Starke Regenfälle und Hochwasser nehmen zu
Starke Regenfälle und Hochwasser nehmen zuQuelle: Rudolpho Duba / www.pixelio.de / PIXELIO
Schlaglicht

"Sekundäre Naturgefahren sind nicht besser beherrschbar als Primäre" - aktive Überwachung und Modellierung ist notwendig

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Welt wird für den Menschen wieder gefährlicher. Nach dem Sieg über wilde Tiere, (viele) gefährliche Krankheiten und konkurrierende Primaten kommt jetzt eine Gefahr zurück, gegen die der Mensch wenig auszurichten vermag: Naturkatastrophen. Martin Bertogg, Head Cat Perils bei der Swiss Re, läutet die Alarmglocke, nicht nur für Versicherer.

Die zuletzt veröffentlichte Sigma Studie der Schweizer zeigt einen deutlichen Anstieg an Naturkatastrophen, insbesondre bei den Sekundären. Darunter fallen beispielsweise Sturzfluten, Erdrutsche und Gewitter, wogegen Erdbeben oder tropische Wirbelstürme primäre Naturgefahren darstellen.

Primäre- und sekundäre Gefahren
Primäre- und sekundäre GefahrenQuelle: Swiss Re

Im Jahr 2018 entfielen auf sekundäre Naturgefahren 62 Prozent aller Schäden. "Über die letzten zehn Jahre waren es rund 30 Prozent, weiß Bertogg. Im Zweifelsfall ist es allerdings schwierig, die Gefahren voneinander abzugrenzen. "Die Auftrennung ist nicht sehr scharf. Wichtig: Sie wird aus einer globalen Sicht gemacht. Primäre Gefahren sind traditionell gut überwacht und modelliert, durch alle Industriepartner. Sekundäre Naturgefahren sind im Ausmaß um eine Größenordnung kleiner und meist nicht modelliert, und daher auch weniger gut bekannt."

 

Nicht bekannt, trotzdem tödlich

 

Das Problem der sekundären Naturgefahren ist bedeutend, auch die Schweizer sehen eine Zunahme. Eine Ursache ist die Ausbreitung von Wohn- und Gewerbegebieten in Gegenden mit extremen Wetterbedingungen und höheren Temperaturen. "Die Zahl der Naturgefahrenereignisse hat über die letzten 50 Jahre, durch Sigma erfasst, stetig zugenommen, ebenso das Ausmaß dieser Schäden. Die Anzahl der kleinen Ereignisse durch schlecht erfasste Naturgefahren hat auch zugenommen, insbesondere in Asien", erklärt der Swiss Re Experte.

 

Die Ursache ist zunehmende Bebauung und das Anlegen von Ackerflächen, um die Menschen zu ernähren. "Die fortwährend zunehmende Besiedlung von Küstenabschnitten, von ehemaligen Überschwemmungsgebieten sowie die höhere Bevölkerungsdichte in Städten und die größere Zahl der Städte, insbesondere in Asien, macht aus lokalen Regenfällen schnell eine Katastrophe, im Vergleich zu früher", weiß Bertogg zu berichten.

 

Diese Gefahren sind kaum weniger gefährlich als die Primären, weiß der Experte: "Sekundäre Gefährdungen können aus lokaler Sicht durchaus primär sein: Hagel in Kanada oder Schneefall im Norden Chinas. Solche Gefährdungen sind nicht besser beherrschbar als primäre Gefahren." Das Problem ist auch bautechnisch schwierig zu lösen, denn die Zahl der Menschen nimmt zu und die Arbeit verlagert sich in die Städte.

 

"In der Tat, mit bautechnischen Maßnahmen könnte einiges an Risiken reduziert werden, aber zu einem immensen Aufwand. Risiko reduzieren und akzeptieren muss gegeneinander abgewogen werden. Wo die Gesellschaft generell eher versagt, ist bei der Planung der Landnutzung. Der Bevölkerungsdruck, sowie auch das Verlangen nach freier Sicht auf Wasserflächen, führt zur Besiedelung von speziell gefährdeten Landstrichen an Küsten und Überschwemmungsgebieten", erklärt Bertogg.

