Moritz Finkelnburg
Moritz FinkelnburgQuelle: mv
Schlaglicht

Frank Grund: Unternehmen müssen "den Algorithmus verstehen und den Outcome darlegen können"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Einen sonnigen Tag voller Blockchain, Artificial Intelligence (AI) und Digitalität bot die alt ehrwürdige Goethe Universität im Rahmen der Global Insurtech Roadshow. Die Veranstaltung in Frankfurt bot vor dem Hintergrund aktueller Technik- und Regulierungsfragen Anlass für Debatten, Streitereien und Amüsement. Die Panels waren hochkarätig, das Publikum ebenso informiert wie engagiert - ein Bericht.

"This is not the right question (to ask)", diese Phrase dominierte die Diskussion im Blockchain-Panel und wurde von den Teilnehmern häufig genutzt, selten scherzhaft. Der Moderator Pierre Suhrcke, TempoCap, brachte die Diskutanten mit seinen Nachfragen des Öfteren gehörig ins Schwitzen. Beispielsweise als er Jags Rao (Swiss Re) nach den Bereichen fragte, in denen die Schweizer die Blockchain-Technik bereits einsetzen. Die Erwiderung bot wenig Substanzielles. Es sei die falsche Frage, es gehe mehr darum, wie die Technologie künftig eingesetzt werden könne, argumentierte Rao.

 

Dem Publikum gefiel der Schlagabtausch ebenso wie Moritz Finkelnburg, Akademischer Direktor Goethe Business School im Bereich Versicherungen, der der Veranstaltung als Gesicht vorstand und moderierte. Als der quirlige Moderator nach den Einsatzorten der Blockchain in der Versicherungsindustrie allgemein fragte und koreanische Unternehmen wie DIA als Beleg für aktuelle Einsatzoptionen nannte, fielen den Gefragten wenige europäische Gegenbeispiele ein, alleine die Axa wurde genannt.  

 

Phillipp Sander (Frankfurt School of Finance & Management) betonte mehrmals, dass die Technologie noch Zeit benötige. Beim Smartphone habe es vom Start der Technik bis zur kompletten Durchdringung des Marktes 14 Jahre gebraucht. Derzeit sei die Zeit für einen flächendeckenden Blockchain-Einsatz noch nicht gegeben. Allerdings sei für ihn auch klar, dass die Technologie die Finanzindustrie künftig dominieren werde.  Mittels der Technik bekämen auch Menschen Zugang zum Finanzmarkt, die bisher davon abgeschnitten seien. Die Technik sei nicht unterentwickelt, brauche aber noch Zeit, ergänzte Benjamin Netter.

 

Eine Folge der kommenden Blockchain-Revolution sei, dass hunderttausende Jobs in der Finanzindustrie wegfallen würden, denn der Mittelsmann Bank werde in sehr vielen Transaktionen unnötig. In dieser These waren sich die Diskutanten weitestgehend einig, die Banker, und Versicherungsspezialisten(?), würden aber nicht auf der Straße landen, sondern in die Industrieunternehmen abwandern, die immer stärker in die klassische Finanzwelt vorstoßen.

 

Artificial Intelligence (AI)

 

Sehr still wurde es im Vorlesungssaal der Goethe-Universität beim AI-Panel. Das lag nicht daran, dass das Publikum eingeschlafen war, sondern am Thema, dass Zuhörer und Debattierende sichtlich beschäftigte und angestrengt lauschen ließ. Im Gegensatz zur Blockchain-Technologie ist AI den meisten Menschen näher, sind sie doch der Technik per Chatbot bereits begegnet, dies erleichtert den Zugang zum komplexen Thema. Getsafe nutzt die Technik bereits, um Prozesse zu optimieren, die eingesetzten Chatbots klüger werden zu lassen oder beim cross-selling, erklärte Claire Sevin vom Heidelberger Unternehmen.

 

Der Anwalt Thomas Jansen, Heuking Lawyers, wies auf die Gefahren von AI für die Unternehmen hin. Die Regulatorik sei immer hinter dem momentanen Technikstand, was rechtliche Gefahren mit sich bringe. Die Diskussionsteilnehmer waren sich bewusst, dass AI die Menschen verunsichere. Das Thema sei für den Normalbürger nicht greifbar, das schaffe verständlicherweise Unsicherheiten und Verlustängste. Es ist nicht absehbar, was AI künftig leisten kann und wie viele menschliche Dienstleistungen obsolet werden könnten. Diese Frage konnte natürlich auch die Experten nicht beantworten.

