Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen - Gewerkschaften und AGV
Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen - Gewerkschaften und AGVQuelle: Stephanie Hofschlaeger / www.pixelio.de / PIXELIO
Schlaglicht

Horrorszenarien zu massivem Personalabbau weit von der Realität entfernt

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Manchmal kommen die guten Nachrichten auf leisen Sohlen. Die Gewerkschaft Verdi und AGV, Versicherer als Arbeitgeber, haben Tarifverträge zum mobilen Arbeiten sowie zur Verlängerung der Höchstüberlassungsdauer bei der konzerninternen Arbeitnehmerüberlassung abgeschlossen. Beide Parteien sind mit dem Kompromiss (mehr oder weniger) zufrieden.

Nach zähen Verhandlungen und der Anrufung der entsprechenden Gremien konnte am 27. Mai 2019 zwischen AGV und den Gewerkschaften Verdi, DHV und dem DBV ein Vertrag unterzeichnet werden. Mit dieser Tarifvereinbarung werden die Manteltarifverhandlungen 2018/2019 offiziell beendet. Wenn schon nicht historisch, so ist es doch immerhin eine Abmachung, wie es nur alle zwölf Jahre vorkommt.

"Mit dem Abschluss der beiden neuen Tarifverträge haben wir in der Versicherungswirtschaft erstmals seit 2007, damals Abschluss eines Tarifvertrages zur Qualifizierung, wieder zwei neue Bereiche durch tarifliche Rahmenregelungen gestaltet. Dies ist ein erzielter Fortschritt, der beweist, dass die Tarifpartnerschaft in unserer Branche funktioniert", erklärt Sebastian Hopfner, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des AGV.

 

Verdi spricht

 

Martina Grundler, Fachgruppe Versicherungen bei der Verdi Bundesverwaltung ist mit dem Ergebnis der Verhandlungen zufrieden: "Für die Gewerkschaft Verdi war es ein wichtiges Ziel einen Tarifvertrag zu mobilem Arbeiten abzuschließen. Das war Teil der Verhandlungsverpflichtung zwischen uns und dem Arbeitgeberverband aus der letzten Tarifrunde". Zuletzt hatte Verdi den Druck auf die Arbeitgeber mit kernigen Aussagen noch einmal erhöht.

 

Im Zuge von technischen Veränderungen und der Digitalisierung entstehen neue Arbeitsformen, erklärt die Gewerkschaft. Verdi will für diese einen tarifvertraglichen Rahmen schaffen, um auch für die Zukunft gute Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten zu realisieren. "Insofern ist die neue Tarifvereinbarung für uns ein wichtiger Schritt zur Gestaltung der digitalen Zukunft."

 

Der Tarifvertrag formuliere wichtige Grundsätze und gebe einen Rahmen für Betriebsvereinbarungen zum mobilen Arbeiten vor. Wichtige Inhalte sind laut Verdi unter anderem, dass die Arbeitszeit auch bei mobilem Arbeiten zu erfassen und zu vergüten ist und dass die Arbeitsmenge so bemessen wird, dass sie in der "tarifvertraglichen Arbeitszeit zu bewältigen ist".

 

Mobiles Arbeiten als Kostenersparnis?

 

Manche Unternehmen der Branche würden stark auf mobiles Arbeiten setzen, weil flexiblerer Mitarbeitereinsatz dabei helfe, "Kosten zu sparen". Etwa dadurch, dass nicht mehr so viele Arbeitsplätze in den Betrieben vorgehalten werden müssen. Es gäbe laut Verdi aber auch Unternehmen der Branche, die mobiles Arbeiten ablehnen oder nur für einen kleinen Teil der Belegschaft ermöglichen.

Durch diese sehr ausdifferenzierte Haltung war es leider nicht möglich, "mit dem Arbeitgeberverband in allen Fragen verbindliche, einheitliche Regelungen zu treffen". Eine ganze Reihe von Regelungen finden nur Anwendung, wenn Betriebsrat und Arbeitgeber eine entsprechende Betriebsvereinbarung abschließen, stellt die Gewerkschaft klar.