 

Warum wird nicht modelliert?

 

Die Gefahren sind hinreichend dargestellt, das Risiko sekundärer Naturgefahren steigt. Warum werden diese allerdings nicht wie ihre großen Brüder systematisch überwacht?

 

Die Naturgefahrenmodellierung ist ein aufwendiger Prozess mit großen Unsicherheiten. Immerhin, die Schlüsselgefährdungen sind mittlerweile erfasst, wenn auch im Überschwemmungsbereich noch Lücken klaffen, die nach und nach geschlossen werden.

 

Das Hauptproblem ist aber wie so oft das liebe Geld. Bei lokalen, sekundären Gefährdungen wird der Modellierungsaufwand viel höher, denn kleine Ereignisse benötigen eine höhere Präzision der Datenerfassung und die Aufnahme geografischer Gegebenheiten. "Im Prinzip ist das machbar, aber mit sehr hohem Aufwand. Schritt um Schritt werden aber auch diese Lücken geschlossen", weiß der Experte.

 

Der Branche rät er: "Diese Gefahren sollen aktiv überwacht werden, Daten gesammelt und schlussendlich auch einer Modellierung zugeführt werden. In Anbetracht der Zunahme ist eine pauschale Erledigung in der Grundschadenlast nicht mehr angebracht."

 

Absicherungsbereitschaft sinkt

 

Trotz zunehmender Schäden, die beiden letzten Jahre weisen gemeinsam die höchste je verzeichnete Schadensumme auf, sinkt die Bereitschaft zur Absicherung.

Schäden in den Jahren 2017 & 2018
Schäden in den Jahren 2017 & 2018Quelle: Swiss Re

Dieses Paradox ist nicht nur auf die Versicherungsnehmer zurückzuführen. Die Versicherungsprodukte seien in der Tat manchmal zu komplex aufgebaut, und oft wären Deckungslücken in einer Police für den "Laien nicht sofort greifbar", weiß Bertogg. Mehr Kommunikation könne hier helfen.

 

Der Trend zur Nichtabsicherung ist auch unterschiedlich ausgeprägt, erklärt der Schadenexperte: "Die Absicherungsbereitschaft ist sehr unterschiedlich. Dort, wo professionelle Risikomanager agieren, also im Großfirmengeschäft, wird Versicherung sehr aktiv als Instrument eingesetzt und die Absicherungsbereitschaft ist eine Mischung aus Risikoreduktion und Risikoakzeptanz."

 

Privatpersonen würden das Thema selten rational angehen. "Zwei Jahre, die auf globaler Ebene sehr aktiv waren, haben für das einzelne Individuum keine ausgeprägten Kaufreize ausgelöst. Im Bereich Überschwemmung und Erdbeben in den USA ist eine Abnahme der Deckungslücke zu beobachten. Es bleibt allerdings noch viel Raum, die Lücke zu schließen", fasst der Experte der Swiss Re zusammen.

 

Bleibt noch der Ausblick auf die nahe Zukunft. "Das Jahr 2019 hat sich ruhig angelassen, wenn auch ausgedehnte Überschwemmungen in Queensland, Australien, bereits einen Vorgeschmack auf sekundäre Naturgefahren in 2019 vermittelt haben", sagt Bertogg.

 

Es kann nur gehofft werden, dass das Jahr 2019 und die Folgejahre ruhig verlaufen. Mehr Katastrophen bedeuten mehr Obdachlose, Flüchtende und Krankheiten, also unter dem Strich noch mehr Tote. In den vergangenen zehn Jahren hat das Rote Kreuz weltweit 3750 Naturkatastrophen erfasst. Rund zwei Milliarden Menschen waren betroffen, mehr als 700.000 Menschen starben. Das sind Probleme, die auch mit der besten Absicherung nicht aufgefangen, aber zumindest gelindert werden können.

Swiss Re · Sigma · Naturkatastrophe
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