Diskussionsrunde beim 8. Kunstversicherungsgepräch
Diskussionsrunde beim 8. KunstversicherungsgeprächQuelle: cpt
Märkte & Vertrieb

Kunstmarkt: Politisch bedrängter Wanderzirkus der Eitelkeiten

Von Philipp ThomasTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Das am Rande der Art Cologne vom Spezialmakler für Kunst Zilkens veranstaltete 8. Kölner Kunstversicherungsgespräch stand in diesem Jahr unter dem Thema "Art Bozen Montevideo? Die Grenzen des Kunstmarkts!?" Dabei streiften die versammelten Experten aber auch die sich verwischende Funktionstrennung zwischen Galerien im Primär- und Auktionshäusern im Sekundärmarkt sowie die Brexit-Folgen für den Kunstmarkt. Ein weiterer themenkomplex: die immer noch den Kunstmarkt überschattenden offenen Restitutionen und seine immer stärkere staatliche Gängelung und Verschlechterung der Rahmenbedingungen, insbesondere in deutschen Landen.

Der Kunstmarkt bringt laut einer nicht unumstrittenen aktuellen Studie von Claire McAndrews auf einen weltweiten Umsatz von rund 67 Mrd. US-Dollar. Davon entfallen 44 Prozent auf die USA,21 Prozent auf Großbritannien sowie 19 Prozent auf China. Bei immerhin 40 Millionen Transaktionen ergibt sich daraus ein durchschnittlicher Transaktionswert von etwa 1.77 US-Dollar je Objekt. Dies passt allerdings nicht so recht zu der Rekord-Transaktion hinsichtlich Leonard’s Salvator Mundi, den sich Saudi-Arabien im Jahr 2017 trotz einer nicht ganz zweifelfreien Attribution und einem unbestritten vollkommen retouchierten Zustand etwa 450 Mio. US-Dollar kosten ließ. Nach wie vor ist der Kunstmarkt angeheizt durch ein sehr niedriges, bisweilen gar negatives Marktzinsniveau. Dies bedeutet wird ein Teil eines Vermögens in Kunst angelegt verschwindend geringe Opportunitätskosten, welche eine erhöhte Asset Allocation in Kunst und aufgrund der zusätzlichen Nachfrage steigende Preise zur Folge hat. Treibende Kräfte sind die UHNWI, Sammler mit mehr als 30 Mio. US-Dollar an Nettovermögen, Museen in der arabischen Welt und China, eventuell auch auf Kunst fokussierte Fonds. Keine Rolle spielen hingegen aufgrund bedeutungslos geringer Ankaufsetats die Museen und Kirchen.

Politisch eingebrockte Standortnachteile für Deutschland

Der deutsche Kunstmarkt hat lediglich einen Anteil von einem Prozent am Weltmarkt - gegenüber immerhin noch sechs Prozent Weltmarktanteil des Nachbarlandes Frankreich. Statistisch gilt in Deutschland der Kunstbetrieb als Teil der "Kreativwirtschaft". Er bringt es auf lediglich auf einen Umsatz 2,1 Mrd. Euro. Die gesamte Kreativwirtschaft hingegen liegt bei einem Umsatz von 158 Mrd. Euro. Wohl keine deutsche Galerie weist mehr als 50 Mio. Euro an Jahresumsatz auf. Der Markt ist bestimmt durch sehr kleine Unternehmen, häufig "selbstausbeutende, aber idealisitische" Einzelpersonen, wie sie Stefan Zilkens bezeichnete. Nur die wenigsten von ihnen können sich mehrere jährliche Teilnahmen an internationalen Messen leisten. Stattdessen sehen sie sich im Gegensatz zur Konkurrenz in anderen Staaten gleich mehreren politisch bedingten Nachteilen ausgesetzt:

  • Sie müssen ihren Kunden einen Mehrwertsteuerbetrag von 19 Prozent fakturieren. Direkt verkaufende Künstler zahlen nur sieben Prozent. Ein Kunde, der selbst im Ausland einkauft, schuldet nur eine siebenprozentige Einfuhrumsatzssteuer bzw. den weit niedrigeren Mehrwertsteuersatz in einem anderen EU-Staat.
  • Das verschärfte deutsche Kulturgutschutzgesetz unterwirft deutsche Händler einer viel größeren Compliance Bürokratie als solche in anderen EU-Staaten, viele Objekte sind nun überhaupt nicht mehr handelbar.

Noch unklare sind hingegen die Auswirkungen des Brexit. Sollte Großbritannien in einer Zollunion verbleiben, so ändert dies nichts an der Möglichkeit der abgabenfreien Verbringung von Kunst von und nach Grossbritannien, wobei aber auch in diesem Fall effektive Grenzkontrollen möglich erscheinen.

