Prof. Dr. Hermann Weinmann
Prof. Dr. Hermann WeinmannQuelle: Stiftung Warentest, Ralph Kaiser
Schlaglicht

Der löchrige Provisionsdeckel – Die Wirkungslosigkeit des "Provisionsdeckels" im Lichte vorweggenommener und nachträglicher Abschlusskosten sowie der Gesamtkosten?

Von Prof. Dr. Hermann WeinmannTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Hypothesen halten der Realität stand oder sind zu verwerfen. Der Artikel richtet sich darauf, den Provisionsdeckel in Frage zu stellen, weil in jüngerer Vergangenheit Praktiken sensibilisieren, an die vor einigen Jahren noch nicht gedacht wurde. Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Hermann Weinmann, Institut für Finanzwirtschaft, Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen.

Die Diskussion des Provisionsdeckels verfolgt nicht das Ziel, der Gewerbefreiheit weiteren Raum zu öffnen, sondern im Gegenteil, sie versteht sich als Appell, die gesamte staatlich geförderte Altersvorsorge einer weit über den Provisionsdeckel hinausgehenden Regulierung zu unterwerfen, damit echte Vergleichbarkeit und ein für den Verbraucher fairer Wettbewerb geschaffen werden kann.

 

Die Erosion des Zukunftsmarkts private Altersvorsorge muss ein Ende haben. Staatlich geförderte Altersvorsorge ist Daseinsvorsorge. Eine Reglementierung auf der Grundlage des "Allgemeininteresses" empfiehlt sich. Ob und inwieweit das Risiko und die Sicherheit des Sparvermögens betroffen sind, ist davon ausgenommen. Eher scheint die zunehmende "Japanisierung" der Geldpolitik eine wohldosierte Investition in Produktivvermögen nahezulegen.

 

Vorweggenommene Abschlusskosten

 

Das Beitragsrisiko für Studierende und Auszubildende in der Berufsunfähigkeits-Versicherung beträgt nach einer Erhebung der Stiftung Warentest im September 2018 bis zu 100 Prozent. Ein Modellangebot über 1.000 Euro BU-Monatsrente mit einer Laufzeit bis zum Rentenalter 67 Jahre zeigt als Beispiel den Zahlbeitrag (Nettobeitrag) von 56 Euro monatlich. Als rechtsverbindlicher Bruttobeitrag werden 112 Euro monatlich ausgewiesen. Die Differenz erklärt sich aus der Überschussbeteiligung in Form der Beitragsverrechnung.

 

Der jährliche "Beitragsrabatt" kann über die Direktgutschrift erfolgen und/oder aus der Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB) entstammen. Das Beiragssteigerungsrisiko trägt der Kunde. Von Aktuaren hört man dann schon, dass dieses Risiko sich nicht verwirklichen werde, und wenn überhaupt, dann keinesfalls in vollem Umfang.

 

Warum dann diese Kalkulationen mit übermäßig hoher Sicherheitsmarge? Erklärbar wird dieses Verhalten durch den Vertriebsaspekt. Es ist eine Methode, die es erlaubt, das Provisionsniveau "elegant" und ohne größere Auffälligkeiten anzuheben. Die Bruttobeträge sind dem Grunde nach nicht wettbewerbsfähig. Im Wettbewerb erfolgt deshalb das Angebot über den Zahlbeitrag, und die nachfolgende Entlohnung erfolgt dann über den Bruttobeitrag.

 

Der Kunde trägt das Beitragssteigerungsrisiko, und der Vermittler wird entlohnt, als hätte sich dieses Beitragsrisiko bereits in vollem Umfang realisiert. Im Grunde handelt es sich bei der Differenz um vorweggenommene Abschlusskosten. Wenn sich das Risiko dann im Vertragsverlauf nicht realisieren sollte, wie vielfach angeführt wird, dann hat der Kunde zu viel bezahlt. Die Beitragsverrechnung kann unbegrenzt hoch ausfallen, denn die Direktgutschrift zählt zur 90 Prozent-Quote der Mindestzuführungsverordnung (MindZV). Im Falle der Entnahme aus der RfB ist sie laufende Überschussbeteiligung.

 

Nachträgliche Abschlusskosten

 

Mit einer Verbandsklage gegen die Gothaer Lebensversicherung wegen intransparenter Versicherungsbedingungen bei einer Riester-Rente war Bund der Versicherten (BdV) beim Landgericht Köln erfolgreich. Nach eigener Darstellung hat das Landgericht Köln dem BdV nach der mündlichen Verhandlung am 23.01.2019 weitestgehend Recht gegeben. Neben anderen Streitpunkten standen auch Abschlusskosten von über 160 Promille zur Diskussion, die sich nach Berechnung des BdV für einen Beispielvertrag mit Laufzeit 40 Jahre aus einer Beitragssumme von 41.842 Euro und Abschlusskosten in Höhe von 6.802 Euro ergeben. Axel Kleinlein spricht von "Kostenabzocke" und davon, dass der überhöhte Ansatz von Kosten zusammen mit falschen Darstellungen "an Betrug grenzt ".

 

Darüber wurde bei VWheute berichtet. Eine Sprecherin der Gothaer führte zu diesen Vorwürfen aus: "Tatsächlich berechnen wir von den Beiträgen und Zulagen unserer Kunden 25 Promille Abschlusskosten, allerdings fallen zusätzliche Abschlusskosten abhängig von der Performance der zugrunde liegenden Kapitalanlage an." Man lernt, Abschlusskosten gibt es nicht nur bei Vertragsbeginn oder im Falle von Vertragsanpassungen, nein, es gibt sie auch als nachträgliche Abschlusskosten bei guter Entwicklung der Kapitalanlage.

