Uwe Mahrt (links) und Dieter Rentsch (rechts)
Uwe Mahrt (links) und Dieter Rentsch (rechts)
Köpfe & Positionen

"Wer nachhaltig handelt, agiert automatisch wirtschaftlich"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Niedrigzinsen und Regulatorik stellen Versicherer bei der Kapitalanlage vor Herausforderungen. Bieten Investments in Erneuerbare Energien trotz der volatilen Strompreise einen Ausweg? Darüber hat VWheute mit Uwe Mahrt, Geschäftsführer von Pangaea Life, und Dieter Rentsch, Co-Founder Aquila Capital, gesprochen.

Mario Draghi ist der erste Präsident der Europäischen Zentralbank, in dessen Amtszeit der Leitzins nie erhöht wurde. Was bedeutet das für Versicherer?

Mahrt: Wir müssen die Ansprüche unserer Versicherten aus den Zinsen und Renditen unserer Kapitalanlagen bedienen. Deshalb investieren wir vor allem Cashflow-orientiert. Hinzu kommen regulatorische Vorgaben, die den Anteil riskanterer Assetklassen wie Aktien begrenzen. Das ist gerade im anhaltenden Niedrigzinsumfeld herausfordernd, in dem die Anleiherenditen niedrig oder sogar negativ sind.

Aquila Capital ist unter anderem auf Investitionen in Erneuerbare Energien spezialisiert. Warum ist das für Versicherer eine Alternative im Niedrigzinsumfeld?

Rentsch: Erneuerbare Energien sind nachhaltig und rentabel. Sie sind inzwischen wettbewerbsfähig, da die Stromgestehungskosten für Windenergie und Photovoltaik in den vergangenen Jahren so stark gesunken sind, dass mittlerweile Netzparität erreicht ist. Viele konventionelle Erzeugungsarten weisen höhere Gestehungskosten auf. Allerdings haben sich die Bedingungen für Investitionen in die Stromerzeugung aus Windenergie, Wasserkraft und Photovoltaik in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Erneuerbare Energien sind ein klassisches Basisinvestment, das seine Rendite nicht mehr aus Subventionen verdient. Die Minimalrendite entspricht den Kapitalkosten. In Deutschland müssen mit der Stromerzeugung Kapitalkosten von sechs bis sieben Prozent verdient werden, ohne Subventionen.

Wie hat sich der Markt in den zurückliegenden zehn Jahren geändert?

Rentsch: Früher sorgten hohe staatlich garantierte Einspeisevergütungen und ähnliche Förderkonzepte in Europa für auskömmliche und gut kalkulierbare Erträge und zudem für einen gewissen Renditepuffer, der auch manchen Fehler verzieh. Aber Erneuerbare Energien müssen sich nunmehr unter marktwirtschaftlichen Bedingungen behaupten und die Kapitalkosten ihrer Investoren subventionsfrei erwirtschaften. Wenn keine feste Einspeisevergütung mehr zur Verfügung steht, muss der produzierte Strom am Strommarkt verkauft werden, wo die Strompreise an den Spotmärkten sehr volatil sind.

Welche Anforderungen stellen Sie als Versicherer an eine Kapitalanlage?

Mahrt: Versicherungen sind auf gut kalkulierbare Erträge angewiesen, da unsere Verbindlichkeiten unflexibel sind. In der Regel nehmen wir für regelmäßige, vorher feststehende Auszahlungen eine geringere Gesamtrendite in Kauf, um dafür stabile Erträge zu erhalten. Dafür sprechen auch regulatorische Gründe: Lücken zwischen den eigenen Verpflichtungen und den Renditeerwartungen schlagen für Solvency-II-regulierte Versicherungen auf das Eigenkapital durch.

Der Strommarkt ist allerdings sehr volatil. Wie reagieren Sie bei Aquila auf die Anforderungen von Versicherern?

Rentsch: Ein effektives Instrument, um sich gegen die Strompreisvolatilität abzusichern, sind langfristige Stromlieferverträge, sogenannte Power Purchase Agreements oder PPAs. De facto handelt es sich um ein Hedging der Preisvolatilität an den Strombörsen. Dies lässt sich der Vertragspartner durch einen Discount auf den aktuellen durchschnittlichen Börsenpreis bezahlen.

