Michael Klüttgens
Michael KlüttgensQuelle: Willis Towers Watson
Märkte & Vertrieb

"Nicht mit jeder Übernahme wird der gewünschte Effekt erzielt"

Von Michael StanczykTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Das Für und Wider einer Fusion zwischen Deutscher Bank und Commerzbank bestimmt dieser Tage die Schlagzeilen der Wirtschaftszeitungen. Auch in der Versicherungsbranche  sind Fusionen durchaus nicht selten. VWheute hat exklusiv mit Michael Klüttgens, Versicherungsexperte der Beratungsgesellschaft Willis Towers Watson, über die aktuellen Trends und Risiken gesprochen.

Player wie Axa, AIG oder Provinzial haben es zuletzt getan, Allianz wollte es immer wieder tun. Wieso greifen führende Player verstärkt zum Wachstumshebel M&A?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Skaleneffekte zum Beispiel spielen auch für die ganz großen Player eine Rolle. Der Wettbewerb – gerade vor dem Hintergrund sehr niedriger Zinsen - wird zunehmend über die Kostenquoten und Effizienzgewinne geführt und da gibt es noch Luft nach oben.

Welche Rolle spielt der Faktor Spezialisierung?

... eine wichtige, denn nur die allerwenigsten Häuser schaffen es, in allen Regionen, Sparten, Kundensegmenten oder Vertriebskanälen erfolgreich zu agieren. So sehen wir, dass viele Firmen versuchen, sich auf ihr Kerngeschäft zu fokussieren, beziehungsweise dort zuzukaufen und sich von Randbereichen zu trennen. Bei der Digitalisierung oder speziell auch der Automatisierung von Prozessen hinken die Versicherungen im Vergleich zu anderen Branchen noch hinterher. Der Zukauf von technischem Know-how ist in vielen Fällen dann die einzige Möglichkeit, neueste Technologien im eigenen Unternehmen zu integrieren.

Und das allgemeine Streben nach Marktmacht?

Das Streben nach Marktmacht, welches sich unter anderem auch in den gerade genannten Punkten widerspiegelt, sollte man nicht unterschätzen. Eine Konsolidierung im Markt hilft nicht selten, eine Erhöhung der Margen für die Player herbeizuführen.

Welche größten unternehmerischen Gefahren gehen mit Fusionen und Übernahmen einher?

Die Gefahren liegen auf der Hand. Nicht mit jeder Übernahme wird der gewünschte Effekt erzielt und es passiert immer wieder, dass Käufer rückblickend de facto zu viel für eine Übernahme auf den Tisch gelegt haben.

Die Versicherungsstrukturen müssten doch eigentlich einfacher werden. Passiert mit M&A´s nicht genau das Gegenteil?

Ja, da haben Sie eigentlich recht. Jedoch bezieht sich dieser Sachverhalt auf die Versicherungslösungen für die Kunden, und nicht notwendigerweise auf die Unternehmensstrukturen an sich.

"Wer nicht wächst, stirbt." Wissen Sie, von wem dieses beinahe legendäre Zitat stammt?

Das ist ein sehr beliebtes Zitat, dessen Herkunft ich leider nicht kenne.

Allianz-Chef Oliver Bäte hat es Mitte letzten Jahres geäußert und damit mächtig für Aufsehen gesorgt. Was halten Sie davon?

Es steckt viel Wahrheit dahinter.

… Ist denn organisches Wachstum in der Versicherungswirtschaft heute nicht mehr möglich?

Doch, organisches Wachstum ist möglich und wird vielfach auch erreicht – nur nicht in allen Märkten und Segmenten. Wachstum durch Zukäufe wird selten als alleinstehendes Ziel verfolgt, sondern ergänzt die Aktivitäten, die auf organisches Wachstum abzielen. Zukäufe sind meist auch der speziellen Opportunität geschuldet, die sich plötzlich auftut, und kaum planbar.

Bei welchen Auslandsinvestoren ist der Standort Deutschland besonders beliebt?

Ich denke primär bei ausländischen Investoren, die bereits in Deutschland vertreten sind. Einige haben bereits geäußert, gegebenenfalls auch anorganisch in Deutschland weiter wachsen zu wollen. Darüber hinaus sagt man auch asiatischen Investoren, die noch kein Geschäft in Deutschland schreiben, Interesse am deutschen Markt nach.

Wo sollten sich deutsche Versicherer verstärkt nach Übernahmezielen umsehen?

Primär dort, wo man Wettbewerbsvorteile vermutet. Das sind häufig die Märkte, in denen man bereits vertreten ist, jedoch nicht schnell genug organisch wachsen kann.

Wie sinnvoll sind Fusionen "unter Gleichen"? Klein und Groß zusammen würde nicht funktionieren?

Das ist nicht mehr oder weniger sinnvoll als die Übernahme eines kleineren Unternehmens durch ein größeres. Es erfordert jedoch bereits bei Ankündigung eine klare Kommunikation, wer in der neuen Organisation die Schlüsselpositionen besetzen soll. Versicherer unterscheiden sich hier nicht von anderen Branchen hinsichtlich Chancen und Risiken.

Wie schwierig ist es, verschiedene Mentalitäten innerhalb der Unternehmen zusammenzubringen? Was raten Sie Versicherungs- und Personalvorständen?

Die Herausforderung, verschiedene Mentalitäten zusammenzubringen, wird immer wieder unterschätzt. Die Entwicklung einer Unternehmenskultur ist ein Prozess, der Jahrzehnte dauern kann und immer wieder aktiv angestoßen werden muss. Ein gutes Beispiel ist das Thema Verantwortung. Es gibt Unternehmen, in denen auch kleine Entscheidungen auf hoher Hierarchieebene getroffen werden. In anderen Organisationen sträuben sich Führungskräfte Entscheidungen zu treffen, die hierarchisch gesehen auch ‚weiter unten‘ entschieden werden können. Wenn solche Kulturen vereint werden, führt das automatisch zu Konflikten und Verwirrung.

Change muss also professionell angegangen und systematisch umgesetzt werden ...

... am besten mit der Unterstützung von Experten, die mit dem Thema vertraut sind. Damit die Kulturintegration gelingt, muss die Veränderung von oben entsprechend vorgelebt werden. Ein solches Konzept sollte außerdem Hand in Hand mit der dazugehörigen Kommunikationsstrategie für die Mitarbeiter einhergehen.

Welche großen Transaktionen sind in der Versicherungsszene künftig zu erwarten?

Die bisherige Entwicklung lässt darauf schließen, dass es auch künftig viele M&A-Transaktionen in der Versicherungsbranche geben wird. Allerdings sehen wir parallel dazu auch, dass hohe Unternehmensbewertungen den Kaufpreis in die Höhe treiben und die Dauer bis zum Abschluss einzelner Transaktionen deutlich ansteigt.
M&A-Transaktionen · Michael Klüttgens · Willis Towers Watson
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