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Politik & Regulierung

WIP: 435 Mrd. Euro versteckte Schulden in der sozialen Pflegeversicherung

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die gesetzliche Pflegeversicherung kommt angesichts der aktuellen demografischen Herausforderungen zunehmend ihre Grenzen. Ein aktuelles Gutachten des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP) sieht daher in den steigenden Kosten ein großes Problem: Demnach seien seit ihrer Einführung seit ihrer Einführung im Jahr 1995 versteckte Schulden in Höhe von 435 Mrd. Euro aufgelaufen.

Wie das WIP weiter vorrechnet, könnte der Beitragssatz von derzeit 3,05 Prozent bis 2040 auf 4,1 bis 7,9 Prozent steigen. Auch die Eigenanteile, die Pflegebedürftige oder ihre Angehörigen aufbringen müssen, wird nach den Berechnungen weiter deutlich ansteigen. "Es besteht das politische Risiko, dass die Belastungsgrenze der Erwerbstätigen erreicht wird und Leistungen gekürzt werden müssen", heißt es in der PKV-Studie.

 

Gleichzeitig dürften auf die Pflegeversicherung steigende Personalkosten zukommen. Um den Personalmangel in der Pflege zu beheben, sollen Altenpflegekräfte nach den Plänen der Politik zukünftig mit einem Tarifvertrag ausgestattet werden und mehr verdienen. Dabei rechnet das Bundesgesundheitsministerium mit Mehrkosten zwischen 1,4 und 5,2 Mrd. Euro pro Jahr. "Es besteht das politische Risiko, dass die Belastungsgrenze der Erwerbstätigen erreicht wird und Leistungen gekürzt werden müssen", warnt das WIP.

 

Gesundheitsökonomen sehen daher entsprechenden Handlungsbedarf. "Die finanziellen Belastungen in der Pflegeversicherung werden zunehmen, nicht zuletzt durch die Alterung der Gesellschaft. Das ist unvermeidlich. Die entscheidende Frage ist: Wie sollen die Kosten verteilt werden? Derzeit sind vor allem die Pflegebedürftigen gefordert, das finde ich problematisch. Wenn man die Kosten auf die viel größere Gruppe der Beitragszahler umlegen würde, könnten die Steigerungen besser verkraftet werden", konstatiert der Gesundheitsökonom Heinz Rothgang von der Universität Bremen im Interview mit dem Handelsblatt

 

Seine Forderung: "Wir brauchen eine grundsätzliche Reform, den sogenannten Sockel-Spitze-Tausch. Bislang tragen die Pflegebedürftigen das volle Risiko für Kostensteigerungen. Besser wäre es, wenn sich die Betroffenen auf einen festen und begrenzten Eigenanteil einstellen können. Alles, was darüber hinaus an Kosten anfällt, muss die Pflegeversicherung übernehmen."

 

Sein Vorschlag: "Deshalb plädiere ich für eine Bürgerversicherung, die auch bislang Privatpflegeversicherte umfasst. Bei den Leistungen gibt es zwischen der privaten und der gesetzlichen Pflegeversicherung praktisch keine Unterschiede, dafür aber in der Versichertenstruktur. Weil im gesetzlichen System eher schlechtere Risiken versichert sind, sind dort die Ausgaben pro Versichertem dreimal so hoch wie im privaten System. Wenn die Lasten und Risiken solidarisch auf alle Schultern verteilt werden, kann auch die Beitragsentwicklung gedämpft werden."

 

Von einem Steuerzuschuss hält Rothgang indes nichts: "Wenn geburtenstarke Jahrgänge im Alter ihre Vermögenswerte auflösen und weniger starke Kohorten nachkommen, entstehen auch hier demografische Risiken. Kapitalgedeckte Zusatzversicherungen für die Pflege sehe ich ebenfalls kritisch. Die werden nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung in Anspruch genommen. Für die Absicherung der großen Masse taugen sie nicht."

 

Ob diese Vorschläge bei den privaten Krankenversicherern indes auf ungeteilte Zustimmung trifft, dürfte hingegen angezweifelt werrden.

WIP · Pflegeversicherung
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