Einst in den Bahamas zugelassenes Bentley Cabrio bei Stuart Parr Collection, Art Basel-Miami
Einst in den Bahamas zugelassenes Bentley Cabrio bei Stuart Parr Collection, Art Basel-MiamiQuelle: cpt
Märkte & Vertrieb

Art Basel: Dreijährige zerstört Kunstwerk im Wert von 50.000 Euro

Von Philipp ThomasTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Auf der Art Basel werden bis zu 20 Mio. Dollar teure Kunstwerke verkauft. Entsprechend hoch sind die Sicherheitsstandards. Umso verwunderlicher ist es, dass ein Kleinkind ungehindert an eine Skulptur der der Düsseldorfer Künstlerin Katharina Fritsch gelangen konnte.

Alle Jahre wieder stoßen anlässlich der Doppelmesse "Art Basel/Design Basel Miami" Kunsthändler auf eine betuchte, Exklusivität und Status erheischende Kundschaft sowie deren Vermögensberater und Häppchen-verabreichende Privatbanken. Parallel zur diesjährigen Messe fanden im Kunstmuseum Basel eine Sonderausstellung zum Thema Kubismsus (Picasso bis Léger) und im Museum Beyeler eine zum Thema Picasso’s blaue und rote Periode statt.

Die derzeitigen Herausforderungen lauten:

  • Hohe Versicherungssummen, die insbesondere für temporäre Ausstellungen entsprechend hohe Versicherungsprämien erfordern
  • Provenienz und Restitution
  • Preis-Volatilität

 

Womit keiner gerechnet hat, ist ein zerstörtes Werk durch Besucher. Die Skulptur "Fliege" ging zu Bruch, als ein Kind in einem vorbeifahrenden Kinderwagen danach gegriffen hat. Die Skulptur fiel auf den Boden und die Flügel des Insekts lösten sich vom Rest des Exponats der Düsseldorfer Künstlerin Katharina Fritsch ab. Das Ausstellungsstück hatte einen Wert von 50.000 Euro.

Nachhaltigkeit und Oldtimer

Die diesjährigen Messen hatte das Zeitgeist-Modethema Nachhaltigkeit entdeckt, zu dem die Verteufelung des Automobils gehört. Im Bereich Unlimited der Art Basel fand sich die Monumentalinstallation Laundry (angedeutete Automobile wurden von einer umfunktionierten Waschanlage mit Farbe bespritzt, Künstler Daniel Knorr), den Eingangsbereich der Design Basel nahmen an Zen-Buddhismus erinnernde Installationen aus nachhaltigen Materialien ein. Im Obergeschoss der Design Basel widmete sich dafür etwas inkonsistenterweise der größte Stand (die in New York ansässige Stuarto Parr Collection) Oldtimern und alten Motorrädern. Bis wann es überhaupt noch möglich sein wird, legal Sprit für derartige rollende collectibles zu erwerben ist offen. Denkbar erscheint ein bevorstehender Preisverfall dieser speziellen Spekulationsblase.

Zum Grünen Mahnmahl umfunktionierte Auto-Waschstrasse
Zum Grünen Mahnmahl umfunktionierte Auto-WaschstrasseQuelle: cpt

Bedarf nach Exotischerem Risikotransfer

Selbst im derzeit noch von unzureichenden Prämienraten charakterisierten Markt und bei Besucher-Ticketpreisen von 32 SFR werden die durch den Transport von 50 Mio. Dollar Werken ausgelösten Versicherungssummen zunehmend zu einem Problem für den Veranstalter. Im Beyeler Museum fanden sich neben mehreren Picasso-Werken auch Hinweise, dass private Mäzene den Transport und die Versicherung des jeweiligen Werkes bezahlt hätten.

Erneut wurde deutlich, dass die seit den 1970ern aus der Transportwarenversicherung abgeleitete herkömmliche Kunstversicherung nur einen Teil der Marktbedürfnisse abdeckt. Der offenkundige Bedarf geht mittlerweile um einiges hierüber hinaus und betrifft zum Teil eher nicht-Assekuranz-Deckungen. Zum einen zu nennen sind die in den all risk Policen ausgeklammerten Exponierungen Echtheit (fakes & forgeries) und Rechtstitel (legal title i.s. nicht abhandengekommen, nicht gestohlen, nicht illegal exportiert, keine Copyright Verletzung).

 

Zunehmend sehen sich nun auch Museen Restitutionsforderungen ausgesetzt. Dies betrifft insbesondere das einstige Kolonialmuseum in Paris Quai Branly (eine von der französischen Regierung eingesetzte Studiengruppe hatte sich für eine Anerkennung solcher Forderungen der einstigen Kolonialstaaten eingesetzt) aber auch das Basler Kunstmuseum. Eine ganze Reihe von dort (noch) ausgestellten Werken trägt mittlerweile zusätzliche Beschilderungen, welche die Provenienz der 1930er im Detail schildern, von der Beschlagnahme in deutschen Museen als "entartete Kunst" über die 1938er Münchener Propagandausstellung gleichen Namens bis zur Veräußerung nach Basel, bisweilen unter Einschaltung von Gurlitt.

