Zukunft der Arbeitswelt in der Versicherung
Zukunft der Arbeitswelt in der VersicherungQuelle: Konstantin Gastmann / www.pixelio.de / PIXELIO
Schlaglicht

Verdi zu Digitalisierung im Versicherungsbereich: "Zusagen der Arbeitgeber sind oft nur Schaumschlägerei"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Im Großen und Ganzen ist die Berufswelt Versicherung ein angenehmer Ort. Es wird zwar manchmal verbissen gestritten, aber am Ende findet man meistens doch den Konsens. VWheute hat mit Verdi und AGV über die Evolution der Arbeitslandschaft Versicherung und deren Zukunft gesprochen. Der richtige Umgang mit der Digitalisierung spaltet die Tarifpartner.

Im Großen und Ganzen ist die Berufswelt Versicherung ein angenehmer Ort. Es wird zwar verbissen gestritten, aber am Ende einigen sich AGV und Verdi bei den Tarifverhandlungen doch zum Nutzen beider Seiten. So kam es auch nicht zu einem großen Aufschrei, als Verdi kürzlich ihre Forderungen für einen neuen Gehaltstarifvertrag formulierte. Die Gehälter für den Innendienst der Versicherungsbranche inklusive Zulagen sollen um sechs Prozent steigen.

 

Der geltende Gehaltstarifvertrag läuft am 31. August 2019 aus, der schwierigste Punkt wird wie bei der vorangegangenen Tarifrunde der Bereich Digitalisierung sein. Verdi will die maximale Sicherheit der Angestellten erreichen, die Versicherer wollen maximale Beinfreiheit, denn was genau die Digitalisierung bringen wird, weiß momentan niemand.

 

Eine spaltende Idee

 

Den Ist Zustand des Arbeitsmarktes im Bereich Versicherung beschreibt Frank Fassin, Leiter des Landesfachbereichs Finanzdienstleistungen in Nordrhein-Westfalen: "Wir befinden uns in der Versicherungsbranche in einem Transformationsprozess und haben dort die erste Phase eines Abbaus von Größe- und Arbeitsplätzen hinter uns."

 

Im Moment wäre man in einer Konsolidierungsphase, die aber "nicht lange anhalten wird". Es brauche unbedingt Konzepte, wie Beschäftigung gesichert werden könne. Gemeinsam mit den Arbeitgebern wolle Verdi die Kolleginnen und Kollegen zukunftsfest machen, erklärt Fassin.

 

Das ist für eine Gewerkschaft naheliegendes und ehrbares Ziel. Fassin will die "Ansprüche der Mitarbeiter auf Qualifikation verbindlich im Tarifvertrag abgesichert sehen", sodass ein Rechtsanspruch entsteht. "Daran müssten eigentlich auch die Versicherer Interesse haben, denn bisher müssen sie sich digitales Wissen extern teuer einkaufen", stellt er fest.

 

Und tatsächlich, kaum ein Interview mit einem Versicherungsvorstand vergeht ohne Hinweis darauf, wie wichtig die eigenen Mitarbeiter sind und wie viel Engagement und Geld das Haus in deren Aus- und Weiterbildung investiert.

 

Für Fassins sind das aber oft nur leere Worte. "In vielen Fällen ist das Schaumschlägerei und keine verbindliche Zusicherung. Die Zusagen seien eher "unverbindlich und zufällig". Das sind harte Wort des Gewerkschaftlers, wohl aus der Erfahrung heraus entstanden. Er will die Zukunft gestaltet sehen und hat einen Vorschlag. "Gemeinsam mit den Arbeitgebern wollen wir über einen brancheninternen Arbeitsmarkt nachdenken", skizziert er den Plan.

 

In den vergangenen Jahren kam es im Bereich Versicherungen zum ersten Mal zu Massenentlassungen, "also betriebsbedingten Kündigungen im großen Stil", erklärt der Gewerkschaftler. Dem möchte Verdi mit einem brancheninterner Beschäftigungspool entgegenarbeiten.

 

"Wir wollen gemeinsam darüber nachdenken, dass die entlassenen Kollegen in eine brancheinterne Beschäftigungsgesellschaft eingebracht und dort qualifiziert werden, sodass ein Pool an qualifizierten Arbeitskräften entsteht." Darüber möchte Verdi mit den Arbeitgebern sprechen, die sich aber momentan "zieren". Den Punkt Arbeitspool werde Verdi in die Tarifverhandlungen im Herbst einbringen.

 

AGV bremst und widerspricht

 

Die Poolidee lehnt der AGV ab. Der Verdi-Vorschlag eines "brancheninternen Arbeitsmarktes lässt sich mit unserer Wirtschafts- und Sozialordnung nicht in Einklang bringen und ist zudem auch ökonomisch nicht sinnvoll, erklärt Sebastian Hopfner, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des AGV.

 

Keine Branche verfüge über einen in sich abgeschlossenen Arbeitsmarkt. Das Gegenteil sei laut Hopfner der Fall: "Wie der Wettbewerb um die besten Mitarbeiter insbesondere im Bereich der IT zeigt, konkurrieren verschiedene Branchen um dieselben Mitarbeiter. Die Branche lebt und profitiert von der Durchlässigkeit des Arbeitsmarktes. Es belebt, wenn Erfahrungen und Knowhow aus anderen Branchen in der Versicherungswirtschaft genutzt werden können." Umgekehrt seien die Mitarbeiter in der Versicherungsbranche sehr gut qualifiziert, um sich auch in anderen Branchen behaupten zu können.

 

Der AGV möchte den Arbeitsmarkt in der Branche stabil halten. "Moderate und an die Leistungsfähigkeit der Unternehmen angepasste Tarifabschlüsse" wären dafür das Mittel der Wahl. Dies gelte "vor allem in angespannten Zeiten wie eben der aktuellen Situation".

 

Die Versicherungsunternehmen haben laut Hopfner im vergangenen Jahrzehnt bewiesen, dass durch eine "Tarifpolitik mit Augenmaß" die Beschäftigung in der Branche weitgehend stabil gehalten werden konnte.

 

Das sieht Verdi anders, wie der Verweis auf die "betriebsbedingten Kündigungen im großen Stil" mehr als nur erahnen lässt. Ebenso lässt die Forderung nach dem Beschäftigungspool erahnen, dass die Gewerkschaft die Arbeitgeber im Punkt Digitalisierung nicht so leicht vom Haken lassen wird. Der Branche stehen interessante und hitzige Verhandlungen ins Haus.

AGV · Verdi · Digitalisierung · Tarifverhandlungen
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