Mit einer Spritze begann die Leidensgeschichte
Mit einer Spritze begann die LeidensgeschichteQuelle: Timo Klostermeier / www.pixelio.de / PIXELIO
Politik & Regulierung

Dramatische Leidensgeschichte: 500.000 Euro Schmerzensgeld wegen Arztfehlers

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Hierzulande werden wegen eines ärztlichen Behandlungsfehlers selten Schmerzensgelder in sechsstelliger Höhe gezahlt. In diesem Fall bestätigte das Oberlandesgericht das Urteil einer Vorinstanz in Höhe von 500.000 Euro. Der Fall ist tragisch und endete mit dem begleiteten Freitod des Opfers.

Im Zentrum des Falles steht ein 50-jähriger Patient, der aufgrund akuter Rückenschmerzen seinen Hausarzt aufsuchte. Dieser verbreichte dem bandscheibengeschädigten Patienten innerhalb einer Woche viermal die Präparate Solu-Decortin und Diclofenac gleichzeitig in die Gesäßmuskulatur. Wenige Stunden nach Verabreichung der vierten Spritze kollabierte der Patient zu Hause. Er wurde mit Schüttelfrost, Atemschwierigkeiten und Schmerzen als Notfall im Krankenhaus aufgenommen, wo er sofort intensivmedizinisch behandelt wurde.

 

Der Auslöser des erlittenen Kollapses war ein schwerer septischer Schock, der ein multiples Organversagen und schließlich dauerhaft eine weitgehende Körperlähmung bewirkte. Die Ursache der Sepsis war ein sogenannter Spritzenabszess. Das septische Infektionsgeschehen war für die Ärzte im Krankenhaus nicht kontrollierbar.

 

Der Patient musste einen mehr als ein Jahr andauernden "dramatischen Leidensprozess" beschreiten, während dessen der Patient ohne Aussicht auf eine Besserung dauerhaft künstlich beatmet werden musste und weitgehend gelähmt blieb. Am Ende dieses Martyriums stand der ärztlich begleitete Freitod des Patienten, der seinen Sterbewunsch über Monate hinweg geäußert und diesen auch in Ethikgesprächen mit den behandelnden Ärzten bekräftigt hatte. Der Patient war verheiratet und Vater von drei minderjährigen Kindern.

 

Die Klage

 

Die Witwe und ihre Kinder als Erbengemeinschaft nahmen den Hausarzt, vor dem Landgericht Lüneburg wegen eines Behandlungsfehlers auf Zahlung von Schmerzensgeld in Anspruch.  Das Landgericht Lüneburg (Az.: 2 O 157/16) wertete die ärztliche Behandlung als grob fehlerhaft und verurteilte den Hausarzt zur Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 500.000 Euro. Nach Überzeugung des durch einen medizinischen Sachverständigen beratenen Landgerichts widersprach die intramuskuläre Injektion der beiden Präparate sowohl dem fachlichen medizinischen Standard als auch den gängigen Leitempfehlungen.

 

Die gegen dieses Urteil von dem Hausarzt eingelegte Berufung blieb erfolglos. Der für Arzthaftungssachen zuständige 1. Zivilsenat des Oberlandesgerichts (Az.: 1 U 71/17) hat die Berufung durch Beschluss vom 10. August 2018 als unbegründet zurückgewiesen.

 

Das vom Landgericht zugesprochene Schmerzensgeld sei auch in der ausgeurteilten Höhe angemessen, denn es müsse insbesondere das extreme Leiden des verstorbenen Patienten berücksichtigt werden, der sich seiner Beeinträchtigungen bewusst gewesen sei und deshalb in besonderem Maße darunter gelitten habe. Dass sich dieser Leidensprozess über einen Zeitraum von etwas mehr als einem Jahr erstreckt und nicht länger gedauert habe, rechtfertige es nicht, ein geringeres Schmerzensgeld festzusetzen.

 

Der Dauer des Leidens komme wegen der besonderen Umstände des Todes des Patienten bei der Bemessung des Schmerzensgeldes keine Bedeutung zu, denn dieser habe den Freitod nur gewählt hatte, um sein Leiden zu beenden.

 

Die von dem Hausarzt eingelegte Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision hat der Bundesgerichtshof durch Beschluss vom 12. März 2019 zurückgewiesen (Az.: VI ZR 355/18). Damit ist das Urteil rechtskräftig.

Justiz · Schmerzensgeld · Oberlandesgericht
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