 

Mahrt: Versicherungen sind aber, wie bereits erwähnt, in der Regel bereit, einen gewissen Abschlag zu akzeptieren, um eine höhere Ertragsstabilität zu erhalten – ähnlich wie viele andere Investoren auch bereit sind, Kosten für die Währungsabsicherung zu tragen. Das "Liability-Matching" ist Versicherern zumeist wichtiger als die Gesamtrendite.

 

Rentsch: Ich würde aber davon abraten, die gesamte Stromkapazität über PPAs zu vermarkten, da bei Produktionsengpässen Strom zugekauft werden müsste oder Vertragsstrafen drohen – oftmals genau dann, wenn die Strompreise überdurchschnittlich hoch sind. Zu viel Schutz durch PPAs kann also teuer werden. Risikoaverse Investoren setzen beispielsweise im sehr weit entwickelten skandinavischen PPA-Markt auf einen PPA-Anteil von etwa 60 Prozent. In jedem Fall sollte die Bedienung des Fremdkapitals durch feste PPA-Erträge abgesichert sein.

Staatliche Fördersysteme laufen aus, der Wettbewerb nimmt zu und institutionelle Investoren stehen unter Anlagedruck. Diese Entwicklungen drücken die Renditen von Investitionen in Erneuerbare Energien. Wie reagieren Sie darauf?

Rentsch: Es wird immer wichtiger, systematisch Risiken zu minimieren, Fehler zu vermeiden und die laufenden Betriebskosten zu senken, die bis zu 20 Prozent des Umsatzes ausmachen. Das betrifft zum einen die technische Betreuung während der Betriebsphase, für die eine räumliche Nähe unerlässlich ist. Asset-Manager sollten zudem schon in der Projektierungsphase einsteigen, um Risiken früh identifizieren und gegebenenfalls vermeiden zu können. Gefragt ist eine systematische und stetige „Asset Management Optimization“. AMO bezieht sich jedoch nicht allein auf das technische, sondern auch auf das kaufmännische Asset-Management. Die Verträge mit Projektpartnern, die Strukturierung der Finanzierung, die Vermarktung des Stroms sowie das wirtschaftliche Risikomanagement sollten von Beginn an mitgestaltet und stetig überwacht werden. Eine Erneuerbare-Energie-Anlage erfordert eine ähnliche Sorgfalt und ständige Betreuung wie ein kleines Unternehmen.

Nicht überall in Europa ist der PPA-Markt so weit entwickelt wie in Skandinavien. Wirkt sich auch das auf die Rendite aus?

Rentsch: In ganz Europa ist die Stromerzeugung aus Erneuerbaren stark angestiegen. Dennoch befinden sich die einzelnen europäischen Teilmärkte in unterschiedlichen Reifegraden und Marktzyklen. Investoren sollten nicht unbedingt ausschließlich auf ihren Heimatmarkt schauen. Es kann sinnvoll sein, sich frühzeitig in jüngeren Märkten zu engagieren, da dort noch größeres Renditepotenzial besteht. Das trifft beispielsweise für Photovoltaik auf der Iberischen Halbinsel zu. Gleichzeitig können auch sehr weit entwickelte Märkte wie Wasserkraft in Skandinavien auskömmliche Renditen erzielen, wenn ein Asset-Manager, der die Verhältnisse vor Ort genau kennt. Eine hohe Detailkenntnis auch vermeintlich exotischer Teilmärkte erlaubt es, fern des Mainstreams dauerhaft auskömmliche und damit nachhaltige Renditen zu erzielen.

Nachhaltigkeit beziehungsweise ESG-konforme Investitionen waren 2018 eines der wichtigsten Themen der Branche. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für Sie?

Mahrt: Pangaea Life investiert in Projekte, die dem Klimaschutz dienen oder CO2-neutral sind. Dabei ist uns wichtig, dass die Projekte selbst nachhaltig sind. Wir investieren nicht in ökologisch, sozial oder ethisch bedenkliche Kapitalanlagen. Auch unser eigenes Unternehmen führen wir ressourcenschonend.

 

Rentsch: Nachhaltigkeit bedeutet aber auch, dass ich auf Dauer nicht mehr ausgeben kann, als ich einnehme. Wer nachhaltig handelt, agiert also automatisch wirtschaftlich. Es geht eben auch um die Rendite, die nachhaltig erwirtschaftet wird. Nachhaltige Investments haben einen weiteren Vorteil: Sie sind gesellschaftlich akzeptiert und werden politisch unterstützt – aber eben nicht mehr in dem Maße gefördert.

Erneuerbare Energien · Dieter Rentsch · Uwe Mahrt
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