Roland Weber, Dr. Guido Bader,Dr. Herbert Schneidemann, Nils Dennestedt (v.r.n.l.)
Roland Weber, Dr. Guido Bader,Dr. Herbert Schneidemann, Nils Dennestedt (v.r.n.l.)Quelle: Monika Lier
Politik & Regulierung

DAV fürchten politische Entscheidungen beim Solvency-ll-Review

Von Monika LierTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
 Die 2018 erneut verbesserten SCR-Bedeckungsquoten könnten den Lebensversicherern beim Review von Solvency ll zum Nachteil gereichen. "Wenn einzelne Parameter isoliert herausgegriffen werden, nur um vielleicht Quoten zu drücken, geht das zu Lasten der Versicherungsnehmer", sagte Herbert Schneidemann (Vorstandschef der BBV) in seiner Eigenschaft als Vorstand der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. am Mittwoch.

Gegenstand der Jahrespressekonferenz der DAV waren zudem das Lebensversicherungsreformgesetz ll und der Reformbedarf in der privaten und gesetzlichen Krankenversicherung.

Die Übergangsmaßnahmen seien integraler Bestandteil von Solvency ll und "keine Hilfen für Unternehmen". Verschärften sich die Bedingungen für den Übergang auf das neue Aufsichtsregime, sei zu fürchten, dass die Lebensversicherer, um ihre SCR-Bedeckungsquote zu halten, Risiko aus der Kapitalanlage nähmen und noch stärker in Staatspapiere investierten. Ihr Risiko liegt bei Solvency ll bekanntlich bei null. "Der Kunde zahlt dann die Zeche mit einer geringeren Verzinsung", so Schneidemann.

 

Änderungen nur unter "größter Vorsicht"

 

Dass die SCR-Quoten 2018 gestiegen seien, liege an der geänderten Berechnungsmethode für die Zinszusatzreserve (ZZR). Die Unternehmen hätten weniger Reserven zur Finanzierung der ZZR auflösen müssen. Die Aktuare sprechen sich dafür aus, dass Änderungen an der risikofreien Zinsstrukturkurve, den Übergangsmaßnahmen und der Kalibrierung des Zinsänderungsrisikos mit "größter Vorsicht" vorgenommen werden.

 

Darüber hinaus fürchten sie, dass das Review mit der Förderung nachhaltiger Investments für politische Wünsche missbraucht wird. Denn das Regelwerk soll so angepasst werden, dass "grüne Anlagen" gefördert werden. "Hier muss das Prinzip same risk, same capital" gelten, fordert Schneidemann.

Die DAV wünscht sich zudem, dass die Berichterstattung und Offenlegung verschlankt wird. Beispielsweise könnten RSR und ORSA-Bericht zusammengelegt werden. "Die Vielfalt der zu erstellenden Berichte geht zu Lasten der Genauigkeit", sagte DAV-Vorstandsvorsitzender Guido Bader (Vorstand der Stuttgarter Versicherungen).

 

Aus aktuarieller Sicht ist der viel diskutierte Provisionsdeckel nach Einschätzung von Bader an "mehreren Stellen noch nicht sauber durchdacht". So werde die ursprüngliche Forcierung von laufender Provisionierung durch eine komplexe Abzinsungsvorschrift und die fehlende Berücksichtigung von vorzeitigen Abgängen verfehlt. "Die laufende Vergütung wird gegenüber einmaligen Provisionen unattraktiv", sagte Bader. Da mit der Einführung des Provisionsdeckels neue Tarifgenerationen erforderlich werden, plädiert die DAV für eine Umsetzung des LVRG ll nicht vor dem 1. Januar 2021.

Beim Höchstrechnungszins wünschen sich die Aktuare eine Neufestsetzung jeweils zum 1. Januar eines Kalenderjahres und eine Vorlaufzeit für die Reservierung und Kalkulation von elf Monaten. Zudem möchte die DAV, die mit ihren Analysen und Zinsberichten den Festlegungsprozess seit vielen Jahren begleitet, im neuen Gesetzentwurf explizit als anzuhörender Fachverband aufgeführt wird.

 

Roland Weber (Vorstand der Debeka-Gruppe) berichtete in seiner Eigenschaft als Past President der DAV über die Ergebnisse einer seit anderthalb Jahren bestehenden Arbeitsgruppe zu den demografischen Effekten auf Beitragsentwicklung in der gesetzlichen wie auch privaten Kranken- sowie Pflegeversicherung. Danach könnte der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung bis 2060 auf 25 Prozent steigen.

 

Treiber seien neben den demografischen Effekten vor allem die strukturelle Einnahmenschwäche und die medizinische Inflation. In der Privaten Krankenversicherung sei je nach Szenario ein Anstieg des Beitragsfaktors bis 2060 auf 3,4 Prozent zu erwarten. "Wir weisen auf die Probleme hin, für die es unterschiedliche Lösungen gibt. Man kann beispielsweise Effizienzgewinne durch Digitalisierung oder die Schließung unrentabler Kliniken realisieren", so Weber.

 

Er warnt vor Leistungsausweitungen, über die etwa in der Pflegeversicherung "ständig geredet wird". Dann wird das System instabil und die heutigen Beitragszahler kommen möglicherweise nicht in den Genuss der Leistungen, weil nicht entsprechend vorgespart werden konnte. Die DAV hat zudem ihre in den letzten Jahren erarbeiteten vier Vorschläge zur Verstetigung die Beitragsanpassungen in der PKV erneut an das Bundesgesundheitsministerium geschickt. "Wir leiden darunter, dass seit 2013 nichts getan wird, was die Situation der Privatversicherten günstiger machen könnte", beklagt Weber.

Aktuarwissenschaft · Deutsche Aktuarsvereinigung · Solvency II
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