Stefan Knoll bei der Präsentation der Unternehmenszahlen, April 2019
Stefan Knoll bei der Präsentation der Unternehmenszahlen, April 2019Quelle: mv
Schlaglicht

DFV besticht mit Ehrlichkeit und Wachstum - bei schwindendem Gewinn

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
"Ich bin echt gut gelaunt, ich habe Großes zu verkünden", erklärte Stefan Knoll, CEO der deutschen Familienversicherung (DFV), vor der Bilanzpressekonferenz gut gelaunt. Tatsächlich sind einige Zahlen des selbsternannten Insurtechs beeindruckend, dem gegenüber stehen allerdings unerfüllte Ankündigungen aus der Vergangenheit. Wo liegt die Wahrheit?

Das vergangene Jahr war trotz des holprigen Börsenstarts ein erfolgreiches für die DFV, inklusive des "besten Neugeschäfts seit Gründung". Die Anzahl der dazugekommenen Verträge stieg um 29 Prozent auf 55.263, das entsprechende Beitragsvolumen um 90 Prozent auf 17,6 Mio. Euro. Zudem wird in diesem Jahr mit weiteren 100.000 Verträgen Zuwachs gerechnet.

 

Selbst dieses Wachstum genügt allerdings nicht, um das selbstgesteckte Ziel von einer Million Kunden zu erreichen, das im vergangenen Jahr ausgegeben wurde. Zum 31. Dezember 2017 hatten die Frankfurter einen Bestand von rund 464.000 Verträgen, ein Jahr später waren es circa 454.000. Es ist kein abgeschlossenes Mathematikstudium nötig, um zu erkennen, dass auch bei einem Zuwachs von 100.000 Verträgen im Jahr 2019 keine Million Kunden oder Verträge erreicht wird.

 

Für das am Millionenziel gemessene langsame Wachstum gibt es Gründe. Zum Ende 2017 wurde eine Mitversicherungsbeteiligung der DFV an einem Wohngebäudeportfolio beendet. Dieser betrug ca. 8,4 Mio. Euro und rund 18.000 Kunden. Zudem ist seit 2015 der Elektronikbestand der DFV wegen schlechtem Schadenverläufe aufgegeben worden. Dadurch verlor man um die 0,8 Mio. Euro und fast 19.000 Kunden. Aber auch mit diesen Passagieren an Bord des DFV-Schiffes, wäre das Ziel nicht erreicht werden.

 

Auf Nachfrage nach dem nicht erreichten Millionenziel räumte Knoll direkt ein, dass er "möglicherweise den Mund ein wenig zu voll genommen habe". Das Wachstum von 100.000 Verträgen für das laufende Jahr hat die DFV aber fest im Blick. Das Quartalsziel wurde übertroffen, wie auf einem Monitor mitgelesen werden konnte, der auch tagesaktuelle Zahlen präsentierte.

Aktuelle Zahlen der deutschen Familienversicherung (u.a. Q1) auf dem Livebildschirm, Stand 4. April 2019, circa 11:45
Aktuelle Zahlen der deutschen Familienversicherung (u.a. Q1) auf dem Livebildschirm, Stand 4. April 2019, circa 11:45Quelle: mv

Mehr Brutto, mehr Verlust?

Es bleibt auch bei den weiteren Zahlen kontrovers. Die gebuchten Bruttobeiträge, bereinigt um Effekte aus der Portfoliooptimierung, wuchsen um 10,1 Prozent auf 68,5 Mio. Euro. Gleichzeitig fiel das EBIT von 2,1 Mio. Euro auf - 4,1 Mio. Euro. Begründet hat das Knoll mit einer "deutlichen Steigerung" der Vertriebsinvestitionen, den Kosten des Börsenganges und Abschreibungen im Bereich der Kapitalanlage infolge der globalen Einbrüche am Kapitalanlagemarkt.

 

Beim Thema Börsengang bekannte der Chef des Versicherers, dass es ihm nicht gelungen war, den Insurtechhype für die deutsche Familienversicherung zu nutzen. "Wir haben 51,3 Millionen eingesammelt", erklärte Knoll, geplant war das Doppelte. Der gewünschte Verkaufspreis konnte nicht erreicht werden. "Bei 17 Euro habe man die nötigen Ordern nicht bekommen", bekennt der CEO. Vielleicht aus diesem Grund wurde der angedachte Gang ins Ausland auf Eis gelegt und wird derzeit nicht weiterverfolgt.

 

Ein weiteres Problem ist der zu geringe Streubesitz. Dieser liegt derzeit bei rund 12 Prozent, Aktionäre wie VPV (15,71 Prozent) oder Pesarini (22,91 Prozent) halten weit größere Anteile, ebenso Stefan Knoll selbst (21,31 Prozent).  Der Chef des Versicherers versucht derzeit Interesse an der Aktie zu generieren. Wohl ein Grund, warum er derzeit so fleißig durch Amerika tourt, um das Geschäftsmodell der DFV zu präsentieren. Tatsächlich ist es erstaunlich, dass ein so junges Unternehmen, Gründung 2007, bei seinem Börsengang so wenig Begeisterung erzeugen konnte. Es gibt wohl nicht viele volldigitale Jungunternehmen, die über 450.000 Verträge bei einem Wachstum von fast 30 Prozent verfügen und sich gleichzeitig auf Wachstumskurs befinden.

 

An der Ausrichtung der Frankfurter kann das mangelnde Investoreninteresse nicht liegen, denn das wächst dank größerem Zuspruch der Makler, Partnerschaften wie der mit Henkel und der Kooperation mit Pro 7/ Sat. 1. Die letztgenannte Partnerschaft wird derzeit ausgebaut, wahrscheinlich schon ab dem nächsten Monat ist eine Hundekrankenversicherung über den Kanal erhältlich. Damit liegt die DFV im Trend, den auch die W&W mit Adam Riese hat kürzlich eine Hundeversicherung vorgestellt.

 

Geduld, Geduld

 

Ist die DFV nun ein Wortbrecher oder ein aufstrebendes Jungunternehmen? Letztlich kann das jeder Insider selbst entscheiden, denn das Unternehmen ist an der Börse gelistet und liefert regelmäßig Zahlen. Sicherlich kann über eine Combined-Ratio von 98 Prozent (Vorjahr 95,1 Prozent) die Nase gerümpft werden, doch die Kosten des Vertriebes stiegen deutlich und fließen mit in die Kennzahl ein. Aromatisieren werden sie sich ungefähr ab dem dritten Jahr, wie Knoll in einer Beispielrechnung aufzeigte. Damit das künftig schneller funktioniert, wird aktuell die Rückversicherungsstruktur angepasst. Das Unternehmen kann im Gegensatz zu Großunternehmen wie der Allianz nicht von einem Altbestand zehren, anfallende Kosten fallen direkt ins Gewicht.

 

Am Ende ist bei allen Zahlenspielereien entscheidend, was die Kunden denken. Die schätzen offenbar das Angebot, wie die Anstiege bei Verträgen und Beiträgen zeigen.Knoll bat beim Thema Gewinn "noch um ein wenig Geduld". Er rechnet damit, dass das Unternehmen 2021 wieder schwarze Zahlen schreiben wird, wie in den letzten Jahren vor dem Börsengang.

 

Das Ziel für dieses Jahr lautet 100.000 Verträge und einen Bestand von 100 Mio. Euro, die DFV ist auf dem Weg der Zielerfüllung. Aber wie heißt es so schön: Der Ausgang lehrt, ob die Rose blüht oder der Dorn sticht.

Stefan Knoll · DFV Deutsche Familienversicherung AG
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