Quelle: Axa
Schlaglicht

Das gestörte Verhältnis zwischen Mitarbeitern und ihren Versicherungschefs

Von Silvia FischerTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Als Arbeitgeber vermitteln Versicherer gerne das Bild der stillen Champions. Außen für gute Bedingungen wenig beachtet, innen dafür bestens ausbalanciert. Doch passt dieses Selbstbild noch in eine Zeit, in der das Personal bei Automatisierung nicht an Innovation, sondern Personalabbau denkt? Das Verhältnis Vorstand-Leiter-Mitarbeiter wirkt vielerorts angespannt. 

Versicherungsunternehmen gelten auch zehn Jahre nach der Finanzkrise als attraktive Arbeitgeber: qualifizierte Jobs, gute Tarifverträge. Laut Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen verdienen ihre Angestellten brutto 40 Prozent mehr und hatten 2017 mit 5,3 Prozent eine um 27,5 Prozentpunkte niedrigere Fluktuation als jeweils der Schnitt über alle Branchen. 204.700 Beschäftigte arbeiteten 2017 bei Versicherern. Aber wird das so bleiben? Ein Paukenschlag eröffnete das Jahr. Allianz-Chef Oliver Bäte sagte über seine Mitarbeiter: „Die, die nicht mitmachen wollen, muss man nach Hause schicken“. Sind die Mitarbeiter also ein austauschbares Gut? Talanx-Chef Torsten Leue strebt einen Kulturwandel an, nach dessen Vollzug „unsere (…) Mitarbeiter weiter mit viel Spaß zur Arbeit gehen“.  Ergo und Axa haben Stellenabbauprogramme, im Management der Düsseldorfer dreht sich unter CEO Markus Rieß das Personalkarussell mächtig.

 

Was ist also los in der Branche, die sich gerade mit Blick auf die Popularität als Arbeitgeber doch selbst gerne als stillen Champion sieht?  Wie steht es um das Verhältnis zwischen dem Vorstand, den leitenden Angestellten und den Mitarbeitern? Wie ist die Stimmung innerhalb des Konzerns: dominiert der Flurfunk, brodelt die Gerüchteküche? Sind die Kommunikationsmechanismen offen oder herrschen hierarchische Strukturen? Können die Mitarbeiter die Zielrichtung des Gesamtunternehmens durch ihr Engagement beeinflussen? Offiziell äußern sich die Unternehmen in der Öffentlichkeit ungern zu solch brisanten Themenstellungen. Sofern intern solche Ergebnisse vorliegen, wird wenig nach außen gespielt. Das interne Stimmungsbild bleibt eine Geheimakte. 

Gerüchteküche und wilder Flurfunk

Bekanntlich ist die Branche durch neue Wettbewerber, Regulatorik, Niedrigzinsumfeld, Digitalisierung und die demographische Entwicklung  gewaltig unter Druck. Wer künftig die Nase vorne haben will, muss entscheidungsschnell auf die sich drastisch ändernden Bedürfnisse des Marktes reagieren können. Und dann sollen sich die Versicherer auch noch um die Stimmungslage der Mitarbeiter kümmern? Mitnichten, wie folgende Ausführungen zeigen. Denn nur hochmotivierte und -engagierte Mitarbeiter, die sich mit ihrem Unternehmen identifizieren und Überblick haben, können die derzeitigen Herausforderungen stemmen.      

 

Zunächst zum Wettbewerbsdruck. Hier bestehen zu können bedeutet, den Kunden für sich zu gewinnen. Axa Deutschland oder die R+V stellen den Kunden in den Mittelpunkt ihrer Zukunftsstrategie. Um bei diesem zu punkten, setzen beide Häuser vor allem auf die Verbesserung der internen Zusammenarbeit. Die Programme "New Way of Working" bei der Axa und „Wachstum durch Wandel“ bei der R+V umfassen verschiedene Maßnahmen, um das Verhältnis zwischen dem Vorstand, den Leitenden Angestellten und den Mitarbeitern zu verbessern. Innovative Ideen, schnellere Entscheidungen und Eigenverantwortung sollen gefördert werden. Der Vorstand der R+V hat Maßnahmen zur Weiterentwicklung der „starken Unternehmenskultur" verabschiedet.  Für die erste Führungsebene gibt es in Wiesbaden seit 2017/18 das "Leadership Exzellenz Programm“.  Damit werden Formen von Führung und Zusammenarbeit mit passender Change Management Unterstützung in den Ressorts ausgerollt. Bei der Zurich Deutschland gibt es seit 2018 das German Leadership Forum. Auch hier ist es wichtig, sich Zeit für den Austausch zu nehmen und die Führungskräfte zu befähigen, denn „Führung gelingt nicht im Vorbeigang“, so CEO Carsten Schildknecht.              

