Axel Schwartz
Axel SchwartzQuelle: Privat
Märkte & Vertrieb

"Der Personalabrieb gerade bei Standardaufgaben im Innendienst wird weitergehen"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Versicherungsbranche befindet sich im digitalen Wandel. Doch wie wirkt sich dieser auf die Mitarbeiter eines Unternehmens aus? "Der Personalabrieb gerade bei Standardaufgaben im Innendienst wird weitergehen", glaubt Personalberater Axel Schwartz. Allerdings würden Versicherer "definitiv kein Softwareunternehmen mit Außendienst" werden. Im Exklusiv-Interview mit VWheute spricht er über die zukünftigen Entwicklungen und Trends in der Branche.

Sie als Personalexperte, wie groß ist die Gefahr für einen Arbeitnehmer in der Versicherungsbranche, seinen Job wegen der Digitalisierung zu verlieren?

Dies ist stark abhängig von der konkreten Aufgabe. Bei einfachen Sachbearbeitertätigkeiten, die von einer Maschine übernommen werden können, ist das Risiko hoch. Mit zunehmender Spezialisierung der Mitarbeiterin bzw. des Mitarbeiters ist das Risiko geringer. Dies betrifft auch den Vertrieb. Versicherungen sind kein iPhone. Sie werden in der Regel verkauft und nicht gekauft. Bedarf muss oft erst aktiv durch den Berater des Vertrauens geweckt werden. Komplexe Vorsorgeprodukte und zum Beispiel Industrieversicherungen bedürften persönlicher Beratung. Deswegen wird der personale Vertrieb auch künftig eine wichtige Rolle spielen.

Reden wir doch mal Klartext, laut GDV beschäftigt die Branche insgesamt rund 495.000 Menschen, wie viele werden es 2029 sein? Ich sage mindestens 10 Prozent Abrieb, halten Sie dagegen?

Ich möchte mich nicht auf eine Zahl festlegen. Der Personalabrieb gerade bei Standardaufgaben im Innendienst wird weitergehen. Auch die noch am Anfang stehenden Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz werden hierzu beitragen. Auf der anderen Seite werden aber durch neue Aufgaben und eventuell geänderte Berufsbilder innerhalb der Versicherungswirtschaft neue Chancen für qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entstehen.

Wird der Versicherer wegen der Digitalisierung ein Softwareunternehmen mit Außendienst, was bedeutet das für die Arbeitnehmer?

Die Versicherer werden definitiv kein Softwareunternehmen mit Außendienst. Hier warne ich auch vor einem Hype: Es gibt im Insurtech-Segment viele tolle Ideen gerade was die Vereinfachung von Prozessen angeht. In meiner Wahrnehmung ist bei einigen Startups aber leider auch viel heiße Luft. Hier vor allem, wenn es um eine Revolution im Vertrieb geht, die Menschen komplett überflüssig machen soll. Da lasse ich mich dann gerne überraschen, wenn erste schwarze Zahlen geschrieben werden.   

Sie sind bereits ein paar Jährchen im Bereich "Personal & Versicherungsbranche" tätig, ist die Digitalisierung bisher größte Wandel?

Nach der Deregulierung der Versicherungsbranche im Rahmen des europäischen Binnenmarktes 1994 würde ich dies so unterschreiben.

Die Zahl der Vertriebler in der Branche sinkt, ein anhaltender Effekt? – und wie können Versicherer in diesem Bereich Nachwuchs gewinnen.

Die Versicherungswirtschaft ist seit Jahren bemüht, das Berufsbild gerade im Außendienst aufzuwerten. Ich glaube, dass sich hier durch ein Bündel von Maßnahmen, z.B. auch im Bereich Qualifizierung, einiges zum Positiven geändert hat. Chancen zur Gewinnung junger Menschen bestehen auch in der Digitalisierung durch Einsatz moderner Technik im Außendienst. Im Innendienst sehe ich Chancen mit modernen Bürokonzepten, sehr flexiblen Arbeitszeiten und Homeoffice-Optionen, kurzum Job und Joy zu verbinden. Aber auch hier gilt Augenmaß: Ein Versicherungsunternehmen ist kein Startup und verkörpert traditionell Sicherheit und Seriösität. Hier gilt es auch ältere und erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in geeigneter Weise mitzunehmen.

