Evan Greenberg (l.) im Fusionsrausch: Für 28 Mrd. US-Dollar hat die schweizerisch-amerikanische Ace im Jahr 2015 den Traditionsversicherer Chubb samt dessen Namen übernommen.
Evan Greenberg (l.) im Fusionsrausch: Für 28 Mrd. US-Dollar hat die schweizerisch-amerikanische Ace im Jahr 2015 den Traditionsversicherer Chubb samt dessen Namen übernommen.Quelle: NYSE
Schlaglicht

Greenberg-Dynastie: "Chubb ist keine Imitation von AIG, wir sind ein Original"

Von Alexander KasparTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Mit dem Boeing-Schaden hat Chubb gerade einen Dämpfer erhalten. Die Erfolgsgeschichte des aus der Übernahme mit Ace stammenden Versicherers wird darunter jedoch nicht leiden. Sie ist ohnehin fast nur mit einem Namen verbunden: Greenberg. Noch immer löst der Name einen Klang wie Donnerhall in der angelsächsischen Versicherungswirtschaft im Allgemeinen und in der US-amerikanischen im Besonderen aus. 

Dieser Ruf löst nicht nur positive Konnotationen aus. Das hat mit den Vorgängen um die Beinahepleite der damals von Maurice Raymond Greenberg, geführten American International Group (AIG) zu tun. „Hank“, wie ihn Freunde und Bekannte nennen, ist der Vater von Evan G. Greenberg, der heute Chairman und Chief Executive Officer der Chubb Limited und Chubb Group ist. Komplettiert wird der Greenberg-Clan noch von Jeffrey W. Greenberg, dem 1951 geborenen Bruder Evans, der, wen wundert´s, ebenfalls im weiteren Sinn in der Versicherungswirtschaft arbeitet, und zwar bis 2012 als CEO des weltweit tätigen Industrieversicherungsmaklers und Risikoberaters Marsh & McLennan.

 

Die von Hank Greenberg als Lebenswerk aufgebaute AIG wurde vor elf Jahren, nach heftigen Turbulenzen an den Finanzmärkten vom amerikanischen Steuerzahler mit insgesamt 182 Mrd. US-Dollar gerettet. Dafür trat der Versicherungsriese sagenhafte 79,9 Prozent der Anteile an den Staat ab. Auslöser war auch hier die Insolvenz der Investmentbank Lehmann Brothers. AIG hatte sich mit dem ungedeckten Verkauf der mittlerweile berühmt-berüchtigten sogenannter Credit Default Swaps (CDS), also Kreditausfallversicherungen, an Finanzinstitute verkalkuliert. Die damals als eines der größten Versicherungsunternehmen weltweit geltende AIG hatte CDS-Policen im Wert von 440 Mrd. US Dollar in den Büchern ohne selbst auch welche gekauft zu haben. Die Situation war lebensbedrohlich nicht nur für AIG, sondern auch für die eigentlich abzusichernden Finanzinstitute, es drohte eine Kettenreaktion mit unkalkulierbaren Auswirkungen auf die weltweite Finanzwirtschaft.

 

Durch dieses Manöver verlor der Versicherer vorübergehend seine Unabhängigkeit, sein Triple-A-Rating und nicht zuletzt das in ihn gesetzte Vertrauen. Zudem mussten die Kredite zurückgezahlt werden und lukrative Geschäftsteile, die Maurice Greenberg in langen Jahren aufgebaut hatte, verkauft werden. Heute hat sich die AIG von dieser Krise fast gänzlich erholt und auch für den Steuerzahler ging das Geschäft gut aus: Der Kredit wurde zurückgezahlt, zuzüglich einem Gewinn von 23 Milliarden US-Dollar durch Zinsen und Aktienverkäufe. Das ist die harte Schule, durch die Evan G. Greenberg gegangen ist, und zwar als Sohn eines ehrgeizigen Übervaters in dessen eigenen Unternehmen als Angestellter und Untergebener und das für ein geschlagenes Vierteljahrhundert.

Harte Schule und kometenhafter Aufstieg

Dabei hat Evan Greenberg das Managementhandwerk von der Pike auf gelernt, hat gelernt sich seinem Vater unterzuordnen und hat zum Schluß auch noch gelernt wie schnell Gewonnenes wieder zwischen den Händen zerrinnen kann. Das schafft Erfahrung, tiefes Know-how und Einblicke in die Unwägbarkeiten der Finanz- und Versicherungsindustrie. Keine Frage also, dass Sohn Evan heute Papa Hank zeigen, oder besser beweisen will, wie es besser geht und das tut er seit 2002 bei Chubb. Bei einer schlaglichtartigen Betrachtung der Greenberg`schen Karrierestationen wird offensichtlich, wie durchdrungen Evan Greenberg vom Prinzip der Assekuranz bis heute ist, wie man aus einem Beruf eine Berufung macht und den Versicherungsgedanken mit Haut und Haaren lebt.


