Was würde ein No-Deal-Brexit kosten?
Was würde ein No-Deal-Brexit kosten?Quelle: Tim Reckmann / PIXELIO (www.pixelio.de)
Politik & Regulierung

No-Deal-Brexit könnte zu Einkommensverlusten in Milliardenhöhe führen

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Das schier endlose Tauziehen um den EU-Austritt Großbritanniens geht heute auf dem EU-Gipfel in Brüssel in die nächste Runde. Während die britische Premierministerin Theresa May um einen Aufschub bis 30. Juni gebeten hat, signalisieren die übrigen 27 EU-Staaten zwar grundsätzlich Bereitschaft, knüpfen dies aber Bedingungen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung rechnet indes im Falle eines "No-Deal-Brexit" mit Einkommensverlusten in Milliardenhöhe. Die Versicherer halten sich indes mit Prognosen zurück.
Würde Großbritannien ungeordnet austreten, würde dies in der EU zu einem Einkommensverlust in Höhe von rund 40,4 Mrd. Euro pro Jahr führen. Demnach müssten sich allein die Deutschen auf Einkommensverluste in Höhe von rund zehn Mrd. Euro pro Jahr und rund 115 Euro pro Person einstellen. Das wären nach Großbritannien die zweithöchsten Verluste in der EU. Allerdings dürften manche Länder außerhalb Europas von einem ungeordneten Brexit jedoch profitieren - allen voran die USA mit einem Einkommensplus von rund 13 Mrd. Euro sowie China mit einem Anstieg von immerhin fünf Mrd. Euro.
Wer gewinnt und wer verliert beim Brexit?
Wer gewinnt und wer verliert beim Brexit?Quelle: Bertelsmann-Stiftung
Allein in Deutschland wären vor allem manch Regierungsbezirke besonders stark von einem ungeordneten Brexit betroffen. Laut Bertelsmann-Studie würde ein harter Brexit vor allem in Düsseldorf, Köln und Oberbayern mit Einkommensverlusten von 520 bis 650 Mio. Euro pro Jahr schwer wiegen würde. Allein den Regierungsbezirk Düsseldorf würde es mit Einkommensverlusten von insgesamt 650 Mio. Euro pro Jahr am stärksten treffen. Dies entspricht rund 126 Euro jährlich pro Einwohner bei einem harten Brexit. Es folgen der Regierungsbezirk Oberbayern (mit dem Großraum München), wo die erwarteten Einkommensverluste bei 526 Mio. Euro pro Jahr  und bei 115 Euro pro Kopf liegen. Im Regierungsbezirk Stuttgart liegen sie bei 473 Mio. Euro pro Jahr und 116 Euro pro Kopf. Die niedrigsten Verluste würden bei einem harten Brexit die Regionen Trier mit 50 Mio. Euro jährlich sowie Leipzig mit 76 Mio. Euro und Chemnitz mit 95 Mio. Euro treffen.
"Gerade Regionen mit produktiven Mittelstandsunternehmen wären von einem Brexit besonders betroffen."
Dominic Ponattu, Wirtschaftsexperte der Bertelsmann Stiftung
Welchen Regierungsbezirk trifft ein harter Brexit besonders?
Welchen Regierungsbezirk trifft ein harter Brexit besonders?Quelle: Bertelsmann-Stiftung
Nach Großbritannien und Deutschland müssten laut Studie vor allem Frankreich und Italien die größten Einkommensverluste schultern: Die Franzosen müssten sich auf fast acht Mrd. Euro und die Italiener auf vier Mrd. Euro an jährlichen Einkommensverlusten gefasst machen. Bezogen auf die Kosten pro Arbeitnehmer würde ein harter Brexit vor allem in Irland gravierende Folgen haben:  Laut Autoren würde er die Iren 720 Euro pro Kopf und Jahr kosten – das sind rund 3,5 Mrd. insgesamt, rechnen die Experten vor. Auch die Niederlande wären gemessen an der vergleichsweise geringen Einwohnerzahl mit insgesamt über drei Mrd. Euro an Einkommensverlusten stark betroffen.

