Vorstand der BGV, Finkelnburg, Bohn,  Herrmann, Kollöffel (v.l.n.r)
Vorstand der BGV, Finkelnburg, Bohn,  Herrmann, Kollöffel (v.l.n.r)Quelle: Fotofabry / BGV
Unternehmen & Management

Steigende Schadenkostenquote trübt das "erfolgreiche Geschäftsjahr" der BGV

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Der neue zusammengesetzte Vorstand der BGV hat gute Nachrichten aus dem Jahr 2018 mitgebracht. Die Beitragseinnahmen und Vertragsanzahl stieg, gleichzeitig bewegte sich allerdings die Combined Ratio schadenbedingt auf das falsche Ende zu und der Jahresüberschuss fiel. Der Vorstandsvorsitzende Edgar Bohn spricht insgesamt von einem "erfolgreichen Geschäftsjahr" und einem "Ausbau des Marktanteils".

Der Neuvorstandsvorsitzende Edgar Bohn und sein zum Stellvertreter aufgerückter Kollege Raimund Herrmann sind langjährige BGV Vorstände, im Blick stand bei der Bilanzpressekonferenz daher eher der Neuzugang im Trio, Moritz Finkelnburg. Der Digitalisierungsexperte ist seit April unter anderem für den kompletten Vertrieb des Unternehmens zuständig – mehr zur Aufgabenverteilung im Vorstand und Digitalisierung der BGV erfahren Sie im ausführlichen Interview mit Edgar Bohn, das sie in der kommenden Ausgabe der Versicherungswirtschaft lesen können.

 

Finkelnburg übernimmt mit der Verantwortung für Ver- und Betrieb bei der BGV keineswegs eine Sisyphus-Aufgabe, das Unternehmen wächst. Die gebuchten Beiträge stiegen um 7,1 Prozent auf 367,7 Mio. Euro, die Zahl der Verträge konnte um 4,3 Prozent gesteigert werden und beträgt rund 1,7 Millionen Stück. Dennoch gibt es Verbesserungspotenzial, das Finkelnburg heben will. Die Bedeutung des volatilen Kfz-Geschäft soll beibehalten werden, insgesamt wolle sich die BGV allerdings im Privatkundengeschäft "breiter aufstellen" und insbesondere im Bereich "Schaden- und Unfallversicherung" zulegen, erklärt der Vertriebsvorstand.

 

Dabei soll das "hohe Niveau" des Kommunalgeschäfts, das rund ein Drittel des Gesamtumsatzes generiert, nicht vernachlässigt werden. Das Unternehmen beschäftigt sich derzeit mit entsprechenden Wachstumskonzepten, über die im Sommer weiter Auskunft gegeben werden soll, wie Finkelnburg betonte.

 

Der Neuvorstand wollte sich auf seiner ersten Pressekonferenz, zuvor war er unter anderem Vorstand bei der Axa und Helvetia Deutschland, nicht zu sehr in die Karten schauen lassen. Das neben dem Privat- und Kommunalgeschäft das dritte Standbein, namentlich das Firmenkundengeschäft, ein Ansatzpunkt für Wachstum ist, verriet er doch. Dafür soll unter anderem das Maklergeschäft ausgebaut werden und die eingeführte Flottenversicherung den Weg für weiteres Versicherungsgeschäft im Unternehmensbereich schaffen.

 

Der Vorstandsvorsitzende ergänzte, dass die "cross-selling Rate erhöht werden soll", derzeit habe der Kunde durchschnittlich 1,9 Verträge, mit dem angesprochenen Produktausbau und Konzepten soll künftig "eine Zwei vor dem Komma stehen", wie Herrmann betonte.

 

Um das zu erreichen, soll laut Bohn die Kfz-Versicherung als "Türöffner fungieren". Weiteres Potenzial für die Erschließung neuer Kundenschichten sieht der gesamte Vorstand in der E-Scooter Versicherung, die das Unternehmen laut Bohn "in der Schublade habe". Nach Zulassung der der Roller durch den Gesetzgeber können der Schutz sofort in Kraft gesetzt werden.

 

Der neue Schutz kostet 44 Euro im Jahr und ist für Privatpersonen ausgelegt, einen Einstieg in Sharing-Modelle, die die BGV im Bereich KFZ praktiziert, ist derzeit nicht geplant. Eine Einschätzung des Schadenpotenzials sei bei einer neuen Versicherung schwierig und werde laut Bohn "genau im Auge behalten".