 

Die AI sei zwar nicht immer die beste Lösung für Versicherer, betonte Bartek Maciaga, KPMG, könne aber erstaunliches leisten. Bei der Finanzplanung wäre die künstliche Intelligenz besser als Menschen, erforderlich wären als Grundlage allerdings große Datensätze. Spannend und gespenstisch wurde es, als die Experten der Gruppe darin übereinstimmten, dass die AI-Systeme in etwa zehn Jahren in der Lage wären, selbstständig Informationen untereinander auszutauschen und daraus zu lernen. Das selbstständige Treffen von Entscheidungen wäre das Resultat dieses Prozesses. Kann so eine Technik kontrolliert und reguliert werden?

 

Die Aufsicht spricht

 

Eine Frage, die das wohl interessanteste von vielen guten Panels dominierte. Kann eine Aufsicht gewährleisten, dass die Technik keine verbraucherschädlichen Entscheidungen trifft? Die Direktoren der Versicherungsaufsichten in Mazedonien, Israel und Deutschland glauben daran, wie sie in der Diskussion erklärten. Letztlich müssten die Unternehmen die Verantwortung für die Technik und deren Einsatz tragen. Die Unternehmen müssen den "Algorithmus verstehen und den Outcome darlegen können", erklärte der Exekutivdirektor der Bafin Frank Grund.

 

Eine Flucht vor der Verantwortung gäbe es nicht. Es wäre nicht statthaft, wenn Unternehmen Dienstleistungen outsourcen und somit die Verantwortung abschieben, erklärte Grund. Als Beispiel nannte er die Speicherung heikler Daten in einer Cloud eines großen amerikanischen Anbieters. Die verhältnismäßig kleinen deutschen Unternehmen hätten in der Vergangenheit keinen Einfluss auf die Gestaltung der Verträge und Sicherheit gehabt. Die Bafin habe daran mitgearbeitet, dass bessere Lösungen entstanden sind. Die Frage nach der Anwendung von AI-Technologie bei Underwriting-Prozessen brachte Grund ebenfalls nicht in Verlegenheit. "Das Underwriting muss verständlich und nachvollziehbar sein, ob mit oder ohne AI, etablierte Standards müssen eingehalten werden", erklärte er souverän. 

 

Immer oben auf?

 

Wie schaffen es die Aufsichtsbehörden, immer am Technikpuls der Zeit zu sein, wollte ein Zuhörer in der Fragerunde wissen. Für Moshe Bareket, Chef der israelischen Versicherungsaufsicht ist es eine Mischung aus Vertrauen und Outsourcing: "Wir glauben daran, dass die Branche weiß, was sie tut und die bestmögliche Technik einsetzt." Zudem setzt die Behörden selbst teilweise auf Outsourcing.  Ein Satz von Bareket war erstaunlich offen, die Behörde müsse "nicht alles verstehen" und es gäbe auch keinen Bedarf an kompletter Überwachung. Wichtig sei eher und vornehmlich, dass die Unternehmen "die Sicherheitstechnik meistern".

 

Sein mazedonischer Kollege Klime Poposki erklärte, er versuche seine Regierung davon zu überzeugen, mehr Gelder für den Versichertenschutz bereitzustellen. So könnten mehr und bessere Experten angeworben werden und leichter mit der fortschreitenden Technisierung Schritt gehalten werden. Über mangelnde Unterstützung seitens der Regierung konnte sich Grund nicht beschweren. Im Bereich technisches Verständnis wurde bei der Bafin bereits viel geschafft, aber es gäbe immer noch Verbesserungspotenzial in einem stetigen Lernprozess.

 

Die Unterschiede zwischen den Ländern wurden deutlich, als es um die Herangehensweise bei der Behandlung von Insurtechs ging. Während Bareket viel von Flexibilität und Förderung sprach, war seinem mazedonischen Amtskollegen die Etablierung von aufsichtsrechtlichen Standards und zunehmende Technikaffinität innerhalb der Branche am wichtigsten. Für Grund ist der Schutz der Versicherten die oberste Prämisse, wie er mehrmals betonte, die Tür für Insurtechs stehe bei Fragen und benötigten Hilfestellungen allerdings "immer offen".

