Von Mai 2011 bis Dezember 2013 war Daniel Bahr Bundesminister für Gesundheit. Seit 2014 ist er Manager bei der Allianz Private Krankenversicherung.
Von Mai 2011 bis Dezember 2013 war Daniel Bahr Bundesminister für Gesundheit. Seit 2014 ist er Manager bei der Allianz Private Krankenversicherung.Quelle: Dirk Vorderstraße / flickr
Köpfe & Positionen

Allianz-Manager Bahr: "Niemand sollte ewig Politiker sein"

Von Alexander KasparTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Wenn Daniel Bahr heute als Repräsentant der Allianz in der Öffentlichkeit auftritt, wenn er auf Kongressen oder Messen mit Versicherungsbezug als Redner spricht oder wenn er nur als Besucher eines Events erscheint, umgibt den 42-jährigen ehemaligen Bundesgesundheitsminister und FDP-Politiker sofort eine ministrable Entourage und der Saal ist schnell gefüllt, wenn er spricht. Warum fasziniert er das Publikum so? Eine Analyse.
Vielleicht ist es aber auch die steile, blitzartige Karriere, die Bahr in seinem Berufsleben hingelegt hat, die das Publikum so fasziniert. Ein echter Minister und dazu noch so jung! So klang der Tenor, als Daniel Bahr im Mai 2011 mit kaum 34 Jahren eines der schwierigsten Ministerien in der Bundesregierung, das Bundesgesundheitsministerium, übernahm. Selbst Parteifreunde konnten es kaum glauben, wer da in so jungen Jahren in höchste Ämter berufen wurde. Dabei ist die berufliche, wie persönliche Entwicklung des heutigen Vorstands der Allianz-Krankenversicherung nur aus externer Sicht ungewöhnlich. Befasst man sich mit der Persönlichkeit Bahr näher, so erscheint seine Karriere wie eine zwangsläufige Entwicklung, deren Ende nach lange nicht absehbar ist.

Posterboy und liberaler Hoffnungsträger

Geboren am 4. November 1976 im rheinland-pfälzische Lahnstein als Sohn eines Polizisten, trat Daniel Bahr bereits im jugendlichen Alter von 14 Jahren den Jungen Liberalen, genannt die JuLis, bei. Auslöser dazu war, nach Bahrs eigenen Angaben, seine Unzufriedenheit mit der örtlichen Bildungspolitik. Als er einmal für die Schülerzeitung einen entsprechenden Artikel verfassen wollte, besuchte der Schüler Bahr die liberale Jugendorganisation der Freien Demokraten Deutschlands und stellte dabei fest, "dass sie sich über dieselben Dinge in der Schulpolitik aufregen wie ich. Das war meine Motivation den JuLis beizutreten und sich für eine bessere Bildungspolitik einzusetzen."

 

Zu diesem Zeitpunkt war bereits auch schon die Deutsche Einheit in vollem Gange und lieferte dem jungen Mann weitere Schwungmasse für dessen politische Aktivitäten, denn durch das Schlüsselereignis Mauerfall "hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, einen faszinierenden Umbruch mitzuerleben und mitgestalten zu wollen. Mich hat damals das Geschäftsmodell der Liberalen mit ihren Werten von Freiheit und Toleranz begeistert und nicht mehr losgelassen", erinnert sich Bahr rückblickend. Mit 16 trat Daniel Bahr schließlich der FDP bei und bis 1999 hatte er sich bei den JuLis an die vorderste Spitze vorgearbeitet und wurde ehrenamtlicher Bundesvorsitzender der Jungliberalen. Diese Position behielt der Nachwuchspolitiker bis 2004.

