Jorg Conradi, Vorstandsvorsotzender der Allcura
Jorg Conradi, Vorstandsvorsotzender der AllcuraQuelle: Allcura
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Allcura-Vorstandschef Condradi: "Wir sind als 'Schnellboot' sehr wendig"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Der Hamburger Spezialversicherer Allcura hat sich vor allem auf Vermögenschaden-Haftpflicht konzentriert und scheint sich damit recht bequem zu machen. "Die Allcura fühlt sich mit dem Geschäftsmodell sehr wohl, es ist für Spezialanbieter zukunftsweisend", betont CEO Jörg Conradi. Im Exklusiv-Interview mit VWheute erläutert er die aktuellen Herausforderungen für sein "Schnellboot".

Wie entwickelt sich aus ihrer Sicht die Vermögensschadens-Haftpflichtversicherungen (VSHP) auf dem Markt, wie in ihrem Haus?

Der Umbau der deutschen Gesellschaft von einer Produktions- in eine Dienstleistungsgesellschaft führt zwangsläufig zu einem Anstieg von VSHP-Risiken. Arbeitet man mit den elektronischen Medien in einem Büro, sind Personen- und Sachschäden Dritter nur schwer oder spärlich, VSHP-Schäden hingegen gut vorstellbar. Die Allcura hat sich auf die Versicherung von VSHP-Schäden spezialisiert. Wir betreiben nahezu ausschließlich dieses Geschäft und gehen dabei von einem jährlichen Wachstum zwischen fünf und zehn Prozent aus. Hier spielt vor allem der Gesetzgeber eine wesentliche Rolle. Immer wenn neue Pflichtversicherungen, wie jetzt gerade die für Wohnimmobilienverwalter, eingeführt werden, steigt die Anzahl versicherter Risiken spürbar an.

Spielt die Digitalisierung den Anbietern von Vermögensschadens-Haftpflichtversicherungen in die Hände, weil immer mehr Menschen Dienstleistungen anbieten?

Ein Teil der Frage habe ich oben beantwortet. Aber die Digitalisierung führt auch zu neuen Risiken. Kontoinformationsdienste, Zahlungsauslösedienste, Vertrauensdiensteanbieter (alt nach dem Signaturgesetz, jetzt dem Vertrauensdienstegesetz) entstehen durch die digitale Transformation der Gesellschaft. Hier wird versucht, über die Einführung neuer Pflichtversicherungen eine Risikoglättung für Verbraucher und Nutzer zu schaffen. Die Digitalisierung führt aber eben auch zu Standardisierung. Damit ist individuelle Beratung nur sehr eingeschränkt möglich. Am Beispiel der Vergleichsportale kann man dies gut erkennen. Risiken, die nicht dem Standard entsprechen, sind dort nicht oder nur unvollständig zu versichern. Wir erleben dies häufig, da wir im „Überlauf“ als Risikoträger gern angefragt werden.

Sie bieten auch Schutz für "besondere Risiken und entwickeln hierfür Sonderkonzepte", nennen Sie bitte ein Beispiel. Wie entsteht so ein Sonderschutz, kommt der Makler oder Kunde zu Ihnen und wird dann gemeinsam ein Schild entwickelt, wie lange dauert so etwas von Anfrage bis Abschluss?

Wenn neue Risiken entstehen oder ein Versicherungsbedarf wahrgenommen wird, der vorher nicht bestand, dann wird uns berichtet, es sei schwierig einen Risikoträger zur Absicherung dieser Risiken zu gewinnen. Dies ist, getrieben auch durch Digitalisierung und Regulierung, in Konzernstrukturen nachvollziehbar. Die Prozesse sind heute in umfassenden Handlungsanweisungen, Richtlinien etc. beschrieben und vorgegeben. Mal schnell ein Produkt oder eine Produktvariante zu entwickeln, ist ohne die Einhaltung der Vorgaben, die auch aufsichtsrechtlich geprüft werden, nicht mehr möglich. Rechtliche und unternehmensinterne Vorgaben gelten auch für die Allcura, nur sind unsere Wege sehr kurz. Die Bereiche Underwriting, Aktuariat, IT-Programmierung und Vertrieb sitzen bei Allcura kaum mehr als 20 Meter auseinander. Wir entwickeln im Durchschnitt eine Tarif-Produktvariante pro Woche. Heute halten wir ca. 530 unterschiedliche Tarif-Produktvarianten vor. Wenn wir das Risiko verstanden haben und uns zur dessen Absicherung entscheiden, dann benötigen wir zwei bis drei Tage bis zur technischen Umsetzung. Die Allcura hat ein rein auf die VSHP zugeschnittenes Bestandsführungssystem. Damit erfüllen wir alle Anforderungen und sind dennoch sehr schnell. Die Absicherung von Gemeinschaftswäldern, Pflegeberatern und Sachverständigen nach §§ 7a 18 SGBXI, Leasingvermittlern etc. würde sich bei der geringen Anzahl von versicherbaren Risiken im Markt sonst nicht wirtschaftlich darstellen können.