 

Wenig Zinsen, viel Sturm

 

Das weder Niedrigzinsen noch Unwetter für die BGV eine Ausnahme machen, lässt sich an den Bilanzzahlen ablesen. Der Jahresüberschuss von gerundet 7,3 Mio. ist ordentlich, allerdings der geringste seit 2015 und bewegt sich etwas unter dem Mittelwert der vorangegangenen vier Jahre. Angemerkt werden muss an der Stelle fairerweise, dass das vergangene Jahr ausnehmend gut lief und mit über zehn Millionen Überschuss das Mittel etwas verfälscht.

 

Ursächlich für den niedrigeren Überschuss im vergangenen Jahr ist unter anderem ein höheres Schadenaufkommen, dass die Combined Ratio von 90,9 im Vorjahr auf 97,9 ansteigen ließ. Ebenso stiegen die Aufwendungen für Versicherungsfälle. Das ist für einen Nicht-Leben-Versicherer eine schlechte Entwicklung

 

Da auch die BGV keine wetterkontrollierenden Fähigkeiten besitzt, soll die Combined Ratio mit technischen Mitteln gesenkt werden. Dafür soll laut dem Vorstand Herrmann die Antragsbearbeitung "verschlankt" und die Dunkelverarbeitung (noch weiter) ausgebaut werden. Das die BGV in diesem Bereich gut aufgestellt ist, war unter anderem auf der letztjährigen Pressekonferenz Thema. Das Unternehmen will in diesem Bereich weiter zulegen und die Kosten damit senken. Es ist zu erwarten, dass Finkelnburg in diesem Bereich Akzente setzen wird. Er war bis vor kurzem an der Frankfurter Goethe Business School als Akademischer Direktor für den Bereich Versicherungen mit Schwerpunkt Digitalisierung tätig und gilt als Experte in diesem Bereich.

 

Fußball und Investments

 

In Zeiten der Niedrigzinsen sind Anlagen außerhalb der klassischen Kapitalmärkte wichtig. Die BGV sieht sich gut aufgestellt, die Kapitalanlagen wachsen seit dem Jahr 2015 stetig. Aber Stillstand ist Rückschritt, weswegen das Parkgebäude unweit der eigenen Zentrale in Karlsruhe errichtet wurde und bereits an die öffentliche Hand vermietet ist. Die Inbetriebnahme im Januar des kommenden Jahres soll für die BGV Rendite außerhalb der bewährten Kapitalmärkte erwirtschaften.

 

Zudem hat der Versicherer dem Fußballverein SC Freiburg für das geplante neue Stadion ein Darlehen in Höhe von 18 Mio. Euro bereitgestellt. Die beiden Institutionen sind seit Jahren partnerschaftlich verbunden. Offenbar gab es auch erste Gespräche mit dem Zweitligisten Karlsruher SC über Investments und Zusammenarbeit, diese haben aber bisher keine geschäftliche Verbindung hervorgebracht. Das Gesagte und Minenspiel Herrmanns lässt nicht darauf schließen, dass damit in naher Zukunft zu rechnen ist.

 

Der Rechtschutz Vorstand Thomas Kollöffel erklärte auf die Möglichkeiten der Musterfestellungsklage angesprochen, dass die Klagemöglichkeiten auf das Geschäft der Rechtschutzversicherung "kaum Einfluss hatten". Es sei vielmehr ein "Akquisebooster für Internetkanzleien". Dennoch gab es auch in diesem Bereich einen Anstieg der gemeldeten Schäden und einen Anstieg der Combined Ratio um rund vier Prozent auf 96,0. Die Bruttobeiträge und Vertragsanzahl stiegen leicht, der Jahresüberschuss fiel dagegen sehr deutlich, von 831.000 auf 318.000, der geringste Wert in den letzten fünf Jahren.

 

Insgesamt ist die BGV gut aufgestellt, die Sachversicherung wächst kontinuierlich, das Standbein Kommunalversicherung ist stabil und das Firmenkundengeschäft soll das Zugpferd für weiters Wachstum sein. Wenn ein Unternehmen über sieben Millionen Euro an Beiträgen an seine Mitglieder zurückgeben kann und dennoch ebenso viele Millionen Jahresüberschuss generiert, hat man seine Erwartungen wohl tatsächlich "leicht übertroffen".

BGV · Edgar Bohn · Moritz Finkelnburg · 2018
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