Versicherer sehen sich gut gewappnet

Die Versicherer scheinen auf das politische Ringen um den Brexit hingegen noch recht gelassen zu sein. "Im Gegensatz zur britischen Regierung scheinen die Versicherer in ihren Vorbereitungen aber schon einen ganzen Schritt weiter zu sein. Sie haben notwendige Anpassungen längst vorgenommen, um auch für das Worst-­Case-Szenario eines Brexits ohne Scheidungsvertrag vorbereitet zu sein, wie ein Blick in die Branche zeigt", heißt es beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). So habe beispielsweise die Munich Re ihre Struktur im Vereinigen Königreich deutlich verschlankt. So habe man Teile der ursprünglich elf Niederlassungen und Tochterfirmen in sogenannte Managing General Agents (MGAs) umgewandelt. "Wir sind also von einer Vielzahl bunter Einheiten auf nur noch zwei Rechts- und Risikoträger, beide ansässig im Vereinigten Königreich, zurückgegangen", wird Bernhard Kaufmann, globaler Risikochef des Rückversicherers beim GDV zitiert. Ähnlich entspannt sieht es auch die Hannover Rück: Man sei "für alle Szenarien zum Brexit vorbereitet. Wir erwarten weder aus einem geregelten noch aus einem ungeregelten Austritt unmittelbare Einschränkungen für unser Geschäft", heißt es auf Anfrage von VWheute.
Konkrete Prognosen über die wirtschaftliche Zukunft nach einem Brexit wollen die Versicherungskonzerne allerdings ebenso wenig abgeben: "Von einer Hängepartie zu sprechen wäre Understatement. Fast drei Jahre nachdem die Briten der EU per Volksabstimmung die Scheidung überreicht haben, ist noch immer schleierhaft, wie die Trennung der Partner und das Mitein­ander in der Zeit danach aussehen sollen. Selbst dass der Brexit noch abgeblasen wird, scheint nicht gänzlich ausgeschlossen", konstatiert der GDV. Ähnlich äußert sich auch die Allianz gegenüber VWheute: "Im Brexit-Prozess ist nach wie vor nahezu alles möglich. Wetten auf einen bestimmten Ausgang sind angesichts der unabsehbaren politischen Dynamik schwierig. Immerhin zeichnet sich momentan aber eine Verlängerung der Austrittsfrist ab. Doch auch so bleibt die Wahrscheinlichkeit eines ungeordneten Ausstiegs hoch; sie liegt nach unserer Einschätzung nach wie vor bei 25 Prozent. Die Unsicherheit für Wirtschaft und Finanzmärkte wird also weiter anhalten. Solange keine Klarheit über das Wie und  Wann (und eventuell auch Ob) des Brexits besteht, werden heftige Schwankungen an den Aktien- und Devisenmärkten auf der Tagesordnung bleiben. Die anhaltende Unsicherheit dürfte auch die wirtschaftliche Entwicklung in Großbritannien und der EU weiterhin belasten. Wir rechnen mit einem Wachstum in Großbritannien von plus 1,2 Prozent in 2019 und plus 1,0 Prozent in 2020."
Auf dem Brüsseler EU-Gipfel warnten jedenfalls einige Politiker bereits vor einem ungeregelten Austritt. "Wir suchen hier nicht nach der Ausgangstür, wir suchen den Notausgang." konstatierte der luxemburgische Premierminister Xavier Bettel. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte gestern im Deutschen Bundestag: "So sehr wir auf einen geordneten Austritt hinarbeiten, so bereiten wir uns auch darauf vor, dass es einen ungeregelten Austritt geben kann." In einem Entwurf für die Gipfelabschlusserklärung heißt es jedenfalls Medienberichten zufolge, dass der Austrittstermin vom 29. März auf den 22. Mai verlegt werden könnte. Bedingung wäre allerdings, dass das britische Parlament dann dem bereits ausgehandelten Austrittsvertrag mit der EU nächste Woche zustimmen sollte. In Großbritannien selbst haben rund 700.000 Menschen eine Petition an das Unterhaus unterzeichnet, wonach der Brexit ganz abgesagt werden solle - auch wenn die britische Bevölkerung in dieser Frage weiterhin gespalten bleibt.
Die britische Regierungschefin May schloss einen harten Brexit indes nicht aus. So müsse die Entscheidung des britischen Volkes anerkannt und nun geliefert werden.. Für den britischen Oppositionsführer Jeremy Corbyn ist es jedoch nun an der Zeit, "dass Abgeordnete zusammenarbeiten und einen Konsens finden, der durchs Parlament geht." EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker rechnet jedenfalls bei einem erneuten Scheitern des Brexit-Abkommens im britischen Parlament mit einem weiteren EU-Gipfel in der kommenden Woche.
Brexit · Bertelsmann
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