Philipp Sandner
Philipp SandnerQuelle: privat
Schlaglicht

"Deutschland muss sich bei Blockchain nicht hinter Asien verstecken"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Er ist in Deutschland eine der führenden Blockchain-Köpfe: Prof. Dr. Philipp Sandner. Er sieht Deutschland bei der Zukunftstechnologie gut aufgestellt, mahnt allerdings zu geringe Investitionen der öffentlichen Hand an. Der Fachmann erklärt für VWheute exklusiv, wie ein Versicherer Blockchain (BC) direkt einsetzen könnte.

VWheute: Sie sind Head des Blockchain Center an der Frankfurt School of Finance & Management (FSFM). Beginnen wir ganz vorne, was ist Blockchain (BC) und was kann sie leisten?

 

Philipp Sandner: Bei der BC handelt es sich um eine Technologie, die ideal geeignet ist, um Register digital abzubilden. Das ist ganz zentral für die Organisation einer Gesellschaft, ein Beispiel ist das Handelsregister. Die Blockchain ermöglicht es, das Eigentum der Vermögensgegenstände darin optimal abzubilden.

 

VWheute: Wie kann ich mir die BC vorstellen?

 

Philipp Sandner: Es gibt mehrere Ebenen. Die Oberste ist das Übertragen von Werten oder die thematisierte Abbildung von Registern zu verwalten. Frühe oder später werden auch Währungen wie der Euro oder Aktien darüber abgebildet werden.

 

Eine Ebene darunter ist das generelle Konzept. Eine gemeinsame IT-Architektur, auf der alle Teilnehmer Änderungen an einem gemeinsam unterhaltenen Register vornehmen können. Vom Konzept her ist man beim Wort Register inklusive einer Programmiersprache, um zum Beispiel Geldflüsse programmieren zu können. Das sind zum Beispiel Treuhandkonten, Kredite und Zinszahlung, also programmierbares Geld.

 

Noch eine Stufe tiefer ist die technische Ebene. Ein Register wird hundert- oder tausendfach auf verschiedenen Rechnern gespeichert, die BC-Architektur stellt sicher, dass Änderungen perfekt synchronisiert werden, sodass überall und jederzeit derselbe Datensatz vorhanden ist. Dafür brauche ich die Blöcke, in der Transaktionen gespeichert sind. Diese Blöcke werden miteinander verkettet, sodass im Nachhinein keine Änderungen vorgenommen werden können.

 

VWheute: Wie weit ist man in der Anwendung?

 

Philipp Sandner: Alle industriellen und finanztechnischen Anwendungen, die wir heute in der Blockchain kennen, sind im Anfangs- oder Frühstatus, mit Ausnahme der Kryptowährungen. Es gibt nur hier und da bereits kleine Anwendungen. Es ist sehr früh, erste Experimente sind bereits erfolgreich abgelaufen, aber wir sind noch weit von der Implikation großer Systeme in Unternehmen entfernt.

Ein gutes Beispiel für den Einsatz ist die Blockchain-basierte Flugausfallversicherung der Axa, an dieser Stelle greifen die Smart Contracts. Im Versicherungsbereich sind das oft Verträge, die bei bestimmten Ereignissen automatisch in Kraft treten und Transaktionen starten. Bei der genannten Lösung ist BC-Einsatz gut möglich, denn das Schadenereignis Flugverspätung oder -Ausfall ist klar feststellbar und die Schadensumme festgelegt. Auch die Zahlung basiert auf Blockchain, sie brauchen keinen Menschen mehr.

 

VWheute: Warum ist BC im Bereich Versicherung so ein heißes Thema?

 

Philipp Sandner: Eine Versicherung ist im Grunde ein komplexer Smart Contract, ein Schaden entsteht und eine Zahlung wird ausgelöst. Natürlich ist das in Bereichen wie Berufsunfähigkeit und Krankenversicherung schwieriger als bei einem Flugausfall. Zynisch könnte gesagt werden, dass eine Versicherung nichts anderes ist als Künstliche Intelligenz plus BC. Die BC übernimmt den Zahlungsverkehr zwischen Kunde und Versicherer, die KI stellt den Schaden fest und ermittelt die Schadensumme. Sie sehen, die Blockchain ist wie für den Bereich Versicherung konzipiert.

