Schatz der Deutschen (Symbolbild)
Schatz der Deutschen (Symbolbild)Quelle: tokamuwi  / www.pixelio.de / PIXELIO
Köpfe & Positionen

Klaus Wiener über den "Schatz der Deutschen"

Von Dr. Klaus WienerTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Derzeit vergeht kaum ein Monat, in dem nicht ein neuer Vorschlag auf den Markt kommt, um die Altersvorsorge in Deutschland zukunftsfest zu machen. Gemeinsam ist den meisten Modellen, dass die kapitalgedeckte Altersvorsorge ein wichtiger Bestandteil eines erfolgversprechenden Modells sein muss, idealerwiese mit einem größeren Anteil an höherrentierlichen Anlagen. Besonders bemerkenswert ist allerdings ein Vorschlag für einen Bürgerfonds, der jüngst vom ifo-Institut unterbreitet wurde.  Ein Gastbeitrag von GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener.

Hier soll der deutsche Staat unter Ausnutzung seiner hervorragenden Bonität – dem von den Autoren so titulierten "Schatz der Deutschen" – Anleihen begeben und die Mittel global diversifiziert anlegen. Mit dem so erzielten Mehrertrag, so die Verfasser des Vorschlags, könne dann jedem Bürger eine Zusatzrente gezahlt werden. Die Idee klingt zunächst verblüffend einfach, es gibt aber einige gravierende Probleme im Konzept.

 

Das ist allen voran die Frage, wie gut es mit der Bonität Deutschlands als Schuldner tatsächlich gestellt ist. Zugegen, derzeit sinkt die ausgewiesene Verschuldung Deutschlands rapide, so dass selbst die Maastricht-Grenze von 60 Prozent in diesem Jahr unterschritten werden dürfte. Allerdings blendet dieser Ansatz völlig aus, dass es mit der Verschuldung Deutschlands weitaus weniger gut bestellt ist, wenn auch die verdeckten Schulden – und hier insbesondere die zukünftig zu erwartenden altersabhängigen Ausgaben – Teil der Berechnung sind. Diese erweiterte Schuldenrechnung wird regelmäßig von der Stiftung Marktwirtschaft aufgemacht. Demnach lag die Gesamtverschuldung Deutschlands im Jahr 2018 bei 170 Prozent gemessen an der jährlichen Wirtschaftsleistung bzw. 5,8 Billionen Euro. Zur expliziten Staatsverschuldung in Höhe von 64 Prozent addieren sich alterungsbedingte, ungedeckte Verbindlichkeiten in Höhe von 106 Prozent. Damit lag Deutschland auf Platz 14 im europäischen Nachhaltigkeitsranking (EU 28). Zum Vergleich: Italien lag mit einer Quote von 122 Prozent auf Platz 11, Frankreich mit einer Quote 95 Prozent auf Platz 8.

 

Berücksichtigt man zudem das derzeit eher laxe Finanzgebaren des Staates - in den letzten Jahren ist in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung kaum eine Nachfragekomponente so überdurchschnittlich gestiegen wie der Staatsverbrauch - sowie die Tatsache, dass ein Großteil der staatlichen Konsolidierung ganz einfach dem extremen Niedrigzinsumfeld geschuldet ist (das wohl kaum für die nächsten 60 Jahre Bestand haben wird), dann könnte sich der Schatz der Deutschen sehr schnell als Illusion erweisen – und die Risikoprämien in den Bundesanleihen rasch steigen. Allein dies könnte die Rechnung des so aufgestellten Bürgerfonds rasch durcheinander bringen.

 

Als noch gravierender würde sich allerdings erweisen, wenn die Aktienmärkte nicht die erwarten Erträge abwerfen. In vielen Modellrechnungen wird immer von einer in der langen Frist hohen Risikoprämie gegenüber Staatsanleihen ausgegangen. Dies muss aber nicht immer der Fall sein. Ein aussagekräftiges Beispiel ist hier Japan. Dort ist der Nikkei nach dem Platzen der gigantischen Immobilienblase im Jahr 1990 von knapp 39 000 Punkten auf etwas unter 15 000 Punkte im Jahr 1992 gefallen. Aber selbst dieses Niveau konnte der Markt für weitere 20 Jahre nicht wieder erreichen, und auch heute liegt der Nikkei mit 22 000 Punkten noch deutlich unter dem spekulativen Hoch des Jahres 1990. Kritiker werden sagen, dass dies ein Einzelfall ist. Angesichts der international gestiegenen Verflechtung der Finanzmärkte ist heute aber auch eine regional breit angelegte Baisse vorstellbar. Auch die extrem lockere Geldpolitik, die ja in vielen Ländern praktiziert wird, lässt ein solches Szenario spätestens dann plausibel erscheinen, wenn die Inflation wieder steigt und die "New Monetary Policy" damit obsolet wird.

 

Für diesen Fall würde sich eine substanzielle Unterdeckung des Fonds erheben. Um zu verdeutlichen, was dies heißt, kann man sich einer Sensitivitätsanalyse bedienen. Unterstellt man für das Jahr 2040 bei unveränderten Zinsen einen Verlust bei Aktien in Höhe von 43 Prozent - so wie er im Jahr 2008 beim DAX zu beobachten war -, dann wird aus dem im ifo-Papier ausgewiesen Überschuss in Höhe von 62,4 Mrd. Euro in eine Unterdeckung von 87 Mrd. Euro. Damit würde sich der Auszahlungsbetrag von 1.816 Euro pro Person, die in diesem Jahr in Rente geht, auf einen vom Staat zu finanzierenden Kapitaleinschuss von 2984 Euro pro Person wandeln.

 

Insgesamt lässt sich festhalten: Ein Bürgerfonds, der sich aus dem Schatz der Deutschen speist, stellt einen sehr fragwürdigen Ansatz zur Lösung des Altersvorsorgeproblems dar. Ordnungspolitisch, weil der Staat genauso wie private Investoren keine Anlagen tätigen sollte, die durch Fremdkredite gehebelt sind. Aus Kapitalmarktsicht, weil sich der "Schatz der Deutschen" aufgrund der hohen fiskalischen Nachhaltigkeitslücke schon bald als Illusion erweisen könnten.

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