 

An dieser Stelle hätte sich die Gewerkschaft mehr "direkte Wirkung des Tarifvertrages gewünscht". Allerdings haben die Tarifvertragsparteien auch einen Anreiz geschaffen, Betriebsvereinbarungen abzuschließen.

 

"Insgesamt gehen wir davon aus, dass der Tarifvertrag eine gute Grundlage ist, um mobiles Arbeiten nicht nur im Interesse der Unternehmen, sondern auch im Interesse der Mitarbeiter zu gestalten."

 

Der AGV grollt (ein wenig)

 

Mit dem Ergebnis der Verhandlungen sind die Arbeitgeber nicht ganz zufrieden – sie granteln ein wenig. "Die erzielten Kompromisse sind natürlich schon ein Stück weit von unseren Zielvorstellungen auf Arbeitgeberseite entfernt. Dies spricht dafür, dass beide Seiten bereit waren, zu Gunsten eines Kompromisses auf die Verwirklichung eigener Wünsche zu verzichten", erklärt Hopfner.

Der AGV hätte sich "insbesondere gewünscht", beim Thema Arbeitnehmerüberlassung auch eine Lösung für die Entleihung von IT-Spezialisten zu finden. Der AGV bleibe mit Verdi und den kleineren Gewerkschaften im Gespräch.

 

Nicht weiter gekommen seien die Parteien bei der Ermöglichung von mehr Arbeitszeitflexibilität für die hochbezahlten Angestellten. Auch hier werde der AGV in der nächsten Tarifrunde den Dialog fortsetzen.

 

Das Fazit Hopfners klingt versöhnlich, allerdings nicht gegenüber Berlin: "Der Abschluss des Tarifvertrages zum Mobilen Arbeiten beweist, dass die Tarifpartner passgenaue Lösungen für die Branche treffen können und zwar viel bessere als sie der Gesetzgeber treffen kann. Sollte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales dennoch eine gesetzliche Regelung zum Thema vorschlagen, die unseren Tarifvertrag beeinträchtigt, so würde das im Koalitionsvertrag verankerte Ziel der Stärkung der Tarifautonomie sich als reines Lippenbekenntnis erweisen." Es müsse endlich Schluss damit sein, dass der Tarifautonomie durch immer neue gesetzliche Regelungen "das Wasser abgegraben wird".

 

Gute Nachrichten für die Mitarbeiter der Versicherer

 

Abgesehen von den erzielten Ergebnissen hätten die Manteltarifverhandlungen 2018/2019 die Parteien laut AGV weitergebracht, da sie in den Organisationen das Bewusstsein für die Gründe der Positionierung der anderen Seite gestärkt haben.

 

Die Verhandlungen standen unter der Überschrift "Auswirkungen der Digitalisierung". Das Handeln der Versicherungsunternehmen während des langen Verhandlungszeitraums habe bewiesen, dass die "Horrorszenarien bezüglich massiven Personalabbaus", weit von der Realität in unseren Häusern entfernt sind, schließt Hopfner.

 

Nach der Verhandlung ist vor der Verhandlung

 

Also auf Jahre alles gut zwischen Verdi und dem AGV? Mitnichten, das Kommende wirft seine Schatten voraus. Auf die künftigen Wünsche angesprochen schreibt Verdi: "Wir wollen nach wie vor einen Zukunftstarifvertrag sind aber auch bereit, mit den Arbeitgebern Schritt für Schritt einzelne Aspekte zu verhandeln und zu vereinbaren." Die Qualifizierung der Beschäftigten habe für die Gewerkschaft "weiterhin einen besonders hohen Stellenwert".

 

Im Hinblick auf die nächste Gehalttarifrunde im März möchte Verdi eine "ordentliche und angemessene Tariferhöhung durchsetzen". Bei allen Herausforderungen geht es der Branche gut, jetzt seien "auch mal die Beschäftigten dran". Deshalb fordert Verdi eine reine Erhöhung der Tarifgehälter um 6 Prozent."

  

Die Ergebnisse des Abschlusses können Sie HIER einsehen.

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