Petro Poroschenko seit dem 7. Juni 2014 Präsident der Ukraine und muss am Sonntag seine Abwahl fürchten.
Petro Poroschenko seit dem 7. Juni 2014 Präsident der Ukraine und muss am Sonntag seine Abwahl fürchten.Quelle: Poroschenko / flickr
Märkte & Vertrieb

Wahlen in Ukraine: Wie Versicherer am Donbass überleben

Von David GorrTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Viele ausländische Player wie zuletzt Axa kehren dem ukrainischen Versicherungsmarkt den Rücken. Daran ist nicht nur der Krieg schuld. Wer bleibt, hofft auf baldigen Frieden und eine erhöhte Kaufkraft. Das vollbringen könnte ein Comedy-Star, der bei der Präsidentenwahl am Sonntag der Favorit ist.

Der 41-Jährige Wladimir Selenski ist gerade gut im Geschäft als Hauptdarsteller einer Serie im ukrainischen Fernsehen. Darin ist er ein furchtloser Geschichtslehrer, der überraschend zum Präsidenten gewählt wird und eine Politik für das Volk macht. Das hat die Zuschauer so sehr überzeugt, dass sie Selenski tatsächlich zum Präsidenten wählen würden. Laut Umfragen käme er auf 32,1 Prozent der Stimmen, der amtierende Präsident Petro Poroschenko auf 17,1 Prozent und Julia Timoschenko auf 12,5 Prozent (Stand: 25. März). 

 

Die Wahl für Selenski zeigt wie verzweifelt die ukrainische Bevölkerung ist. Seit April 2014 sind Teile des Donezbeckens Schauplatz des Krieges zwischen ukrainischen Truppen und prorussischen Separatisten. Vorausgegangen waren die Maidan-Proteste, der Sturz des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch und die Besetzung der Halbinsel Krim durch Russland. Die ökonomische Krise und die Angst beherrschen seitdem den Alltag der Menschen. Laut dem ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko blieben etwa 100 Bergwerke und Bankaktiva im Wert von fünf Mrd. US-Dollar auf den Donbass-Territorien liegen, die Kiew nicht kontrolliert. Wegen des Konfliktes habe das Land 15 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts, 25 Prozent der Industrie, 80 Prozent der Erdöl- und Erdgas-Lagerstätten sowie zehn Prozent seiner Hafeninfrastruktur verloren. Gleichzeitig nahm der Handel mit Russland rapide von 40 auf etwa zehn Prozent ab.

 

Das Erdgas stamme immer noch aus Russland, werde aber über die Slowakei und Polen eingekauft - zu höheren Preisen. Das Arbeitskräftepotenzial sinkt, junge Menschen wandern aus. Insgesamt wurden seit 2014 1,3 Millionen ukrainische Aufenthaltsgenehmigungen in der EU bearbeitet. Im Zuge der Abwertung der Landeswährung Hrywnja (UAH) sind die Kaufkraft und der private Konsum in der Ukraine eingebrochen. Verfügten die Haushalte 2013 noch über ein Durchschnittseinkommen von umgerechnet 382 Euro pro Monat, so erreichte es 2016 mit knapp 190 Euro nur noch die Hälfte. Inzwischen ist die Talsohle zwar durchschritten. Die Einkommen des Großteils der Bevölkerung sind aber weiterhin sehr gering. Mehr als die Hälfte der Konsumausgaben der Haushalte entfällt allein auf Nahrungsmittel. Korruption und Kriminalität werden auch im Friedenszustand grassieren.

Menschen brauchen Lebensmittel und keine Versicherungen

In diesem Umfeld bleibt nicht viel Geld für Versicherungen. Im Jahr 2017 lagen die pro Kopf Ausgaben für Policen im Schnitt bei mageren 30 Euro, in Deutschland liegt dieser Wert bei 2.300 Euro. Im Vergleich dazu liegt der Schnitt in Zentral- und Osteuropa bei 175 Euro und etwa in Polen bei 386 Euro. Viel Luft nach oben gibt es bei der Versicherungsdurchdringung aber nicht, wenn die Menschen nur Geld für das Nötigste ausgeben. Da verwundert es nicht, dass viele heimische Versicherer nicht überleben und große ausländische Player sich aus dem ukrainischen Markt zurückziehen. Wie alle osteuropäischen Insurance-Branchen ist auch der ukrainische stark fragmentiert. 2015 waren im Land 400 Versicherer registriert, 2017 noch knapp 300.