Messen: Der teure Wanderzirkus

Messen weisen typischerweise 100 bis 300 Aussteller auf und ziehen zwischen 30.000 und 120.000 Besucher je Event an. Die ersten Messen dieser Art entstanden Mitte der 1960er-Jahre. Mittlerweile findet ihre Expansion weitgehend außerhalb von Europa statt, wo auch die neue Sammler-Kaufkraft anzutreffen ist. Bedeutendere Galerien tätigten ihre Umsätze zunehmend auf Messen. Sie stehen allerdings vor dem Dilemma, an welchen Messen sie teilnehmen und für welche sie einen erheblichen Logistikaufwand budgetieren sollten. Die am wenigsten sesshaften bringen es auf zu 15 Messen pro Jahr. Zunehmend stellen sie sich die Frage ob daneben eigene Räume überhaupt noch zu rechtfertigen sind. Stattdessen bedürfen sie eigener Logistiker und der engen Zusammenarbeit mit spezialisierten Kunsttransporteuren und -versicherern.

Arabische Märkte, Neureiche und der Brexit

Die von Peter Grabowski moderierten Diskussionsrunde streifte zudem noch weitere Aspekte des Kunstbetriebs. Einigkeit herrschte in der Frage, dass im nun der EU den Rücken kehrenden Großbritannien eine andere Wertschätzung von Kunst und Kunsthandel vorherrscht. Der deutsche Kunsthandel leide hingegen an einer gänzlich überflüssigen Bürokratie verbunden mit dem Vorwurf krimineller Machenschaften. Als bezeichnend für das derzeitige Klima in Berlin sahen die Diskutanten die Entfernung der Nolde-Gemälde Büro von Bundeskanzlerin Angela Merkel als einem Ausdruck von Hysterie und mangelnder Konsequenz.

 

Der deutsche Jurist und studierte Kunstmanager Dirk Boll vom Auktionshaus Christie's rechnet hingegen mit Blick auf den Brexit mit einem Fortbestand der Zollunion zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU27. Dennoch dürfte nach Ansicht des Experten der bürokratische Aufwand beim Import weiter zunehmen. "Christie's hat sich im Zuge der Brexit-Vorsorge einen für fünf Wochen reichenden Spezialpapiervorrat für einen Ausstellungskatalog zugelegt. Auch nach dem Brexit werden Christie's-Mitarbeiter internationale Messen aufsuchen, um am Puls der Märkte zu bleiben, insbesondere auch was Preisentwicklungen angeht."

 

Die Hamburger Fachanwältin Medien- und Urheberrecht Christian Berking forderte indes in Sachen Restitution eine Differenzierung zwischen Kunst in staatlichen Sammlungen und Kunst im Privatbesitz. Nach mittlerweile 70 Jahren sei in über 99%99 Prozent der Fälle von zwischenzeitlichem gutgläubigem und daher rechtswirksamem Erwerb auszugehen. Eine Rechtsgrundlage für eine Resitution oder einer vergleichsweise Beteiligung jüdischer Erben am Auktionserlös würde hingegen fehlen. Daher müssten solche Zahlungen nun als Schenkung betrachtet werden. Berking beklagte auch die ansetzende "Restititonsmanie was Erwerbungen der Kolonialzeit angeht" und auch die diesen zugrundeliegenden arbiträren territoriale Zuordnungen.

 

Dabei wies der Düsseldorfer Kunstschadenexperte Claus Gielisch auf die allzu lässige Haltung neureicher Versicherungsnehmer in Sachen fine art und collectibles hin. Sie verdienten ihr Geld all zu leicht in der New Economy und hätten keinerlei aus der Familie stammende Erfahrungen im Umgang mit wertvollen und zerbrechlichen Objekten. Immer wieder verursachten sie in ihrer Schäden, nähmen etwa die wertvolle Armbanduhr an den Strand und verbuddelten sie dann versehentlich. Noch schlimmer seien nach Aussage des Experten die Kunstspekulanten. Diese würden versuchen, aus jedem geltend gemachten Schaden zusätzliches Kapital zu schlagen und gingen bis an den Rand des Versicherungsbetrugs. Kunstversicherer seien daher gut beraten, um diese beiden Gruppen einen weiten Bogen zu schlagen oder ihnen zumindest saftige Risikoaufschläge abzuknöpfen.

 

Vielleicht sollte sich der eine oder andere Sammler, der sich im vorgehaltenen Zilkens’schen Spiegel erkennt, nun erst einmal zur eigenen moralischen Ermahnung eine Vanitas über den Schreibtisch hängen.

Kunstmarkt · Kunstversicherung
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