Volker Wieland (links) und Michael Heise (rechts)
Volker Wieland (links) und Michael Heise (rechts)Quelle: mvb
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EZB: Zu starre Regeln bei Festlegung des Inflationsziels

Von Mathias von BredowTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Seit der Finanzkrise von 2008/2009 bemühen sich die wichtigen Zentralbanken der Welt darum, ihre Volkswirtschaften wieder zu mehr Wachstum zu führen und ihre Inflationsziele erreichen. Von letzterem Ziel ist die Geldpolitik allerdings immer noch weit entfernt. Im Rahmen der Vorstellung seines neuen Buches "Inflation Targeting and Financial Stability" äußerte Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz SE, Zweifel daran, ob die bisherigen Kriterien zur Festlegung des Inflationsziels noch ausreichend sind. Zusammen mit Volker Wieland, Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS), Frankfurt am Main, Stiftungsprofessor für Monetäre Ökonomie und Mitglied des Sachverständigenrats, stellte er die aktuellen Herausforderungen der Geldpolitik zur Diskussion.

Bezogen auf Europa und am Beispiel der Europäischen Zentralbank konstatierte Heise, dass das von der EZB angestrebte Inflationsziel von 2 Prozent trotz großer Anstrengungen, fortgesetzter Nullzinspolitik und Anleihekäufen noch nicht in dem vorgesehenen Maße erreicht worden sei. Auch das mit den Maßnahmen verbundene weitere Ziel, durch die massive Zu-Verfügung-Stellung von Kapital vermehrte Kreditvergaben zu bewirken und damit durch Investitionen und Konsum die Volkswirtschaft anzukurbeln, habe sich bisher nicht ausreichend erfüllt. Das seit der Finanzkrise beobachtete positive Konjunkturwachstum beruhe überwiegend auf Faktoren abseits der reinen Geldpolitik. Der Nullzins, der sich aufgrund des Anlageverhaltens besonders in Deutschland negativ auf den Vermögensaufbau auswirke, könne nach Ansicht von Experten sogar zu einem Rückgang des Konsums führen, da der Verbraucher sich mit Blick auf seine Altersvorsorge eher vorsichtig bei seinen Ausgaben verhalten würde. Dagegen würden institutionelle Anleger zum Beispiel durch verstärkten Ankauf von Triple B Anleihen mehr ins Risiko gehen, um akzeptable Renditen zu erzielen.

 

Was die bisher weniger erfolgreichen Bemühungen der Zentralbanken betrifft, die angestrebten Inflationsziele durch ihre Geldpolitik zu erreichen, so versuchte Heise in seinem Werk, auf Basis von nationalen, europaweiten und internationalen volkswirtschaftlichen Daten der zurückliegenden zehn Jahre hierfür plausible Erklärungen zu finden und Ansätze zur Problemlösung zu entwickeln. Er übte Kritik an dem in seinen Augen zu starren Regeln, mit der die EZB das von ihr gesteckte Inflationsziel erreichen wolle. Man dürfe die Geldpolitik nicht zu einer "Ingenieurwissenschaft" machen. Die volkswirtschaftliche Realität im Zeitalter der globalisierten Wirtschaft sei wesentlich komplexer geworden.

 

Der Lebenshaltungsindex HVPI als klassischer Bestimmungswert greife zu kurz, eine Meinung die auch Wieland teilte und eine Erweiterung der Spielräume befürwortete. Für die Inflation könne man, so Heise, inzwischen eine Reihe weiterer bestimmender Faktoren festmachen, beispielweise der Entwicklung der Rohstoff- und Rohölpreise, Produktionspreise weltweiter Güter, die Immobilienmärkte und die allgemeine Aufwärtsentwicklung der Schwellenländer. Der Chefvolkswirt plädierte daher dafür, die Festlegung von Inflationszielen flexibler zu machen und ihre Adaptierfähigkeit am Marktgeschehen zu erhöhen. Ein situativ bedingtes Pendeln zwischen null und zwei Prozent würde die Bandbreite des Handelns bereits vergrößern. Auch Wieland befürwortete komplexere Modelle, die zu einer robusteren Geldpolitik ohne starre Regeln führen sollten. Er bedauerte zugleich, dass die EZB zu Zeiten der Hochkonjunktur das Zeitfenster für ein Rückfahren der Anleihekäufe und eine Anhebung des Zinssatzes verpasst habe.
Leitzins · EZB · Michael Heise
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