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Schlaglicht

Multimilliarden: Boeing droht historischer Strafschadenersatz

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Hat der US-Flugzeugbauer Boeing aus Profitgier bei der Entwicklung der 737 Max geschlampt? Vieles deutet darauf hin. Boeing gibt selbst Fehler zu und damit können Airlines und Hinterbliebene sich auf die Produkthaftung des US-Herstellers beziehen und in der Summe Milliarden einklagen. Hinzukommt die Stornierung der insgesamt 4.700 bestellten Mittelstreckenjets Boeing Typ 737 Max 8.

Der Absturz der beiden Boeing-Modelle 737-8 Max in Indonesien und Äthiopien könnte sich zum größten juristischen Schadensfall der Luftfahrtgeschichte entwickeln. Diese Ansicht vertritt Professor Elmar Giemulla, Jurist, Luftfahrtexperte und Honorarprofessor für Luftverkehrsrecht an der TU Berlin. "Die Besonderheit der tragischen Abstürze ist der offensichtliche Designfehler und damit eine Produkthaftung des US-Herstellers Boeing", sagt Giemulla im Gespräch mit der Welt. Damit sei nach US-Recht ein Schadenersatzanspruch mit Bestrafungscharakter sehr wahrscheinlich, den Juristen als "punitive damage" bezeichnen. Boeing habe womöglich schon vor dem ersten Absturz in Indonesien von dem Risiko gewusst, aber sicher nach diesem Unglück wenige Monate vor dem zweiten Crash. "Sie haben riskiert, dass ein weiterer Absturz passiert, und da sind US-Gerichte ganz ungnädig", sagt Giemulla. Er verweist auf die Besonderheiten der US-Rechtsprechung. Danach kann sich der ohnehin in den USA im internationalen Vergleich hohe Schadenersatz im Zivilrecht vom Gericht "aus Bestrafungsgründen verdoppeln oder sogar verdreifachen". Er geht im 737-Max-Fall vom Maximalwert der Verdreifachung aus. Das Ziel ist eine bestrafende Wirkung über den Schadensersatz hinaus.

 

Neben dem nachgewiesenen finanziellen Schaden kann in den USA auch der immaterielle Schaden für den Verlust eines Menschen eingeklagt werden. Dies kann pro Person Millionenbeträge erreichen. Nicht nur die Hinterbliebenen hätten einen Schadenersatzanspruch aus der Produkthaftung, sondern auch die Airlines. Ihnen entstehen beispielsweise Kosten durch das Flugverbot, sie müssen Ersatzflugzeuge anmieten oder ihre Flugplanung umwerfen. Auch hier könnten Milliardensummen auflaufen. „Es ist insgesamt von einem mehrfachen Milliardenschaden auszugehen“, sagt Giemulla. Derzeit gilt praktisch ein weltweites Flugverbot für die bisher gut 370 ausgelieferten Max-Modelle. Beispielsweise muss der Reisekonzern Tui durch den vorübergehenden Ausfall des Jets wohl mit Zusatzkosten von bis zu drei Millionen Euro pro Woche rechnen. Die Airline Norwegian – mit 18 Stück der 737 Max der größte europäische Betreiber dieses Flugzeugtyps - will Schadensersatz einklagen.

 

Einer ersten Analyse zufolge gibt es zwischen den Flugschreiber-Daten der abgestürzten Ethiopian-Airlines-Maschine und denen des verunglückten indonesischen Lion-Air-Passagierflugzeugs deutliche Ähnlichkeiten. Ein Abschlussbericht wird erst in 30 Tagen erwartet. Bis dahin dürften die Maschinen weiterhin nicht starten. "Dauern die Flugverbote länger an als ein bis zwei Wochen, wäre das für Boeing schon bedenklich", sagt Klaus-Heiner Röhl, Luftverkehrs-Experte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen mit Sitz in Chicago mit 101 Mrd. Dollar den höchsten Umsatz seiner Geschichte. Der Gewinn lag bei 10,6 Mrd. Dollar.  737 MAX 8 ist der Verkaufsschlager des Konzerns. Seit 2017 erhielt Boeing 5.111 Bestellungen für das Modell, 350 Maschinen lieferte der Konzern bislang aus. Dabei verkauft sich das direkte Konkurrenzmodell A320 neo des europäischen Luftfahrtkonzerns mit 6.500 Bestellungen und 687 Auslieferungen seit 2016 ohnehin besser als die 737 MAX 8. 

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