 

Einig waren sich die drei Aufseher darin, dass alle Unternehmen einheitlich beaufsichtigt werden müssen, einen Welpenschutz für Insurtechs gäbe es nicht. "Wir behandeln alle Unternehmen gleich, in fünf oder zehn Jahren sind die heutigen Insurtechs schließlich etablierte Unternehmen", stellte Bareket schlüssig fest.

 

Digital Insurance Strategy

Eine offensichtlich gut vorbereitete Nia Escobar vom Insurlab Germany moderierte das Panel Digital Insurance Strategy, indem die Nutzung moderner Technik im Mittelpunkt stand. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass Digitalisierung nicht beim Kunden ende. Neben den Nutzeranwendungen müssten auch die Mitarbeitertools digitalisiert und die Belegschaft technikfirm sein. Dieser Umstand "werde häufig vergessen", erklärte Tobias Hinterthür von der Zurich Deutschland. Die Insurtechs wären in der Bereitstellung dieser Möglichkeiten besser als die Etablierten.

 

Das sich kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bei digitalen Fragen oft im Vorteil befinden, glaubt auch Franz Widmann von KPMG: "KMU's haben den Vorteil, dass sie nicht zu viele Abteilungen einbinden müssen wie ein Großunternehmen, sie können ausprobieren." Oft hätten die Tech-Firmen auch mehr Mut, assistiert Hintertür.

 

Annette Weber, tia, ermahnte die Versicherer, bei der Digitalisierung nicht "zu hohe Erwartungen zu haben". Ein Prozess oder eine Produktlinie müsste Schritt für Schritt erneuert werden, den dafür nötigen Mut forderte sie von der Branche ein.

Mit dieser Gruppe endet die Veranstaltung Global Insurtech Roadshow 2019, die sowohl Publikum wie auch Teilnehmer überzeugte. Im nächsten Jahr werden dann erneut die heißen Insurtech- und Technikeisen angepackt. Hoffentlich mit noch mehr Zeit, um die Fragen der anwesenden Experten und Studenten einzubinden, die oftmals die kontroversesten Debatten in Gang brachten.

Moritz Finkelnburg
Auch interessant
Zurück
06.06.2019VWheute
"Trotz aller tech­ni­schen Möglich­keiten wollen wir einen mensch­li­chen Ansprech­partner bieten" Am 1. April 2019 hat Edgar Bohn den langjährigen …
"Trotz aller tech­ni­schen Möglich­keiten wollen wir einen mensch­li­chen Ansprech­partner bieten"
Am 1. April 2019 hat Edgar Bohn den langjährigen Vorstandschef Heinz Ohnmacht an der Spitze des BGV beerbt. Dabei hat der Jurist in der Summe ein gut bestelltes Haus übernommen…
17.05.2019VWheute
Stei­gende Scha­den­kos­ten­quote trübt das "erfolg­reiche Geschäfts­jahr" der BGV Der neue zusammengesetzte Vorstand der BGV hat gute Nachrichten aus…
Stei­gende Scha­den­kos­ten­quote trübt das "erfolg­reiche Geschäfts­jahr" der BGV
Der neue zusammengesetzte Vorstand der BGV hat gute Nachrichten aus dem Jahr 2018 mitgebracht. Die Beitragseinnahmen und Vertragsanzahl stieg, gleichzeitig bewegte sich allerdings die Combined …
12.12.2018VWheute
Finkeln­burg rückt 2019 in den BGV-Vorstand Der Verwaltungsrat des Badischen Gemeinde-Versicherungs-Verbands (BGV) hat Moritz Finkelnburg zum neuen …
Finkeln­burg rückt 2019 in den BGV-Vorstand
Der Verwaltungsrat des Badischen Gemeinde-Versicherungs-Verbands (BGV) hat Moritz Finkelnburg zum neuen Vorstandsmitglied bestellt. Seine Tätigkeit im neuen Amt beginnt der Manager mit Wirkung zum 1. April 2019. Finkelnburg wird dabei …
22.01.2016VWheute
Arag verspricht beschleu­nigte Risi­ko­prü­fung per Riva Ein neues Tool soll helfen, die Voranfrage für Arag-Krankenversicherungen zu beschleunigen. …
Arag verspricht beschleu­nigte Risi­ko­prü­fung per Riva
Ein neues Tool soll helfen, die Voranfrage für Arag-Krankenversicherungen zu beschleunigen. Alle 30.000 Makler, die mit den Vergleichsprogrammen Levelnine oder Softfair arbeiten, können demnach durch "Riva" die …
Weiter