Christian Hinsch
Christian HinschQuelle: HDI
Unternehmen & Management

Hinsch: "Das Verhältnis zwischen Risiko und Prämie ist in Schieflage"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Er gehört zweifelsohne zu den verdientesten Managern der HDI: Christian Hinsch tritt heute pünktlich zur Jahreshauptversammlung der Talanx nach 35 Jahren Betriebszugehörigkeit in den Ruhestand. In seinem letzten großen Interview für die Versicherungswirtschaft spricht der scheidende 63-jährige Vorstandschef der HDI Global SE über rote Zahlen der Industrieversicherer, ausufernde Rückversicherungsschäden und die Kumulgefahren in Cyber.

Laut Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft haben die deutschen Industrie- und Gewerbeversicherer vergangenes Jahr tiefrote Zahlen geschrieben. Die kombinierte Schaden-/Kostenquote in der industriellen Sachversicherung lag demnach bei 129 Prozent. Wie sah das beim HDI aus?

Ja, der GDV spricht vom zweitgrößten versicherungstechnischen Verlust seit der Jahrtausendwende. Wir gehören in diesem Bereich zu den Marktführern. Unsere Zahlen sehen nicht besser aus.

Wieso tun sich die Industrieversicherer so schwer damit, diese Risiken richtig einzuordnen? Feuerversicherung ist doch kein Hexenwerk, sollte man meinen.

Nein, das nicht, aber es gibt einige Besonderheiten im Vergleich zu anderen Sparten. Zum einen ist der Wettbewerb in der Feuerversicherung besonders intensiv, weil die Marktzutrittsbarriere niedriger als anderswo ist, insbesondere im Beteiligungsgeschäft. Zum anderen spielt das aleatorische Element - der Zufall - eine größere Rolle, da es eine Großschaden-, keine Frequenzschadensparte ist. Wer als Kunde 30 Jahre keinen Großschaden hatte, glaubt häufig, er zahle zu viel Prämie und verlangt eine Prämienreduzierung. Versicherer gewähren diese, um den "guten" Kunden nicht zu verlieren. Ebenso glaubt womöglich ein Versicherer, der einige Zeit keine Großschäden hatte, es sei Raum für Preisabsenkungen. Dabei war es nur Zufall und sein Großschaden-Risiko hat sich in dieser Zeit wahrscheinlich sogar erhöht. Das zeigen Langfrist-Studien des Versicherungsmarkts.

Woran liegt die Erhöhung der Risiken?

Die arbeitsteilige Wirtschaft hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert. Wertschöpfungsketten sind viel stärker als früher vernetzt und noch dazu global aufgebaut. Wenn es bei einem Zulieferer - egal welcher Größenordnung - zu einer Betriebsunterbrechung kommt, können innerhalb weniger Stunden oder Tage gleich bei mehreren weiterverarbeitenden Unternehmen die Bänder stillstehen. Es kommt zu Rückwirkungsschäden. Die Zahl und insbesondere das Volumen dieser Schäden steigt stetig. Das sehen wir anhand unserer Schadenanalysen.

Haben Sie ein Beispiel?

Der CEO eines Hannoveraner Mobilitätskonzerns hat das unlängst sehr anschaulich beschrieben. Danach hat dieser Konzern allein im Autogeschäft 17.000 Zulieferer. Von denen bezieht er 140 Milliarden Teile pro Jahr, die in 130 Werken in 24 Ländern verarbeitet werden. Jedes Teil überschreitet im Schnitt viermal eine Grenze, bevor es in einem Fahrzeug eingebaut wird. Störungen dieser Abläufe haben erhebliche Auswirkungen auf das Geschäft dieses Konzerns.

Von welchen Größenordnungen sprechen wir da?

Ein aktuelles Beispiel ist der Großbrand bei einer Magnesium-Spritzerei in Michigan, USA, im Jahr 2018. Der Sachschaden bei diesem Unternehmen lag "nur" im mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich, er löste jedoch Betriebsunterbrechungsschäden von mehr als einer Milliarde Euro bei mehreren deutschen und amerikanischen Automobilherstellern aus. Es war damit der weltweit größte Rückwirkungsschaden am Industrieversicherungsmarkt.

Wie viele Kunden hat der HDI bei der Sanierung des Portfolios verloren?

Wir haben seit Mai 2018 aus einem Portfolio von circa 910 Mio. Euro Prämie etwa 100 Millionen Euro Prämie an den Markt abgegeben, mehr davon im Ausland als im Inland.

Sollen auch Kunden mehr bezahlen, die schon im vorigen Jahre eine Erhöhung mitgemacht haben?

Ja, eine Absenkung um 60 Prozent holt man nicht in einem Jahr auf. Um nur die Hälfte dieses Rückgangs der letzten 15 Jahre auszugleichen, bedürfte es einer Steigerung des Prämienniveaus um 75 Prozent. Die Kunden, die bereits ein auskömmliches Prämienniveau aufweisen, sind davon ausgenommen oder es bedarf bei ihnen nur eines Inflationszuschlags.

Sie haben von komplexen Lieferketten und der unauskömmlichen Feuerversicherung gesprochen. Wo verschärft sich die Risikolandschaft sonst noch?

Viele Risiken – gleichzeitig aber auch viele Chancen – birgt für Industrieversicherer weiter die Cyber-Versicherung. Voriges Jahr hat der "NotPetya"-Virus unseren Kunden und uns einen Vorgeschmack davon gegeben, welche Kumul-Gefahren hier am Horizont aufziehen. Der Gesamtschaden dieser Cyber-Attacke wird inzwischen auf rund zehn Milliarden US-Dollar geschätzt.

Und es gibt Streit zwischen Versicherern und ihren Kunden, wer diese Schäden zahlen soll.

Da geht es um die Frage, ob Cyber-Szenarien unter gewissen Umständen teilweise in herkömmlichen Sachversicherungen stillschweigend - silent - mitversichert sind. Die herkömmlichen Sachversicherungen sind für die Mitversicherung von Cyber-Risiken allerdings weder gedacht noch geeignet. Gerade deshalb werden spezialisierte Deckungen angeboten. Dieses Verfahren, bestehende Deckungen nicht zu dehnen und umzuwidmen, sondern neue Technologien und daraus entstehende neue Risiken in speziell darauf zugeschnittenen Policen zu versichern, ist in der Industrieversicherung seit Jahrzehnten bewährte Praxis. So passt sich die Industrieversicherung dem Technologiewandel immer wieder an. Dazu müssen eventuelle stille Deckungen identifiziert und in echte Cyber-Versicherungslösungen überführt werden. Nur so kann im Schadenfall Klarheit geschaffen werden.

 

Das vollständige Interview lesen Sie in der April-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

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