Vor der Übernahme von Chubb durch ACE im Januar 2016 war Evan Greenberg Chairman und Chief Executive Officer von ACE Limited sowie der ACE Group. Im Mai 2004 wurde er dann zum Präsidenten und Chief Executive Officer und im Mai 2007 schließlich zum Präsidenten des Verwaltungsrats gewählt. Im Laufe von mehr als 40 Jahren in der Versicherungsbranche hatte der 1955 als zweiter Sohn von Corinne Phyllis Zuckerman und Maurice R. Greenberg geborene Evan G. Greenberg diverse Positionen im Bereich des Underwriting und im Management inne, „dabei konnte er umfassende Einblicke in die globalen Schaden-, Unfall- und Lebensversicherungsbereiche gewinnen“, wie es diplomatisch bescheiden im offiziellen Curriculum Vitae heißt. Bevor er 2001 als stellvertretender Vorsitzender zu ACE kam, war er 25 Jahre lang, nachdem er bereits 1975 dort eingetreten war, unter der Ägide seines Vaters bei der American International Group tätig, wo er von 1997 bis 2000 als Präsident und Chief Operating Officer engagiert war. Zuvor hatte er verschiedene leitende Managementpositionen inne, darunter Präsident und Chief Executive Officer von AIU, AIGs Foreign General Insurance-Organisation und Chief Executive Officer von AIG Far East in den Dependancen Japan und Korea. 2004 übernimmt Greenberg dann endlich das Ruder als CEO bei der ACE Ltd. Weitere vier Jahre später beschließt das ursprünglich von einem Konsortium aus 34 Großkonzernen auf den Kaimaninseln und den Bermudas gegründete Unternehmen seinen Sitz ins schweizerische Zürich zu verlegen. Aus der ACE Ltd. wird eine Aktiengesellschaft nach Schweizer Recht.

 

2015 übernahm ACE für 28 Milliarden US-Dollar seinen amerikanischen Konkurrenten Chubb. Dieses von Greenberg geschaffene Unternehmen rangiert heute in der Liste der weltweit größten Versicherungsunternehmen nach Bilanzsumme mit einem Wert von 161 Mrd. US Dollar auf Platz 35 und mit Blick auf den Börsenwert von 64 Mrd. US-Dollar auf Platz fünf und damit sogar noch zwei Positionen vor der AIG, die bis heute an den Ereignissen der Finanzkrise 2008 zu knabbern hat (Alle Daten laut Forbes Global 2000 von 2016). Das Geheimnis für die erfolgreiche Integration liegt seiner Meinung nach in der langen Vorbereitung. „Viele beginnen mit der Integration, nachdem der Deal abgeschlossen ist, wir haben damit angefangen als es veröffentlichte wurde“, sagte er der Financial Times. „Wir haben täglich in Cases-Studies getestet, was am ersten Tag bis zu Tag 365 der Integration passieren wird.“

Das Hauptquartier von Chubb Limited wurde nach der Fusion mit der ACE Gruppe bereits 2008 nach Zürich verlegt, damit gilt Chubb als Schweizer Unternehmen, wobei es streng genommen, wenn man die Ursprünge von ACE verfolgt, 1792 in Philadelphia als Insurance Company of North Amerca (INA) gegründet wurde, ein ur-amerikanisches Unternehmen ist. Das war im Grunde genommen auch die alte Chubb Corporation die 1882 im Hafenviertel von New York von Thomas Caldecot Chubb und seinem Sohn Percy als eigenes Seeversicherungsgeschäft mit einem Startkapital von 1.000 US-Dollar gegründet wurde. Vater-Sohn-Verhältnisse haben also Tradition im Hause Chubb und Evan G. Greenberg ist fest entschlossen, das von ihm geformte Unternehmen dauerhaft in der Spitzengruppe zu positionieren.

 

Nach seinem Abgang von AIG, wo er „nicht gefeuert wurde“, wie Greenberg es selbst ausdrückte, sagte der Manager zu den Gründen seines Ausscheidens aus dem „väterlichen Betrieb“: „Ich wollte eine Umgebung, in der ich mich als echten Partner mit Kollegen fühlen konnte, ein wahrer Teil des oberen Managements sein, der das Unternehmen leitet", sagte er der New York Times. "Damit ich die Gelegenheit habe, unsere eigene Vision zu entwickeln und unseren eigenen Stempel aufzudrücken und eine großartige Organisation aufzubauen." Evan Greenbergs Ernennung zum Vorstandsvorsitzenden ist auch eine Bestätigung seiner Fähigkeiten und seiner Führungsfähigkeiten, lobte die NY Times weiter, denn, nachdem er die Schule beendet hatte, fuhr Greenberg per Anhalter durch das ganze Land und nahm Gelegenheitsarbeiten als Koch und Barkeeper an. Später besuchte er die New York University und das College of Insurance in New York, welches er jedoch ohne Abschluss verließ. Analysten und etliche Veteranen der Branche scherzten über ihn als geistiges Leichtgewicht, aber heute sind diese Zweifel verblasst und Evan G. Greenberg kann endlich uneingeschränkt seinem unternehmerischem Motto folgen welches da lautet: „Build it, help create it, take a young company and make it into a great company.“ Wie es scheint, ist der Manager noch lange nicht am Ziel seiner Träume. Den langen Schatten seines Vaters hat er bereits hinter sich gelassen und den langen Schatten des von diesem verursachten Absturz von AIG auch. Evan G. Greenberg schreibt heute seine eigene Geschichte und er ist fest entschlossen, das es eine Erfolgsgeschichte wird. Der Name Greenberg verpflicht, er steht inzwischen für mehrere Versicherungsimperien. Der Financial Times sagt er: „Wir sind nicht AIG, keine Imitation oder Rekreation davon. Wir sind ein Original.“ Gleichzeitig versichert er, dass sein Sohn und Tochter keine Interesse an der Assekuranz bislang zeigen. Er mag zwar gute Gene haben, aber unwahrscheinlich, dass diese noch weitere Generationen die Versicherungsindustrie beherrschen.

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