Alexander Nagler, Deutschland-Chef von AIG
Alexander Nagler, Deutschland-Chef von AIGQuelle: VW
Schlaglicht

AIG-Deutschlandchef Nagler: "Für uns ist der D&O-Markt nicht gesund"

Von Michael Stanczyk und David GorrTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
In diesem Jahr feiert der US-Versicherungskonzern American International Group (AIG) sein 100-jähriges Unternehmensjubiläum. Die Versicherungswirtschaft hat nun exklusiv mit Deutschland-Chef Alexander Nagler über den Konzernumbau, neue Wachstumsmärkte sowie wichtige Drehmomente gesprochen. Besonders die aktuelle Schieflage des D&O-Marktes bereitet dem gebürtigen New Yorker mit österreichischen Wurzeln augenscheinlich ein gewisses Kopfzerbrechen.

Sie sind seit 2014 als AIG-Hauptbevollmächtigter zuständig für die strategische Ausrichtung des Unternehmens in der DACH-Region. Welche Veränderungen haben Sie in ihrer mittlerweile knapp fünfjährigen Amtszeit vorgenommen?

Ich bin inzwischen insgesamt schon seit 20 Jahren bei der AIG. Man hat mich 2014 nach Deutschland geschickt, um die AIG hier wieder auf Kurs zu bringen. Die Ergebnisse waren zu diesem Zeitpunkt nicht gut. Es zeichnete sich ab, dass tiefe Einschnitte notwendig sein würden.

... mitunter bei der strategischen Ausrichtung und auf Seiten des Personals ...

Ja, unsere Mitarbeiter hatten natürlich einen großen Impact. Die Gesamtmannschaft hat zusammen nicht gut funktioniert, es gab zu viel Silodenken. Heutzutage kann man auf diese Weise nicht am Markt bestehen. Deshalb haben wir viel in neue Mitarbeiter investiert, die zum einen erfahrene Experten auf ihrem Gebiet sind, aber auf der anderen Seite auch Teamplayer. Und wir haben die Teams, mit denen wir uns Wachstum versprechen, stark ausgebaut. Vor vier Jahren etwa war lediglich ein Mitarbeiter für Cyber und Berufshaftpflicht zuständig. Heute haben wir sechs Underwriter für die Berufshaftpflicht und zehn Underwriter und Ingenieure für die Cyberversicherung. Auch im Bereich M&A haben wir überproportional investiert, sodass das Team von drei auf heute 15 Underwriter gewachsen ist.

Wie würden Sie die jetzige Stimmung beschreiben? Ist die AIG Europe wieder auf Kurs?

Die Stimmung ist allgemein sehr positiv. Die letzten Jahre des Umbaus waren hart, wir haben viel bewegt und jetzt beginnt der schönere Teil der Arbeit. Wir sehen das Licht am Ende des Tunnels, wie es so schön heißt. Ich bin überzeugt davon, dass wir dieses Jahr schwarze Zahlen schreiben werden. Das haben wir 2018 knapp verpasst, obwohl das vierte Quartal äußerst gut verlaufen ist. Dieser Trend setzt sich nun mit einem starken ersten Quartal fort.

AIG Europe ist im Industriegeschäft einem scharfen Wettbewerb ausgesetzt. Rote Zahlen, die Preise seit Jahren unter Druck. Dabei gibt es doch mit der Industrie 4.0 viele neue Risiken zu versichern.

Das Industriegeschäft ist noch immer eine Makler-Versicherer-Kunde-Beziehung. Die Komplexität wird durch Industrie 4.0 eher zunehmen als schrumpfen. Schauen wir uns zum Beispiel die vergangenen zehn Jahre im Sachgeschäft an. Die Prämien sind immer tiefer gesunken, gleichzeitig sind die Unternehmen gewachsen. Hier sieht man bereits die Lücke. Auf diesen negativen Rate-Change kommt noch eine Inflation von einem bis 2,5 Prozent und die veränderte Risikolage durch die Industrie 4.0. Der Markt hätte hier früher moderate Anpassungen vornehmen müssen. Mittlerweile ist er so ungesund, dass manche Versicherer aus bestimmten Bereichen aussteigen. Man sagt, es gibt viel Kapital am Markt. Das stimmt zwar, aber viele ziehen langsam die Kapazitäten zurück. Fakt ist: Selbst wenn man 1.000 gute Risiken hätte, würde man im Verlauf von 20 Jahren Geld verlieren, weil irgendwann die Schadenfälle kommen und die Gesamtprämie einfach zu tief ist. Es gibt im Sachbereich aktuell keine einfachen Risiken und es wird noch einige Jahre dauern, bis
der Markt wieder gesund ist.