 

Darüber vergiesst Daniel Bahr unter keinen Umständen seine schulisch-berufliche Laufbahn: Nach dem Abitur am Immanuel- Kant-Gymnasium 1996 im westfälischen Münster, wohin es die Familie gezogen hat und wo die Mutter mittlerweile ein kleines Weinlokal mit Weinhandlung betreibt, schließt sich nach der Reifeprüfung eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Dresdner Bank AG in Schwerin und Hamburg an. Es folgt ein einjähriges aber wohl nicht so ganz befriedigendes Engagement als Finanzberater bei der Dresdner Bank in Schwerin.

Beachtliche Erfolge als Minister

Daniel Bahr zieht es zurück in seine Heimatstadt Münster um dort ab 1998 an der Westfälischen Wilhelms-Universität ein Studium der Volkswirtschaftslehre aufzunehmen, der Abschluss im Bereich Business Management mit dem Schwerpunkt Health Care und Hospital Management zum Master of Business Administration gelingt wegen der zunehmenden politischen Arbeit erst zehn Jahre später 2008. Da sitzt er schon seit sechs Jahren als Bundestagsabgeordneter im Reichstag und im FDP-Bundesvorstand. 2010 wird er FDPLandesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen und ein Jahr später hält Daniel Bahr, nun auch von der breiteren Öffentlichkeit etwas ungläubig bestaunt, mit 34 Jahren aus den Händen von Bundespräsident Christian Wulff die Ernennungsurkunde zum Bundesminister für Gesundheit in seinen Händen.

 


Ein Mann ist am Ziel seiner jugendlichen Träume, mit den großen Vorbildern auf Du und Augenhöhe. Bahr steht von Beginn an unter strenger Beobachtung, er hatte das Haus von seinem Parteifreund Philipp Rösler übernommen und will als studierter Gesundheitsökonom nun seine Spuren im Amt hinterlassen. „Geschmeidiger Posterboy“ nennt ihn der Spiegel zum Amtsantritt, weil sich Daniel Bahr im NRW-Wahlkampf als 23-Jähriger in einer Reaktion zur rot-grünen Bildungspolitik Haare raufend auf einem Plakat zur Wahl stellte. Das Motiv war damals auch bei jungen Mädchen beliebt, Bahr wirkte auf dem Poster wie ein Mitglied einer Boygroup. "Die Karriere erscheint ein wenig unheimlich" hieß es weiter und Bahr sei ein Zögling Guido Westerwelles, der den jugendlichen Erfolgstypen gut für die darbende FDP brauchen konnte. Und Bahr lieferte, neue Gesetze, die für jede Menge Diskussionsstoff sorgten, Stichwort "Pflege-Bahr".

 

Mitte des Jahres 2012 verabschiedete die Bundesregierung auf Initiative des von Bahr geführten Bundesgesundheitsministeriums das heftig diskutierte Pflege-Neuausrichtungsgesetz mit dem sogenannten "Pflege-Bahr". Zahlt ein Versicherter monatlich selbst mindestens zehn Euro in die Pflegetagegeldversicherung ein, gibt es einen staatlichen Zuschuss von weiteren fünf Euro pro Monat on-top, so die Idee Bahrs, dem das Thema Generationengerechtigkeit besonders am Herzen lag. Trotz aller Anfeindungen und Kritik wird aus der Idee ein Gesetz, welches heute noch gilt. Außerdem forderte Bahr 2013, dass die Versicherungspflichtgrenze abgeschafft werden sollte, damit sich alle Bürger in der Privaten Krankenversicherung versichern können. Im Jahr zuvor wurde auch das Arzneimittel-Neuordnungsgesetz dahingehend geändert, dass private Krankenversicherer Anrecht auf einen Herstellerrabatt haben, auch das gilt noch heute.

