Police und ruft den alten Versicherer wutentbrannt an, was ihm denn einfalle, seine Police zu ändern. Und dieser muss dem Kunden dann erklären, dass er einen Maklerauftrag erteilt hat, und was das überhaupt ist. Wo sparen die Versicherungsunternehmen denn da die Verwaltungskosten?

 

Insurtechs stehen nicht für Kompetenzvorsprung und Kostenvorteile

 

Kosteneffizienz durch Digitalisierung ist ein Thema, das auf der Agenda der Insurtechs natürlich ganz oben steht. Aber wenn man sich die Kostenstruktur beispielsweise der Sparkassen Direktversicherung anschaut, kommen Zweifel auf, wo der Quantensprung erreicht werden soll. Im Jahr 2018 belief sich die Kostenquote der S-Direkt auf 12,4 Prozent. Hiervon entfielen 9,8 Prozent auf die Akquisekosten, 2,6 Prozent auf restliche Verwaltungskosten (inkl. Aufwand für Regulatorik et al.) – nennen wir diese 2,6 Prozent Kern-Kostenquote. Wenn nun die Kern-Kostenquote bei der S-Direkt nur 2,6 Prozent beträgt, fragt man sich, was denn ein Insurtech hier disruptiv verbessern will? Und was die Akquisekostenquote angeht, also Vertrieb und Werbung im weitesten Sinne inkl. Provisionen und Courtage, so wird ein Insurtech diese Quote bei angestrebtem Wachstum übrigens auch nicht unterschreiten können. Die marktüblichen CpL- und CpO-Werte stehen dem entgegen.

 

Kunden erwarten hybride Servicemodelle. Und goutieren diese über deutlich geringere Kündigungsquoten. Anders formuliert: Die Opportunitätskosten bei Verzicht auf ein Servicecenter sind höher als die Kosten des Servicecenters selbst. Mancher Digitalisierungsjünger versteht solche betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge aber nicht. Oliver Pradetto von Blau Direkt schreibt zur Innovationsfreude deutscher Insurtechs sehr treffend: „Besonders dramatisch: Innovation scheint sich nicht einmal da zu finden, wo diese als grundlegendes Geschäftsprinzip proklamiert wird. Kein einziges Insurtech vermag es den Experten als innovativ zu erscheinen. Innovation scheint für viele Insurtechs tatsächlich nur eine Sales-Story zu sein.“

 

Knip hatte als einer der ersten Anbieter den rauen Marktwind gespürt und fusionierte mit dem niederländischen Softwareanbieter Komparu. Der Gründer von Knip verließ im Zuge dieser Transaktion das Unternehmen, nachdem er im April 2016 noch vollmundig als "Group CEO & Enforcer at Knip AG" in einem Artikel prognostizierte, dass 2017 mindestens zwei Millionen Kunden in der DACH-Region ihre Versicherungen digital "at a next-gen broker or digital plattform“ managen. (Wir zitieren an dieser Stelle übrigens buchstäblich, wissen aber natürlich, dass sich das englische Wort "platform" nur mit einem "t" schreibt.) Wenige Monate später, im September 2016, berichtete die Handelszeitung bereits, dass die jüngsten Zahlen von Knip "verheerend" seien und der "vermeintliche Finanzgigant binnen kürzester Zeit auf Zwergengröße geschrumpft zu sein" scheine. Ein Einbruch der Downloads binnen weniger Monate um über 90 Prozent sprach eine deutliche Sprache. Der "Change Booster" vaporisierte. Weitere werden folgen.

 

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der neuen Juli-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

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