 

Am 17.03.2019 veröffentlichte das Versicherungsjournal den Leserbrief des Autors:

 

"Die Kalkulation richtet sich auf das Risikogeschäft, den Sparbeitrag und die Kosten. Von der Performance des Sparbeitrags abhängige Abschlusskosten in der Altersvorsorge verblüffen und hinterlassen einen entgeisterten Leser. Darauf muss man erst einmal kommen. Chapeau für dieses Branchenbild!"

 

Gemeint war die betriebswirtschaftlich dubiose Vermischung von Kosten und Rendite, die erwirtschaftete Investmentgewinne den Abschlusskosten zuordnet. Ein Schelm, wer dabei denkt, dass die Beteiligung am Anlageerfolg nicht wie üblich dem Asset-Manager, sondern dem Vermittler zufließt, der natürlich auch eine Bank sein kann.

 

Einen Tag später, am 18.3.2019, antwortete Jörg Hodann: "Na ja, findige Maklerversicherer und Vertriebe haben schon vor 15 Jahren Courtagen an das Netto-Anlagevermögen der Fonds-Versicherungen gekoppelt. Und das hängt auch von der Performance ab."

 

Die Gesamtkosten

 

Die traditionellen Kosten-Kennziffern, die Abschlusskostenquote und die Verwaltungskostenquote verniedlichen das Kostenproblem.

 

Die Abschlusskostenquote hat im Zähler überwiegend "harte" Zahlungen, die zum Beispiel für Provisionen abgeflossen sind. Im Nenner dagegen arbeitet die Branche mit einer auf Illusion beruhenden Realisation aller vereinbarten Beitragszahlungen über Vertragslaufzeiten von mehreren Jahrzehnten. Wegen Stornos geht aber von der fiktiven Beitragssumme nur ein Teil ein, so dass die Ex post-Abschlusskostenquote ungleich höher ist.

 

 Auch der "Entwurf eines Gesetzes zur Deckelung der Abschlussprovision von Lebensversicherungen und von Restschuldversicherungen" stützt sich auf den "Hoffnungswert" Bruttobeitragssumme als Bemessungsgrundlage. Die auf Verrechnungsüberschüssen beruhenden Nettobeiträge sind kein Thema, und die Stornoproblematik ist Gegenstand im Zusammenhang mit der Diskontierung aufgeschoben gezahlter Abschlussprovisionen.

 

Die Verwaltungskostenquote erfasst nur die Aufwendungen für die Vertragsverwaltung − als ob diese den gesamten "Verwaltungsapparat" ausmachten! Seit dem Geschäftsjahr 2017 benutzen wir die erweiterte Gesamtkostenquote.

 

Die erweiterte Gesamtkostenquote gibt den Anteil der Kundenbeiträge wieder, der weggeht für den Vertragsabschluss, für die Verwaltung der Verträge und für weitere betriebswirtschaftlichen Aktivitäten, die auch Dienstleistungsgeschäfte für Dritte, aus dem CTA-Deckungsvermögen resultierende Erträge und Aufwendungen sowie Restrukturierungsvorhaben enthalten können. Damit umfassen die erweiterten Gesamtkosten in der Gewinn- und Verlustrechnung die Abschlussaufwendungen, die Verwaltungsaufwendungen, das sonstige Ergebnis sowie das außerordentliche Ergebnis und werden ins Verhältnis gesetzt zu den Beitragseinahmen.

 

Die Gesamtkostenquote reichte für das Geschäftsjahr 2017 bei den untersuchten und veröffentlichten Unternehmen (12 größte Lebensversicherer und 12 größte Versicherungsvereine) von 7,1 bis 22,0 Prozent. Die WWK Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit z. B. als Unternehmen mit der höchsten Quote hatte Gesamtaufwendungen von 230,8 Mio. Euro. Davon entfielen 144,8 Mio. Euro auf die Abschlussaufwendungen. Das sind 62,7 Prozent der erweiterten Betriebskosten. Allerdings haben auch 37,3 Prozent der Gesamtkosten nichts mit Abschlussaufwendungen zu tun.

 

Die WWK Leben steht aber nicht allein. Als "Trost" sei noch auf die Basler Lebensversicherungs-AG mit einer erweiterten Gesamtkostenquote von 25,3 Prozent verwiesen. Übrigens: Die WWK Leben hatte eine Abschlusskostenquote von 4,6 Prozent und eine Verwaltungskostenquote von 2,7 Prozent. Bei der Basler Leben waren es 5,8 bzw. 2,8 Prozent.

 

Die entscheidende Frage

 

Die getroffenen Aussagen stehen in einem gewissen Widerspruch zu einer ablehnenden Stellungnahme zu dem Referentenentwurf des Bundesfinanzministeriums.

 

In der Fondsprofessionell vom 18.04.2019 wird Prof. Hans-Peter Schwintowski die Aussage zugeschrieben: "Der Rechtsexperte verweist darauf, dass der Entwurf des BMF keine Zahlen, Daten und Fakten enthalte, aus denen sich ergebe, dass auf den Märkten für Vertriebsentgelte in der Lebensversicherung ein strukturelles Missverhältnis herrscht, das einen Eingriff nach nationalem Verfassungsrecht und nach europäischem Recht erlauben würde. Ferner gebe es auch keinerlei Fehlanreize oder Provisionsexzesse, die als Grund dafür herhalten könnten, die Vertriebsentgelte zu senken und die als Marktversagen angesehen werden könnten."

 

Vor dem Hintergrund der vorweggenommenen und nachträglichen Abschlusskosten sowie auch der teilweise exzessiven Gesamtkosten stellt sich die entscheidende Frage, ob der geplante Provisionsdeckel in diesen Problembereichen Abhilfe schafft. Eine Klärung mit antizipativer Evaluation ist unumgänglich.

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