Wie sieht die Entwicklung im Haftpflicht-Markt aus?

Es geht in die gleiche ungesunde Richtung wie im Sachgeschäft. Nur braucht es länger, weil die Schäden länger brauchen, um sich zu entwickeln. Im Sachgeschäft bekommt man die Folgen wesentlich schneller zu spüren. Wenn die Sachsparte wieder auf einem gesunden Niveau ist, reden wir wahrscheinlich über die Preise und Bedingungen im Haftpflichtgeschäft. Diese Situation wollen wir bei D&O vermeiden.

Was meinen Sie damit konkret?

Für uns ist der D&O-Markt nicht gesund. Dennoch sind wir mit der Sparte an einem Punkt, wo man noch mit fairen Maßnahmen gegensteuern kann, ohne die Kunden zu verschrecken. Das wurde im Sachmarkt verschlafen. Einige behaupten, dass D&O nur im Großkundengeschäft ungesund sei, der Rest sei profitabel. Ich wehre mich gegen diese Behauptung. Wir haben als einer der wenigen Versicherer aufgrund der Größe unseres Portfolios einen Überblick über den Gesamtmarkt, weil wir von Kleingewerbe über KMU bis hin zu Großkonzernen das komplette Spektrum absichern.

Dass es nicht so gut läuft bei D&O, deuten ja bereits auch die GDV-Zahlen an.

Das stimmt, die GDV-Zahlen sprechen ja für sich. Jetzt behaupten einige in der Industrie, dass die Versicherer an den Zahlen drehen und noch Puffer in ihren Reserven haben. Das ist ein ziemlich heftiger Vorwurf! Und er ist falsch: Es gibt steuer- und aufsichtsrechtlich sehr strenge Vorgaben und Pflichten, wie Schadenrückstellungen gebildet werden müssen. Zudem zeigen unsere Schadenerfahrungen aus der Vergangenheit sowie die reell ausgezahlten Schäden, dass wir mit unseren Prognosen richtig lagen.

Worauf führen Sie die Schieflage zurück?

Zum einen auf die steigenden Schäden, zum anderen aber auch darauf, dass die meisten D&O Schäden nicht in der Presse zu finden sind. 2018 gab es zwei Marktschäden, die lagen zusammen schon bei 200 Mio. Euro. Darüber spricht niemand, obwohl das sehr viel Geld für den deutschen D&O-Markt ist. Hinzu kommen erhöhte Schäden bei US-IPO-Deckungen sowie bei Insolvenzen. Dazu kommen die steigenden Kommissionen für die Makler und alles bei einem gleichbleibend niedrigen Prämienniveau.

Am Diesel-Skandal liegt es also nicht?

Alle sechs Jahre kommt so etwas wie ein "D&O-Cat-Event". Zunächst war da die Dotcom-Blase, dann die Accounting-Krise mit Enron, dann Pharma, die Finanzkrise und jetzt eben die US-IPOs und US-gelistete Unternehmen. Was die Auseinandersetzungen rund um die Diesel-Affäre angeht, ist es noch zu früh zu sagen, wie ausgeprägt dieses D&O-Cat-Event am Ende sein wird. Es dauert etwa zehn Jahre, bis man bei so einem Fall den Überblick über die gesamte Schadenlage hat. Ausschlaggebender Grund für den schlechten Zustand des D&O-Marktes ist das sicher nicht, der VW-Skandal trägt aber auch nicht zu seiner Erholung bei.

Wann wird sich der Markt nun erholen?

Das lässt sich schwer vorhersagen. Wir für unseren Teil wollen unbedingt vermeiden, dass D&O bald so ungesund dasteht wie das Sachgeschäft. Deswegen kommunizieren wir die Probleme offen und schaffen ein Bewusstsein über die Presse oder aber in der direkten Kommunikation mit unseren Maklern. Unsere Kunden haben es verdient, dass ihre Versicherer langfristig gesund bleiben, damit sie in der Lage sind auf diesem wichtigen Produkt Kontinuität zu gewährleisten. Es hat in der D&O völlig andere Konsequenzen für die Führungskräfte, wenn man hier gezwungen ist zu wechseln.

AIG Europe hat sich neu aufgestellt. Welche Pläne haben Sie persönlich noch mit AIG?

Meine Arbeit in Deutschland ist für mich sicherlich nicht vorbei. Unsere Mannschaft hat hier viel bewegt und wichtige Fortschritte gemacht, um gute Ergebnisse zu liefern. Jetzt möchte ich mich mit dem Team erst einmal über unsere Erfolge freuen.
AIG Deutschland · Alexander Nagler · D&O
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