Die Ehrenamttätigkeiten nahmen in den letzten Jahren zu, ein weiteres Geschäftsfeld für ihr Haus?

Die Versicherung von ehrenamtlicher Tätigkeit ist seit langem ein Produktbereich bei Allcura. Die positive Entwicklung von Ehrenämtern ist nur zu begrüßen. Dies hat auch der Gesetzgeber gefördert. Seit der gesetzlichen Anpassung der Haftung von Ehrenämtern ist aber ein weiterer Aspekt der Absicherung in den Fokus getreten. Ehrenamtliche Vereinsvorstände und besondere Vertreter, aber auch ehrenamtlich für den Verein tätige Mitglieder haften gemäß §§ 31a, 31b BGB, wenn ihre Vergütung 720 Euro p.a. nicht übersteigt, nur für grobe Fahrlässigkeit (und Vorsatz, den die VSHP naturgemäß aber nicht versichert).  Der Verein selbst kann aber einen Schaden durch einfache Fahrlässigkeit erleiden. Damit diese Lücke geschlossen wird und der Vereinsfrieden gewahrt bleibt, stellen wir dem Verein eine Eigenschadenversicherung zur Verfügung. Der Vorstand ist bei einfacher Fahrlässigkeit nicht haftbar zu machen, der Verein hat aber einen Schaden. Diese Situation wird oft übersehen.

Ist der Vertrieb eines solchen speziellen Produktes schwierig, besteht ein großer Beratungsaufwand und steht das für den Vertriebler in einem angemessenen Verhältnis zur Provision? Was können Sie im Bereich VSHP besser als große Anbieter, wo sind die Ihnen überlegen?

Die potenziellen Versicherungsnehmer haben ein Risiko. Der Vermittler dient dieses Risiko einem Versicherer an. Dieser entscheidet, ob er das Risiko zu einem Preis  X einkaufen will. Aber das erkennen von VSHP-Risiken ist hier oft der Knackpunkt. Wir bewegen uns regelmäßig in Risikogruppen, die sehr klein sind. Nicht selten haben wir keine 1.000 oder noch viel weniger Risiken in der Republik. Die Vermittlung dieser besonderen Haftpflichtrisiken macht die Risikoerkennung und das finden eines Risikoträgers erforderlich. Der Appetit der Versicherer ist hier sehr unterschiedlich. Bei sehr kleinen Risikogruppen können Konzerne nur eingeschränkt wirtschaftlich agieren. Die „Umrüstkosten“ - wie bei einem Maschinenbauer - sind für eine auf die Versicherung von Massenrisiken ausgelegte Produktionsstraße schlicht unwirtschaftlich. Hier sehen wir Allcura als Manufaktur gut aufgestellt. Ein Vermittler mit Risiko- und Marktkenntnis kann hier wirtschaftlich gut voran kommen.

Welchen Einfluss hat der Digitalisierung auf ihr Geschäft?

Die Digitalisierung birgt neue versicherungswürdige Risiken. Eine stark ausgeprägte Automatisierung ist für jedes Bestandssystem entscheidend. Damit sind wir bei Allcura gut aufgestellt. Solange der Prozess aber nur von Papier zu Datensatz und nicht zu neuem Prozess führt, würde ich nicht von Digitalisierung, sondern Automatisierung sprechen. Insofern sehe ich gerade kaum Digitalisierung in der Versicherungswirtschaft.

Sehen Sie sich für die Zukunft in ihrem Geschäft gut aufgestellt, was planen Sie in nächster Zukunft?

Die Allcura fühlt sich mit dem Geschäftsmodell sehr wohl, es ist für Spezialanbieter zukunftsweisend. Daher planen wir keine neuen Strukturen, keine Call-Center, keine weitreichende Veränderung. Bei aller Agilität in der Risikozeichnung alter wie neuer Risiken ist die Kontinuität der Ansprechpartner - aus unserer Sicht - ein Wert an sich. Nichtsdestotrotz beobachten wir unser gesamtes Umfeld und den Markt sehr genau. Wir sind als "Schnellboot" sehr wendig und damit in der Lage, den Kurs ausgesprochen zügig zu ändern.

Allcura · Jörg Conradi
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