 

Die ägyptische Regierung versucht derzeit auf rechtlichem Weg und unter Einschaltung der öffentlichen Meinung sowie der UNESCO die bei Christie’s für den 4. Juli geplante Auktionierung einer 3.000 Jahre alten und auf fünf Mio. Dollar geschätzten Steinskulptur von Tutanchamum zu verhindern. Kritisch ist, in welcher Weise der Einlieferer oder seine Rechtsvorgänger das Eigentum erworben haben mag. Seit einem 1983er Gesetz gilt der ägyptische Staat als einziger Eigentümer aller ab Inkrafttreten gefundener Antiquitäten des Landes. Es gilt wohl eine Beweislastumehr, der Einlieferer müsste den Erwerb und Export vor 1983 beweisen. Zunehmend werden ganze Kategorien von bisher üblichem Auktionsgut so zur res extra commercio.

Picasso Rosa Période im Museum Beyeler: Acrobate et Jeune Harlequin, 1906
Picasso Rosa Période im Museum Beyeler: Acrobate et Jeune Harlequin, 1906Quelle: cpt

Kunstkredite mit Impliziter Put-Option

Der vom Markt benötigte Risikotransfer geht aber noch weiter: Kunstinvestoren hätten am liebsten auch noch eine Deckung gegen Marktpreisverfall. Mit derlei residual value coverage hat die Assekuranz in der Vergangenheit schon des Öfteren Schiffbruch erlitten, etwa was computer leasing und Fahrzeugflotten angeht.
Implizit findet sich eine solche Deckung in den derzeit häufiger werdenden meist regressfrei (non recourse basis) gewährten Kunstkrediten. Für ein bis drei Jahre erhält ein Sammler oder Händler einen lediglich mit einem Kunstportefeuille besicherten Kredit. Ähnlich wie bei einer Hypothek bewerten auch hier die Kreditgeber die gewährte Sicherheit nur vorsichtig und gewähren ihren Kredit lediglich bis zu einer niedrigen Beleichungsgrenze von um 50 Prozent. Implizit gewähren die Kreditgeber dem Kreditnehmer dabei eine Art put Option, d.h. im Fall eines 50 Prozent überschreitenden Wertverfalls hat der Kreditnehmer einen Anreiz die Kreditbedienung einstellen und den Kreditgeber die Sicherheit auf eigenes Risiko verwerten zu lassen. Meist haftet er nicht persönlich für ein entstehendes Defizit.

Lukrative Verpflichtung zu Auktions-Mindestgeboten

Besonders kritisch ist für einen Kunstbesitzer eine von ihm betriebene Auktion. Ungewiss ist; ob sich im Idealfall gleich mehrere Interessenten eine preistreibende Bieterschlacht liefern werden oder das Werk durchfallen wird. Fällt ein Werk durch; so wird dies allgemein bekannt und das Werk ist für Jahre hinaus unverkäuflich. Das Risiko lässt sich dadurch abwälzen; dass der Einlieferer sich von einem Spekulanten (oder einem Konsortium) eine Bietgarantie geben lässt, die den Optionsstillhalter verpflichtet anläslsich der Auktion ein Mindestgebot abzugeben und ggf. auch zu diesem Preis auf dem Werk mittelfristig sitzenzubleiben. Der Preis der Put-Option setzt sich meist aus einem Fixpreis sowie einer Beteiligung am über den strike price erzielten Mehrerlös zusammen. Der Stillhalter kann spektakuläre Gewinne einfahren. Im Fall des Leonardo da Vinci zugeschriebenen und dem Oligarchen Dmitry Rybolovlev gehörenden Gemäldes Salvator Mundi hatten sich Saudi Arabien und Abu Dhabi am 15. November 2017 bei Sotheby’s in New York ein Bietgefecht geliefert und den Wert netto Auktionsaufgeld auf 400 Mio. Dollar hochgetrieben. Der Stillhalter hatte ca. 100 Mio. Dollar an zusätzlichem Erfolgshonorar (ein Drittel des 100 Mio. Dollar überschreitenden Preises) einstreichen dürfen.

 

Das Gewähren einer Bietgarantie kann aber auch schiefgehen. Der unfreiwillige Ersteigerer steht dann vor dem Problem wie er das Werk wieder loswerden soll. Im März 2018 hatte Sotheby’s für 20 Mio. Dollar dem in Genf lebenden Abdallah Chatila Peter Doig’s Gemälde “The Architect’s Home in the Ravine” zugeschlagen, allerdings nicht zur rechten Freude des Ersteigerers. Dieser hatte nämlich lediglich eine Bietgarantie, d.h. eine Art put-Option abgegeben: gegen eine Mio. Dollar verpflichtete er sich für diesen Preis mitzubieten. Dummerweise hatte niemand mehr offeriert und so war der Optionsstillhalter selber zum Zuge gekommen. 

Der Mythos eine Auktion stelle einen transparenten öffentlichen Marktplatz dar, dürfte nun nicht mehr aufrechterhalten werden können. Dies relativiert die dort erzielten Preise, die wiederum Grundlage für die von Kunstversicherern vereinbarten im Schadenfall bindenden Versicherungswerte (agreed value basis) sind.