 


Der Markt und das BIP seien zu klein, und es droht womöglich ein Krieg mit Russland, begründete die Axa Gruppe den Verkauf seiner Töchter in dem Land. Der französische Versicherer verkaufte im Oktober vergangenen Jahres seine Sach- und Lebengesellschaft an die kanadische Fairfax Financial Holding. Dabei war Axa Insurance in der Ukraine 2017 führend bei den Nettoprämien, Auszahlungen und beim Verkauf von Kfz-Policen. Auch das erste Halbjahr 2018 lieferte ein Rekordergebnis: 916 Mio. UAH, umgrechnet 29 Mio. Euro, sammelte man an Bruttoprämien ein - ein Plus von 14 Prozent zum Vorjahreswert. "Dennoch arbeitet der Versicherer unrentabel", sagt Wjatscheslaw Tschernjahowski, Direktor des ukrainischen Verbands "Versicherungs-Business". Über ein Jahr lang suchten die Franzosen bereits einen Käufer für das Ukraine-Geschäft. Seit dem Antritt von Thomas Buberl gibt es einen Strategiewechsel bei Axa auf dem osteuropäischen Markt, der Fokus liege jetzt klar auf Asien. So gelang es schnell, die Tochtergesellschaften in Aserbaidschan und Serbien zu verkaufen, das Geschäft in Russland könnte demnächst folgen. Wautelet Philippe, aktuell noch Chef der Axa Insurance Ukraine, hat dafür Verständnis: "Lieber die Nummer Eins auf einem großen Markt sein, als führend auf einem kleinem Markt zu sein."

 

Für Experte Tschernjahowski ist eins klar: "Der Rückzug der Axa ist ein Beweis, dass der ukrainische Markt für große Player uninteressant ist." In den vergangenen Jahren verabschiedete sich bereits die Generali, AIG, Aegon und QBE sowie die Talanx. Die Lebentochter der Axa ist seit Juli 2013 in der Ukraine aktiv, der Sachversicherer Axa Insurance bereits seit 2007. Er profitierte insbesondere vom Boom der Kfz-Policen, heute stammen 65 Prozent der Axa-Prämien alleine vom Autogeschäft. Wie in Russland begann der ukrainische Versicherungsmarkt zweistellig zu wachsen, nachdem 2003 die Kfz-Haftpflichtversicherung eingeführt wurde. In beiden Ländern lebt die Assekuranz bis heute von der Angst der Autobesitzer, die sich gegen rüpelhafte Fahrer absichern möchte. Und in beiden Ländern ist das Wachstum des Versicherungsmarktes eng mit der Entwicklung der Volkswirtschaft verbunden. 2017 erwirtschaftete der ukrainische Versicherungsmarkt Prämien in der Höhe von 1,3 Mrd. Euro und wuchs damit um 23,5 Prozent zum Vorjahr. Von Januar bis September 2018 wurde bereits die Vorjahreszahl kassiert. 

 


Während auf den großen europäischen Märkten die Verkäufe der Lebenprodukte etwa 50 bis 70 Prozent der gesamten Prämien ausmachen, dominiert in Osteuropa der Sachversicherungsbereich. In der Ukraine beträgt dieser Anteil 93 Prozent, nur sieben Prozent der Prämien entfallen auf Lebenpolicen – mithin ein Grund, warum Aegon keine Perspektive sah. Das Nachbarland Polen weist ingesamt ein Prämienvolumen von 12,3 Mrd. Euro auf und liegt in Osteuropa deutlich vor Ländern wie der Türkei (zehn Mrd.), Tschechien (fünf Mrd. Euro) oder Rumänien (zwei Mrd. Euro).

Wann greift die Kriegsklausel?