        

So weit, so gut. Aber worüber reden die Mitarbeiter zwischen Tür und Angel? R+V, Axa, Zurich und die Generali Deutschland sehen sich bei der Zufriedenheit der Mitarbeiter unisono gut aufgestellt, was zum Beispiel regelmäßige Mitarbeiterbefragungen belegen. Wichtig ist allen Konzernen, transparent und ehrlich zu informieren. Aber wie immer ist nicht alles Gold, was glänzt. Selbstverständlich herrschen in Zeiten großer Umstellungen auch Unsicherheiten bei den Mitarbeitern. Allen voran die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz. Die R+V als finanzstarkes Unternehmen hat kein Stellenabbauprogramm, was die Gerüchteküche natürlich nicht so heiß brodeln lässt. Bei Axa zeigt der Flurfunk, dass die Mitarbeiter sich mit dem laufenden Transformationsprozess auseinandersetzen, auch weil „(…) mit manchen Gewohnheiten gebrochen werden muss“, und das sicher nicht jedem leichtfalle.  Die Mitarbeiter werden im Veränderungsprozess von einem Change-Team unterstützt. Bei der Zurich findet CEO Schildknecht deutliche Worte. Zwar würden sich durch den Flurfunk keine Fake-News festsetzen, aber vergangene Themen wie Kosteneinsparungen und Personalanpassungen hätten „natürlich emotionale Spuren hinterlassen“. Wie Flurfunk in der Branche emotional wirkt, wissen vor allem Brancheninsider. Den Mitarbeitern wird immer scheibchenweise mitgeteilt, wer zeitnah von einem Standortwechsel oder Stellenabbauprogramm betroffen sein würde. Das Paradebeispiel einer Gerüchteküche ist die natürliche Folge. 

Arbeit ohne festen Platz

Mit welchen Kommunikationsmechanismen die eher konservative Versicherungsbranche diese emotionalen Spuren nun ausbügelt, weiß Manager Schildknecht. Ohnehin sei die Branche nicht per se konservativ, sie garantiere nur nach außen für den Kunden Sicherheit und Zuverlässigkeit. Im Innenverhältnis sorgten die aktuellen Herausforderungen für den „perfekten Sturm“. Er habe bei seinem Amtsantritt 2018 die Ausgangssituation zusammen mit allen Mitarbeitern schonungslos analysiert. Das Ergebnis war, dass eine kulturelle Veränderung angestoßen werden müsse, um künftig innovativ, flexibel und agil zu sein. Daher würden die Mitarbeiter im neuen Zurich Campus, der im Herbst in Köln Deutz bezogen wird, auf offenen Büroflächen arbeiten. Auch die Vorstände müssen sich dann von ihren Einzelbüros verabschieden. Auf offene Raumkonzepte setzt auch Axa, um die direkte, offene Kommunikation und den hierarchieübergreifenden Austausch zu fördern. Weder Vorstandsmitglieder, noch leitende Angestellte oder Mitarbeiter haben einen eigenen festen Schreibtisch, sondern nutzen die verschiedenen Arbeitsflächen gemeinsam. Offene Bürostrukturen wird auch der Campus der Wüstenrot & Württembergischen AG in Kornwestheim haben, wo bis 2023 alle Unternehmen der Gruppe gebündelt werden.  

 

Neben der Architektur gibt es weitere Möglichkeiten, den Austausch zu fördern. R+V bietet Chats, in denen die Mitarbeiter dem Vorstand Fragen stellen können. Die Vorstände äußern sich in internen Blogs und Videobotschaften zu aktuellen Themen. Viele Mitarbeiter beteiligen sich aktiv an diesen Angeboten. Außerdem besetzt die R+V viele Projekte hierarchie- und ressortübergreifend. Weitere Formate für den Austausch und agiles Arbeiten sind: Coffeetalks, Barcamps und Learning Journeys, standortübergreifende Townhall Meetings und CEO Lunches.

 

Bemerkenswert, dass Vorstände den Mitarbeitern immer öfter das „Du“ anbieten. Solche Initiativen gehen zum Beispiel von Axa-Chef Alexander Vollert oder Zurich-Chef Schildknecht aus.  Dazu Schildknecht: „Hier merken wir, dass es den hierarchieübergreifenden Austausch verbessert. Nicht von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt.“ Die Anstrengungen, hierarchieübergreifend, offen und ehrlich zu kommunizieren und konsistent zu handeln, sind evident.  Knackpunkt für den Hierarchieabbau ist es jedoch, die Mitarbeiter in die Entscheidungsprozesse einzubinden. Sonst bleiben Duz-Kultur und vernetzende Maßnahmen nur Fassade. Wie gehen die Unternehmen vor, damit die Mitarbeiter die Strategie mit beeinflussen können?

 

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der aktuellen April-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

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