Claire Sevin
Claire SevinQuelle: Getsafe
Schlaglicht

"Durch künstliche Intelligenz wird Versicherung deutlich individueller und fairer für das Kollektiv"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Künstliche Intellgenz (KI) gehört zu den großen Zukunftstechnologien - auch für die Versicherungsbranche. Doch welche Einsatzmöglichkeiten gibt es konkret und welche Vorteile haben die Versicherten von der neuen Technologie? Exklusive Antworten auf diese Fragen gibt es im VWheute-Interview mit der KI-Expertin Claire Sevin von Getsafe.

Sie sind AI-Expertin. Beginnen wir mit einer schwierigen Frage: Erklären Sie bitte, was KI ist, was sie kann und wie sie sich entwickeln wird?

Künstliche Intelligenz, oft KI oder englisch AI abgekürzt, ist leider nicht eindeutig definiert. Vereinfacht gesagt bezeichnet man damit Computer, die in der Lage sind, mehr oder weniger stark assistiert und mehr oder weniger selbständig Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen. Künstliche Intelligenz ist also mehr als mehr reine Rechenleistung und setzt voraus, dass Algorithmen aus "Erfahrung" lernen können.

Wie setzen Sie bei Getsafe die AI ein?

Wir haben bereits alle Grundlagen geschaffen, um Daten strukturiert zu erfassen und unsere Algorithmen anzulernen. Hier sind wir bereits sehr viel weiter als traditionelle Versicherer. Unsere Versicherungsplattform ist in der Lage, den Kunden über die gesamte Wertschöpfungskette zu begleiten, angefangen vom Abschluss der Police bis zur Schadensmeldung oder Kündigung. Schon heute können wir unsere Marketingkanäle effizient anpassen und über unseren Chatbot Carla Schäden voll automatisiert  erfassen. Kunden können ihre Daten in Echtzeit aktualisieren und ihren Versicherungsschutz jederzeit verändern. Derzeit arbeiten wir noch mit Systemen, die fest konfigurierten Regeln gehorchen. Aber wir testen bereits selbstlernende Systeme, die in der Lage sind, automatisch Versicherungsbetrug zu erkennen, Risiken zu minimieren oder Preise anzupassen. Diese vielversprechenden Algorithmen werden wir schon bald für alle Kunden ausrollen.

Bisher werden Chatbots von Versicherern gerne wie Eingabehilfen am PC eingesetzt, im Grunde als einfache Ja/Nein Fragen. Wann wird der Chatbot wirklich Menschen ersetzen können?

Chatbots oder Sprachassistenten wie Siri, Alexa oder Cortona sind teilweise schon sehr ausgereift. Allerdings werden diese Systeme den Menschen meiner Meinung nach nicht ersetzen, sondern entlasten. Chatbots und Sprachassistenten werden Mitarbeiter im Kundendienst also in die Lage versetzen, sich wieder stärker auf jene Anfragen zu konzentrieren, bei denen ein persönlicher Kontakt wichtig und notwendig ist.

Sie haben Psychologie studiert. Akzeptiert ein Mensch einen Roboter als legitimen Gesprächspartner und bis zu welcher Grenze?

Das ist eine spannende Frage. Immer mehr Menschen nutzen digitale Endgeräte für Routineaufgaben, beispielsweise, um Musik abzuspielen, nach dem Weg zu fragen oder eine Person anzurufen. Voraussetzung ist, dass die digitalen Helfer nutzerfreundlich sind und die verlangten Treffer liefern. Gleichzeitig waren viele Menschen irritiert und auch entsetzt, wie menschenähnlich etwa Googles Telefonassistent Duplex klingt. Diese AI gibt sich daher vor Gesprächen nun als Maschine zu erkennen. Offenbar sind die Menschen noch nicht bereit, eine künstliche Intelligenz als legitimen Gesprächspartner zu akzeptieren.

Glauben Sie auch, dass AI-Systeme in Bälde untereinander selbstständig Informationen austauschen und daraus lernen werden? Was bedeutet das für die Versicherungswelt; was für Getsafe?

In abgespeckter Version gibt es das schon heute. Getsafe etwa hat seine Versicherungsplattform so aufgebaut, dass unterschiedliche technische Systeme untereinander über Schnittstellen, sogenannte APIs, Daten austauschen. Diese Systeme folgen ihrer eigenen Agenda und agieren autonom. Ich vermute aber, dass Ihre Frage eher darauf abzielt, dass zwei AIs miteinander telefonieren, quasi auf Kundenseite und auf Seite des Versicherers? Hier bin ich noch skeptisch. Das mag bei Kartenreservierungen fürs Kino oder Theater funktionieren, aber nicht bei komplexen Produkten wie Versicherungen. Allerdings steckt in der Versicherungsbranche, was den Einsatz von AI betrifft, auch viel Potenzial, da hier Unmengen von Daten verarbeitet werden und viele Prozesse stark von Wiederholungen geprägt sind. Getsafe ist hier ein Vorreiter in der Branche. Während traditionelle Versicherer noch damit beschäftigt sind, ihre IT-Systeme zu integrieren, arbeiten wir bereits an Modellen, wie unsere Systeme automatisch Versicherungsbetrug erkennen oder Schäden vollautomatisch regulieren können.

"Computer", die untereinander unkontrolliert Informationen austauschen - beginnt so nicht die Terminator-Reihe? Anders gefragt, wo sehen Sie die Risiken der Nutzung der AI in der Versicherungswelt, was muss beachtet werden?

Aus meiner Sicht sind die Risiken überschaubar. Klar gibt es diese Vorstellung der Maschinen, die sich eines Tages emanzipieren, nicht mehr kontrollieren lassen und schließlich die Weltherrschaft an sich reißen. Noch sind wir aber weit davon entfernt, eine AI zu schaffen, die annähernd so komplex und universell agieren kann wie der Mensch. Vielmehr werden AIs bislang für ganz bestimmte Aufgaben trainiert. Dank ihrer Rechenkapazität erbringen sie hier teilweise überragende Ergebnisse; außerdem entscheiden sie rational, ohne Stress, Aufregung oder Müdigkeit. Dennoch werden sich nur jene Lösungen durchsetzen, die einen echten Mehrwert für die Nutzer bieten.

Welchen Einfluss wird AI auf den Vertrieb von Versicherungen haben, welche auf die Produktentwicklung?

Wir schon angedeutet können wir Kunden mit Hilfe von AI besser identifizieren und einschätzen. Uns schwebt eine freundliche AI vor, die den Versicherungsschutz etwa  automatisch anpasst, wenn sich die Lebensumstände des Kunden verändern - natürlich stets in Rücksprache mit dem Kunden selbst und immer bis zum gewünschten Abdeckungsniveau bestehender Risiken. Stellen Sie sich vor Sie heiraten und ein AI-Assistent informiert Sie bequem per App, dass der Partner nun auch mitversichert ist. Und nicht nur das: Mittelfristig werden wir das Verhalten und die Daten unserer Kunden dazu nutzen, um bessere Risikoprofile zu erstellen. Kunden, die vertrauenswürdig sind, können dann beispielsweise von günstigeren Preisen oder einer schnelleren Schadensbearbeitung profitieren. Heutzutage landen Kunden dagegen auf Basis ihres Berufs oder eines bestimmten Wohnorts schnell in einer Schublade, die ihrem eigentlichen Risikoprofil nicht entspricht. Durch künstliche Intelligenz wird Versicherung deutlich individueller und fairer für das Kollektiv.

künstliche Intelligenz · Getsafe · Claire Sevin
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