Während also für Axa die Risiken in der Ukraine überwiegen, ist der Käufer Fairfax positiv gestimmt. Die Kanadier, die überwiegend durch Akquisitionen wachsen (z.B. Odyssey Re, Crum & Forster, Brit Insurance, Polish Re) und ihren Kaufobjekten großen Freiraum lassen, erwarben 2015 den Versicherer QBE Ukraine, inzwischen umbenannt in Colonnade Ukraine und seitdem um das Doppelte gewachsen. Das langfristige Engagement von Fairfax hat die Franzosen überzeugt. Womöglich kann sogar das derzeitige Axa-Management in Kiew daher hoffen, ihre Stellen behalten zu können. 
Wenn sich aller Annahmen zufolge die Wirtschaft bald erholt und die Kaufkraft steigt, dürfte die Axa davon am meisten profitieren.„Denn die weitere Entwicklung unserer Kernsparte Kfz-Vollkasko hängt vollständig davon ab, wie viele Neuwagen verkauft werden“, betont Wjatscheslaw Gawrilenko, Vorstandsmitglied Axa Insurance Ukraine. Ähnlich positive Hoffnungen hegt auch die Vienna Insurance Group, die seit 2004 in der Ukraine tätig ist. „Wir sind profitabel und erwirtschaften einen Gewinn. Nichtsdestotrotz beobachten wir natürlich die politische Situation und Entwicklung genau und sehen uns derzeit auch nicht in einer expandierenden Rolle, aber wir sind optimistisch was die ökonomische Entwicklung betrifft“, erklärt der größte Versicherer in Osteuropa. Man sei von den Schäden durch den Krieg in der Ostukraine und auf der Krim nicht betroffen, weil man dort keine Einheiten habe. Das Prämienvolumen konnte VIG in den ersten neun Monaten 2018 um 14 Prozent auf rund 46 Mio. Euro steigern, die Combined Ratio liegt bei nur 97,4 Prozent. Dem österreichischen Konkurrenten Uniqa geht es ebenfalls blendend: Allein in den ersten drei Quartalen 2018 wuchsen die Prämien in lokaler Währung um 27,1 Prozent auf 2.010,5 Mio. UAH (aktuell rund 62 Mio. Euro), und Uniqa Ukraine hat im selben Zeitraum 4,0 Mio. Euro zum Ergebnis der Gruppe beigetragen. Wie VIG war auch die Uniqa nur minimal von den Kriegsschäden betroffen. Zum einen hat während der Eskalationsphase Ende 2013 und Anfang 2014 die Kriegsausschlussklausel gegriffen. Zum anderen hat man sich schon zu Beginn des Konflikts aus der Krisenregion zurückgezogen, „wobei schon vorher der Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit zu mehr als 90 Prozent in den westlichen und mittleren Landesteilen gelegen war“, sagt Wolfgang Kindl, CEO Uniqa International. Daher gebe es auch seit Beendigung der Geschäftstätigkeiten keine nennenswerten Haftungen. „Beispielsweise wäre eine Schadenabwicklung in diesem Gebiet auch derzeit kaum möglich, weil etwa behördliche Dokumente, die für die Abwicklung eines Schadens unerlässlich sind, nicht oder nur mit extremer Verzögerung ausgestellt werden könnten“, betont Kindl. Insgesamt wickelte Uniqa nach dem Konflikt noch rund 100 Schäden ab, zum überwiegenden Teil Kaskoschäden. Eine Abwicklung war nur in den Fällen möglich, in denen auch eine entsprechende Dokumentation durch offizielle Behörden gewährleistet war. 


Genaue Zahlen zu den Versicherungsschäden der ganzen Branche, die der Ukraine-Konflikt seit 2014 verursachte, gibt es nicht. Swiss Re unterhält Geschäftsbeziehungen zu führenden ukrainischen Versicherern, gibt sich jedoch wortkarg. „Entsprechende Schäden, über die wir informiert wurden, können wir nicht kommentieren“, erklärte der Rückversicherer auf Anfrage. Jedoch betont das Unternehmen, dass „die Anwendbarkeit des Kriegsausschlusses einer andauernden Diskussion innerhalb des ukrainischen Erstversicherungsmarktes unterliegt.“ Nach dem Zwischenfall im Asowschen Meer im Dezember 2018, hat das Parlament in Kiew das Kriegsrecht für 30 Tage verhängt – mehr als vier Jahre nach Ausbruch des Krieges, erst nachdem 12.000 Menschen gestorben waren. Zumindest da hatten die Versicherer die Gewissheit, dass sie in diesem Zeitraum für Schäden in einem offiziellen Krieg nicht haften müssen.

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