Schweden als Vorbild in der Altersvorsorge
Schweden als Vorbild in der AltersvorsorgeQuelle: Stephanie Hofschlaeger / www.pixelio.de / PIXELIO
Politik & Regulierung

Altersvorsorge: VZBV und GDV streiten über Standardprodukt

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
"Wer privat für das Alter vorsorgt, sollte dies einfach und rentabel tun können". Das fordert die Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) und wirbt für ein öffentlich-rechtlich organisiertes Standardprodukt. Bei der Extrarente sollen Verbraucherinnen und Verbraucher automatisch über ihren Arbeitgeber einzahlen. Eine Studie bestätigt jetzt die Idee und nennt Schweden als Vorbild - der GDV und bleibt skeptisch.

Im Modell der Extrarente schlägt der vzbv vor, Verbraucher über ihren Arbeitgeber automatisch in die Extrarente einzubeziehen. Einer solchen erstmaligen Einbeziehung können sie sechs Monate lang widersprechen und erhalten dann alle Beiträge zurück (Opt-Out). Auch danach können Verbraucher jederzeit widersprechen, das einzahlte Geld bleibt aber bis zum Ruhestand in der Extrarente. Auch Verbraucher, die nicht automatisch einbezogen werden, wie beispielsweise Selbstständige, können proaktiv in die Extrarente einzahlen (Opt-In), erklären die Verbraucherschützer aus Berlin.

"Wenn Verbraucher automatisch über den Arbeitgeber in eine private Altersvorsorge einbezogen werden, trägt dies erheblich zur Kostenersparnis und damit zu einer höheren Rente im Alter bei. Schweden, Großbritannien und der US-amerikanische Bundesstaat Kalifornien machen es vor. Deutschland sollte nachziehen“, sagt Dorothea Mohn, Leiterin Team Finanzmarkt beim vzbv.

 

Kalifornien als Vorbild

 

Aus den positiven Erfahrungen anderer Länder mit einer automatischen Einbeziehung aller angestellter Arbeitnehmer sollte auch Deutschland lernen, fordert der VZBV und untermauert das mit einem Gutachten. Markus Roth von der Philipps-Universität Marburg zeigt, dass sich "Opt-Out-Modelle im Ausland etabliert haben". Untersucht wurden Altersvorsorge-Lösungen in Großbritannien, Schweden und Kalifornien. Dort erfolgt der Zugang zu staatlich organisierten Standardprodukten automatisiert über den Arbeitgeber. Dieser zieht die Beiträge vom Bruttolohn ab und leitet sie an den Betreiber des Standardprodukts weiter.  Laut Gutachten senkt dieser Umstand die Kosten.

Die Kosten für die Standardprodukte in den Beispielländern liegen derzeit mittelfristig zwischen 0,2 und 0,5 Prozent des verwalteten Vermögens. In Deutschland zeichnet sich ein anderes Bild: Bei einer Stichprobe des vzbv für bestehende Riester-Verträge aus dem Jahr 2018 lagen die durchschnittlichen Kosten deutlich höher, nämlich bei etwa 1,5 Prozent des verwalteten Vermögens.

 

Die Beispiele aus dem Ausland zeigen auch, dass die Akzeptanz für Opt-Out-Modelle hoch ist und weiter wächst: In Großbritannien entscheiden sich nur zehn Prozent der Berechtigten aktiv gegen die automatische Einbeziehung. Eine vorbereitende Studie für das Standardprodukt in Kalifornien geht von einer gleich niedrigen Opt-Out-Quote aus.

 

Rahmenbedingungen sin wichtig

 

In Schweden und Großbritannien gibt es eine bedarfsunabhängige Grundrente, hierzulande eine bedarfsabhängige Grundsicherung. Dies müsse aus Sicht des VZBV bei der Einführung der Extrarente berücksichtigt werden. Die automatische Einbeziehung sollte erst ab einem bestimmten Einkommen greifen. Geringverdiener sollten aber selbst entscheiden können, ob sie in die Extrarente einzahlen wollen oder nicht.

 

Am 29. April hatte der VZBV die Extrarente, vorgestellt. Die Extrarente wird über die öffentliche Hand durch Ausschreibungen statt über gewinnorientierte Unternehmen organisiert. So sinken "die Kosten für die Verwaltung massiv, Kosten für den Vertrieb entfallen ganz", schreiben die Berliner. Allein durch die geringeren Kosten fällt die spätere Rente für Verbraucher "deutlich höher aus, als bei heute üblichen Angeboten", glauben die Verbbraucherschützer.

 

"Damit eine einfache und kostengünstige private Altersvorsorge in Deutschland Realität wird, muss die Bundesregierung noch in diesem Jahr einen Gesetzentwurf für ein Standardprodukt vorlegen", fordert Mohn.

 

Der GDV widerspricht

 

GDV-Präsident Wolfgang Weiler mahnt zur Vorsicht: "Modelle mit einem Staatsfonds wie in Schweden sind auf Deutschland nicht einfach übertragbar. Das Modell der Extrarente mit einem Quasi-Obligatorium über die Betriebe würde die betriebliche Altersversorgung kannibalisieren und alle Bemühungen für ein Sozialpartnermodell obsolet machen. Außerdem haben schon 70 Prozent der Beschäftigten eine Form der betrieblichen oder privaten Alterssicherung. Die würden wohl herausoptieren – und ob die verbleibenden 30 Prozent mitmachen, ist fraglich. Nicht zuletzt wäre ein verpflichtender staatlicher Fonds mit Opt-Out-Lösung ein Verstoß gegen europäisches Wettbewerbsrecht. Während private Anbieter die Kosten für den Vertrieb selbst tragen, würde dieser bei der Extrarente kostenfrei durch zwangsverpflichtete Arbeitgeber übernommen. Durch das privilegierte Reindrücken staatlicher Produkte in etablierte Märkte würden die privaten Wettbewerber systematisch benachteiligt."

vzbv · Dorothea Mohn · GDV-Präsident · Wolfgang Weiler · Standardprodukt
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