Zu früh aus der Politik verbannt

Daniel Bahr ist auf dem Höhepunkt seiner Macht, bekommt ganze Fotostrecken im Magazin der Süddeutschen Zeitung gewidmet. Darin bekennt der Langstreckenläufer, der selten seine Laufrunden ausfallen lässt, dass er mit dem Rauchen aufgehört habe, mehr Vertrauen in die Schulmedizin als in die Homöopathie habe und dass er gerne auch mal ein Glas Wein trinke. Weiter erfährt man, dass Anrufer früher einmal mit dem Anrufbeantworer-Spruch begrüßt wurde "Salvatore ist gerade nicht da, er wickele gerade Geschäfte ab". Der Mann hat Humor, ist natürlich schlagfertig und dabei offen und sympathisch. So sieht ihn inzwischen auch die Öffentlichkeit, die Sorge vor einem ultraliberalen Rasenmäher auf dem Stuhl des Bundesgesundheitsministers bewahrheiten sich nicht.

 

Nach zweieinhalb Jahren Amtszeit kann der zweitjüngste Minister im Kabinett Merkel eine respektable Bilanz vorweisen: Die Praxisgebühr ist abgeschafft, Ärzte bekommen mehr Geld, wenn sie sich auf dem Land niederlassen und Demenzkranke erhalten erstmals Leistungen aus der Pflegeversicherung. Doch all diese Erfolge mögen den Politiker Bahr zieren, die Partei profitiert nicht. Mit den Bundestagswahlen vom 22. September 2013 findet das politische Engagement Daniel Bahrs ein jähes Ende, die FDP fliegt nach 64 Jahren mit 4,8 Prozent aus dem Deutschen Bundestag. "Eine bittere Stunde", kommentiert Bahr da im TV-Wahlstudio das Aus seiner Partei und das Ende seines Mandats. Trotz schwerer Enttäuschung brauche das Land aber weiter eine liberale Partei für die Freiheit, wo Leistungsgerechtigkeit gelte und Bürgerrechte hochgehalten werden. Das Versagen sei eine Mannschaftsleistung der letzten vier Jahre gewesen. So spricht ein Sportsmann, der in der Niederlage Haltung bewahrt und erhobenen Hauptes aus dem grellen Licht der Scheinwerfer tritt.

 

Der Weg führt den mit einer promovierten Rechtsanwältin verheirateten Ex-Politiker nach der verlorenen Wahl in die Vereinigten Staaten von Amerika, konkret nach Washingtonans Center for American Progress. An der University of Michigan arbeitet er zudem als Gastdozent für Gesundheitsökonomie. Dort in den Staaten gilt der Liberale als "Sozialist", weil er, wie US-Präsident Barack Obama, die Einführung einer flächendeckenden Versicherungspflicht befürwortet. Die Vorlagen und Konzepte dazu stammten aus der Denkfabrik Center for American Progress. Doch nach einem Jahr im Abklingbecken USA zieht es den 37-jährigen nach Deutschland. Erholt, entspannt, mit Bart und längerem Haar steht Daniel Bahr, kaum wieder zurück, erneut im Rampenlicht.

"Logsich, dass ich weiter im Gesundheitwesen bleibe"

Es wird bekannt, dass Daniel Bahr nach nur einjähriger Auszeit, in die Führung der Allianz Private Krankenversicherung wechseln wird. Die aufkommende Kritik der ehemaligen Kollegen und Vertreter von Verbänden und aus der Presse, die eine zu große Nähe von Politik und Wirtschaft befürchten und in ihm einen Lobbyisten sehen, retourniert Bahr gelassen: „Politiker kommen nicht aus dem Nichts und sie gehen auch nicht in das Nichts. Meine Ausbildung und mein Engagement in den vergangenen Jahren für das Gesundheitswesen führen mich logisch dazu, dass ich in diesem Bereich auch weiter tätig bin. Es wäre ja verwunderlich gewesen, wenn ich jetzt für die Automobilindustrie arbeiten würde, wo ich mich ja nicht auskenne.“ Und weiter: „Niemand sollte ewig Politiker sein. Es gibt viel zu viele im Parlament, die eigentlich nichts anders gemacht haben als Politik, häufig nur bei Parteien gearbeitet haben oder in Fraktionen oder Stiftungen.“

 

