Coface Länderkongress 2019 in der Mainzer Opel-Arena
Coface Länderkongress 2019 in der Mainzer Opel-ArenaQuelle: td
Märkte & Vertrieb

"Das beste Regulativ für Start-ups ist das Damoklesschwert des Scheiterns"

Von Tobias DanielTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Seien es Donald Trumps Tweets zur US-Politik oder zum Weltgeschehen im Speziellen, das Brexit-Chaos oder neue Konflikte rund um den Globus: Es sind nicht nur die großen weltpolitischen Beben, die ihre Spuren in der Geschäftswelt hinterlassen. Vor allem die digitalen Trends entfalten ihre disruptive Wirkung auf die Unternehmen, wie auf dem Coface Länderkongress in Mainz deutlich wurde.

Dabei scheint das Phänomen jedoch nicht neu: „Disruption gab es schon immer. So endete die Steinzeit nicht an einem Mangel an Steinen“, konstatierte Dietmar Dahmen, Chief Innovation Officer der ecx international GmbH in seiner Keynote. Wenig verwunderlich daher, dass der rhetorisch ausgefeilte Streifzug nahezu alle aktuellen Trends und Entwicklungen aufgegriffen hat, der mehr oder weniger direkt auch die Versicherungsbranche betrifft.

 

So ist dessen Beschreibung des aktuellen wirtschaftlichen Gemütszustandes praktisch einfach wie simpel: „Business ist ein Fightclub“, wie Dahmen am Beispiel der versicherungsaffinen Automobilindustrie erläutert. „Angriffe erfolgen immer nur auf Teile“ – sei der Motor oder das Fahren selbst (Stichwort: Autonome Fahrzeuge). Neu ist die Erkenntnis zwar nicht. Neu aber der Umstand, dass nun mit den Amazons und Googles der Welt neue Akteure mitmischen.

 

Der springende Punkt an der ganzen Geschichte: „Wir sind praktisch wie Rotkäppchen. Wir wissen nur die Mission. Der Rest ist ungewiss. Wir wissen nicht, wer uns angreift“. Ein mögliches Rezept darauf scheint ebenso simpel wie einfach: Zuhören. „Warum ist Meister Yoda so weise? Weil er große Ohren hat, er hört zu“, so Dahmens Erkenntnis.

 

So überrascht es auch nicht, dass sein Plädoyer für neue Technologien entsprechend deutlich ausfällt: Angefangen von Blockchain bis hin zur künstlichen Intelligenz: „KI ist ein wichtiger Punkt, weil sie sich Daten anschauen kann?“

Keynote von Dietmar Dahmen
Keynote von Dietmar DahmenQuelle: td

Stellt sich dennoch die Frage: „Wer braucht die Kreditversicherer?“. Angesichts der aktuellen ökomischen Rahmenbedingungen wohl mehr denn je, so Christiane von Berg, seit März neue Chefvolkswirtin für Nordeuropa bei Coface Deutschland. Denn: „Die goldenen Zeiten sind vorbei!“

 

So rechnet der Kreditversicherer mit einem Anstieg der Insolvenzen in Westeuropa um drei Prozent und um vier Prozent in Mittel- und Osteuropa. „Der längste Industrieaufschwung der letzten 30 Jahre in der Eurozone endete schon im vergangenen Herbst. Die Auswirkungen waren Ende 2018, aber auch im ersten Quartal 2019 zu spüren. In Deutschland ist die Erosion des Unternehmervertrauens im Verarbeitenden Gewerbe viel stärker ausgeprägt als in den Nachbarländern. Die große Offenheit der deutschen Wirtschaft und das Engagement in risikoreicheren Destinationen wie Türkei, Großbritannien, China und - in geringerem Maße - auch den USA bremsen den Auslandsumsatz“, erläutert die Expertin.

 

Dabei liegt Deutschland mit einer Insolvenzprognose von zwei Prozent noch unter dem Durchschnitt im Euroraum. Dennoch gebe es in Europa nur noch „wenige Inseln der Glückseligkeit“. Ein besonderes Problem scheint dabei die gegenläufige Entwicklung in der deutschen Wirtschaft. „Während die Wirtschaftsaktivität im Verarbeitenden Gewerbe deutlich abgenommen hat, wächst der Dienstleistungssektor anhaltend weiter. Die Frage ist, ob sich beide Wirtschaftssektoren gegenseitig ausgleichen können“, erläutert von Berg.

 

Größtes Sorgenkind ist dabei angesichts des aktuellen Brexit-Chaos das Vereinigte Königreich selbst. So rechnen die Analysten in Großbritannien mit einem Insolvenzrisiko von 7,5 Prozent. Knapp dahinter folgt bereits Italien mit einem Pleite-Risiko von immerhin sieben Prozent – bei einem Wirtschaftswachstum von gerade einmal 0,1 Prozent.

 

Mit besonderen Sorgenfalten blickt der Kreditversicherer dabei vor allem auf bestimmte Branchen. Nach dem Automobilsektor, dessen Bewertung in Europa, Nordamerika und Lateinamerika Anfang des Jahres herabgestuft wurde, spüren nun die Zulieferer die Folgen des sinkenden Automobilabsatzes. Besonders betroffen ist der Chemiesektor. Die petrochemischen Unternehmen reagieren zudem empfindlich auf die steigenden Öl- und Ethanpreise sowie auf Änderungen des regulatorischen Rahmens und des Verhaltens der Verbraucher, so der Kreditversicherer weiter.

Diskussionsrunde zu "aktuellen Trends im Risikomanagement"
Diskussionsrunde zu "aktuellen Trends im Risikomanagement"Quelle: td

Ein gutes Risikomanagement scheint daher in wirtschaftlich volatilen Zeiten mehr denn je gefragt zu sein. Doch wie definiert man eigentlich Risiken: Die scheint je nach Land und Region unterschiedlich sind. So gebe es „in Deutschland eine sehr enge Definition von Risiken“, konstatiert Frank Romeike, Gründer von Risknet, während in China beispielsweise Risiken auch immer mit Chancen verbunden werden.

 

Demnach seien es auch nicht die vermeintlich „schwarzen Schwäne“, welche deutsche Firmen in die Schieflage bringen würden, sondern die „bekannten Themen, die man ausblendet“, indem man entsprechende Frühindikatoren im Vorfeld ausblende – frei nach dem rheinischen Motto „Et kütt, wie et kütt“. Wichtigster Faktor für ein gutes Risikomanagement sei jedenfalls „eine gesunde Fehlerkultur“, konstatiert Romeike. Denn die Risiken selbst „ändern sich beinahe stündlich“, glaubt Ursula Kretzschmar, CFO beim Kunststoffprofil-Hersteller Profino.Dabei könnte sich manch etablierter Player bei manch Start-up noch eine Scheibe abschneiden, wenn es um eine gesunde Risikoeinschätzung geht. „Das beste Regulativ für Start-ups ist das Damoklesschwert des Scheiterns“, glaubt Romeike.

 

Auch wenn konkrete Lösungsansätze auf dem Coface-Länderkongress letztlich Mangelware blieben: Rund 97 Prozent der Kongressteilnehmer waren dennoch der Meinung, dass die globale Vernetzung auch für den Mittelstand eine große Rolle spielt. Und ohne eine entsprechende Risikobereitschaft wird den meisten Unternehmen daher der gewünschte Erfolg wohl eher versagt bleiben. Denn wie sagte einst ein Schweizer Aphoristiker: „Risiko: ein Begriff, über den sich die Tierwelt totlachen würde.“
Coface Deutschland · Coface Länderrisiken 2019