Welche Qualifikationen braucht ein Innendienstmitarbeiter einer Versicherung zukünftig, wie hat sich das im Laufe der Jahrzehnte verändert? Wie sieht es im Außendienst aus?

Eine pauschale Antwort kann man hierauf nicht geben. Wichtig ist, egal ob Innen- oder Außendienst, sich durch den Erfolg seiner Arbeit und/oder Spezialistenkenntnisse unentbehrlich zu machen. Dies erfordert eine hohe Lernbereitschaft und ein hohes Maß an Flexibilität. Dies war in den früheren Jahrzehnten in diesem Maße nicht erforderlich. Die Unternehmen müssen auf der anderen Seite im Sinne eines Geben und Nehmens hierfür geeignete Rahmenbedingungen schaffen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ihr wichtigster Produktionsfaktor. Hier habe ich manchmal den Eindruck, dass dies noch nicht überall erkannt ist.

Wie schwierig ist für Arbeitnehmer neben dem Beruf eine Zusatzqualifikation zu erwerben?

Ich habe den Eindruck, dass hier bei den meisten Versicherungs-unternehmen oder auch z.B. bedeutenden Maklerhäusern ein großes Interesse an Weiterbildung und Zusatzqualifikationen der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besteht. Diese werden auch gefördert. In kleineren Vermittlerbetrieben wird dies sicherlich nicht überall der Fall sein. Weiterbildung der eigene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dürfte hier teilweise eher als Kostenfaktor denn als Investition gesehen werden. Hier sollten vor allen die Berufsverbände ansetzen, was in meiner Wahrnehmung aber zum Teil bereits passiert.

Jobs werden vernichtet, Neue entstehen. Was sollte ein Arbeitnehmer tun, um zukunftsready zu werden, braucht es Alleinstellungsmerkmale und wie können diese geschaffen werden?

Offen für Neues sein. Im eigenen Denken versuchen, zunächst Chancen von Neuem zu erkennen als sich direkt durch Risiken selbst zu blockieren. Im Hinblick auf das eigne Alleinstellungsmerkmal überlegen und vor allem dann auch aufschreiben und verinnerlichen: Was unterscheidet mich im Job positiv von meinen Kolleginnen und Kollegen? Was kann ich, was meine Kolleginnen oder Kollegen nicht können? Wie kann ich diesen Vorteil gegebenenfalls noch wirksamer einsetzen? Was ist wie bei einem selbstständigen Unternehmer meine konkrete und besondere Dienstleistung, die ich meinem "Arbeitgeber" verkaufe? Hier bietet sich auch der Austausch mit Vertrauen an, um die eigene "Story" immer weiter zu optimieren.

Würden Sie einem nahen Verwandten aktuell raten, in der Branche Fuß zu fassen, was wären ihre Tipps?

Die Versicherungswirtschaft bietet weiterhin für qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber hervorragende Berufsaussichten. Dies wird auch durch unsere Vielzahl von Suchaufträgen deutlich. Wichtig sind ständige Qualifizierung, offen für Neues sein und sich auch als Angestellter in der Rolle eines Unternehmers sehen, der eine erstklassige Dienstleistung an seinen Auftraggeber liefert. Bei vielen Angestellten leider nicht verbreitet: Erst geben und dann nehmen! Wenn das „Nehmen“ in Form von Anerkennung, Perspektiven und/oder Vergütung anschließend trotz guter Leistung nicht stimmt, selbstbewusst durchaus offen für eine Veränderung sein. In Zeiten des Fachkräftemangels kann sich kein Unternehmen erlauben, gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verlieren.

Wie wichtig ist Selbstvermarktung und wie bewahrt man sich davor, ein Prahlhans zu werden, was sollten introvertierte Menschen tun?

Gute Selbstvermarktung hat nicht zwingend etwas mit Prahlhans zu tun. Es geht zunächst einfach darum, sich der eigenen Stärken bewusst zu sein und diese zielgerichtet für das Unternehmen einzusetzen. Der introvertierte Mathematiker mit Spezialkenntnissen hat hier auf leisen Sohlen wahrscheinlich die noch bessere Story als der laute Generalist im Außendienst. Hierüber sollte sich der Mathematiker im ersten Schritt einfach bewusst sein und sich hierdurch etwas selbstbewusster als bisher einbringen. Der Rest kommt dann oft von alleine.

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