Auf die Frage, was er denn genau bei der Allianz machen werde, antwortet Bahr: "Bei der Allianz Private Krankenversicherung übernehme ich die Verantwortung für das Leistungsmanagement und die Vertriebskoordination. Ich bin quasi zuständig für Vertriebsfragen und die Ausgabenseite der Krankenversicherung. Abrechnung und Verträge mit Leistungserbringern wie zum Beispiel Ärzten oder Kliniken gehören dazu. Das ist klassisches Unternehmergeschäft." Und dafür ist sich Daniel Bahr nicht zu schade, selbst in die Vertriebsmühle einzusteigen und auf Kongressen und auf Podien für die neuesten Entwicklungen aus dem Hause Allianz zu werben. Dann erlebt man einen nahbaren, stets zu Scherzen aufgelegten, lockeren Mann in den besten Jahren, der eloquent seine Zuhörer auf die Tour durch seine Folien mitnimmt, zu überzeugen weiß und auch kritische Fragen, wie weiland noch als Politiker im Sperrfeuer, ohne große Emotionen, aber überzeugend zu präsentieren weiß.

 

Zum Beispiel beim Thema Vivy, der digitalen Gesundheits- Assistentin der Allianz, eine Art persönliche Gesundheitsakte, die das Unternehmen ihren Kunden zur Verfügung stellt. Bei der gemeinsam mit der DAK vorgestellten App, frotzelte Bahr z.B.: "Im Vergleich zur DAK mit ihren 245 Jahren sind wir von der Allianz ein Start-up-Unternehmen und haben deshalb auch eine größere Nähe zu Start-ups". Dabei präsentiert der Manager nicht nur das Produkt an sich, sondern auch noch persönliche Informationen vom Dermatologen über sein Hautkrebsscreening, seine drei Töchter, von denen zwei in München geboren wurden, dass er zum ersten Mal auch in Bayern wählen konnte und wie häufig er auf die Laufpiste geht. Das schafft Authentizität, Nähe zum Zuhörer und entwickelt schnell überzeugende Wirkungskraft, denn Bahr weiss wovon er spricht, als Ex-Politiker, als gelernter Gesundheitsökonom und als aktiver Versicherungsvorstand. Dann scheint er wieder durch, der Politiker in ihm, der die Massen zu begeistern weiß.

 

Zum Thema Vivy sagt Bahr noch: "Wir von der Allianz wollen aber per se keine Tarife anbieten, die daran gekoppelt sind, wie viel Sport man treibt. Kleinteilige Kollektive passen nicht in die private Krankenversicherung. Die Solidargemeinschaft funktioniert über den Ausgleich in der Gruppe: Die Gesunden stehen für die Kranken ein und das funktioniert nach dem Gesetz der großen Zahlen umso besser, je größer die Anzahl der Personen ist." Das kann man durchaus auch als Spitze gegen den Mitbewerber Generali und dessen Programm "Vitality" verstehen. Aber Austeilen gehört eben nicht nur in der Politik zum Grundhandwerk, sondern auch als Führungskraft eines Großkonzerns. Spontane Interviewanfragen bescheidet der Kommunikationsprofi positiv, ganz im Gegensatz zur in der Branche weitverbreiteten Vorsicht, sich jedes Wort von der Pressestelle vorschreiben und abnehmen zu lassen. Keine Frage, mit der Verpflichtung des Gesundheitsexperten Bahr hat die Allianz einen Joker an Land gezogen.

 

Das Minister-Brimborium, die Limousinen mit Blaulicht und die Bodyguards vermisse er nicht, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ganz im Gegenteil: "Ich war froh, als das vorbei war. Heute jogge ich morgens alleine ins Büro und fahre mit der U-Bahn zurück." Das Kapitel Politik sei für ihn vorbei, sagte Bahr, ohne dass er eine Rückkehr komplett ausschließt: "Ich fühle mich immer noch jung, und wer weiß, was in 20 Jahren ist."

Allianz Private Krankenversicherung · Daniel Bahr · PKV
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