 

VWheute: Ich höre oft, dass andere Länder beim Einsatz weiter sind.

 

Philipp Sandner: Da bin ich skeptisch. Es sind bestimmte Teilbereiche, in denen BC eingesetzt wird, das ist weltweit der Fall. Wir sind in Deutschland gut aufgestellt. Im Bereich KI haben wir etwa 200 Start-ups, bei Blockchain sind es 300, die gemeinsam mit anderen Einrichtungen wie Universitäten die Technik voranbringen. Die Entwicklung im Bereich BC ist sehr dynamisch, da muss sich Deutschland gar nicht hinter Asien verstecken.

 

Allerdings haben Länder wie China durch ihre Manpower und Investitionsbereitschaft einen gewissen Vorteil. Ich habe allerdings das Gefühl, dass in China oder den USA teilweise ineffizienter gearbeitet wird, als beim einen oder anderen deutschen Startup. Das nützt allerdings auf lange Sicht wenig, wenn zu wenige Ressourcen investiert werden. Das kann nicht von privater Seite kommen, sondern muss von der Unternehmensseite her erfolgen.

 

VWheute: Gibt es hierzulande genügend Fachkräfte?

 

Philipp Sandner: Einen personellen Engpass sehe ich nicht. Weder wir an der FSFM noch befreundete Stellen haben bei der Personalgewinnung Probleme und bilden ja auch selbst aus. Es ist zu einfach, den schwarzen Personal-Peter den Universitäten zuzuschieben. Aus meiner Sicht befindet sich der Engpass bei den Entscheidern, die das Budget freigeben, sowohl in Politik wie auch bei großen staatlichen Organisationen, beispielsweise Universitäten. Auch die Finanzindustrie könnte mehr tun.

 

VWheute: Es gibt Kritik an der BC. Energieverbrauch, Aufwand, Transaktionskosten.

 

Philipp Sandner: Das ist absolut richtig, betrifft aber nur bestimmte Formate der Technologie und Anwendungen, insbesondere im Bereich digitale Währungen. Andere Bereiche wie Stellar haben das bereits gelöst. Beim Einsatz im Unternehmensbereich ist das kein großes Thema mehr.

 

VWheute: Kritiker sagen, der Einsatz von BC sei derzeit wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

 

Philipp Sandner: Derzeit ist es noch relativ aufwendig, da noch viel Basisarbeit geleistet werden muss. Das wird aber mit der Modularisierung weniger werden. Generell sehe ich für die BC-Technologie keine unlösbaren Probleme.

 

VWheute: Wie könnte die Zukunft aussehen?

 

Philipp Sandner: Ich gebe ihnen ein Beispiel. Früher wurden Informationen per Brief verschickt, später als Email. Information wurde digitalisiert und vom physischen Träger gelöst. Das war ein entscheidender Wechsel.

 

Heutzutage werden Werte entweder mittels eines physischen Trägers, also beispielsweise eines Geldscheins, oder eines zentralen Buchführers wie einer Bank transferiert. Das ist alles nicht richtig digital. Die Blockchain würde den Wertetransfer komplett digitalisieren und somit den physischen Träger wie auch den Intermediär obsolet machen.

 

VWheute: Bleiben wir dabei: Ich bin Vorstand einer Top-Five-Versicherung in Deutschland und bitte Sie, ein Geschäftsfeld oder einen Teilbereich davon mit BC besser zu machen, wie gehen Sie vor?

 

Philipp Sandner: Das Beste wäre, den Euro auf eine BC-System zu transferieren, sodass sie Geldflüsse unkompliziert mit Smart-Contracts programmieren können, analog zur beschriebenen Flugausfallversicherung. Dann hätten sie etwas Wesentliches geschafft, nämlich die Anbindung an die alte Welt. Transaktionen könnten dann in Euro erfolgen und nicht anhand einer verrückten Kryptowährung

 

Somit hätten sie mit der Buchhaltung keine Probleme mehr und könnten anfangen, bestimmte geschäftsinterne Verrechnungslogiken mit BC-Smart-Contract-Lösungen zu programmieren. Zunächst würde ich eine mechanische, standardisierte Versicherung herauspicken, beispielsweise die Kfz-Versicherung, und diese mittels des beschriebenen Blockchain-Systems ablaufen lassen.

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