Quelle: Margot Kessler / PIXELIO (www.pixelio.de)
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Wie Versicherungsbetrug erkannt und eindgedämmt werden kann

Von Ulrike PeterTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Hochgerechnet haben etwa 2,4 Millionen Versicherungs­nehmer (neun Prozent) nach eigener Aussage schon einmal bewusst Falschan­gaben bei einem "Versiche­rungs­fall" ge­macht. Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie der Creditre­form Boniversum GmbH. Den Schaden hat am Ende die Versicherung. Wie ist die Betrugslage, welche Indizien sprechen für Versicherungsbetrug und wie lässt sich dem entgegenwirken?

Die Boniversum-Umfrage von Ende 2018, an der 1.008 Verbrau­cher (von 18 bis 69 Jahre) teilgenommen haben, zeigt ein hohes Versicherungsbewusstsein: Rund 93 Prozent der Verbraucher haben Ver­sicherungen in den Sparten Hausrat, Wohnge­bäude, Privathaftpflicht, Kfz-Haftpflicht oder Kfz-Kasko abgeschlossen. Von den etwa 57 Millionen Versicherungs­nehmern haben ca. 26 Millionen mindestens einen Scha­dens­fall in den vergangenen fünf Jahren gemeldet. Aber sind es auch immer echte Schadensfälle?

Quelle: Boniversum

Viele Verbraucher denken: Versicherungsbetrug ist einfach

Die Hürde wird als niedrig eingestuft: Viele Verbraucher sehen laut der Boni­versum-Studie keinen hohen Schwierigkeitsgrad, die Versicherung durch bewusste Falsch­angaben zu täu­schen. 68 Prozent der Befrag­ten schreiben jeweils der Hausrat und Privathaftpflicht einfache bzw. sehr einfache Betrugs­chancen zu. 32 Prozent sehen Falschangaben bei der Wohngebäudever­sicherung und 36 Prozent bei der Kfz-Haftpflicht sowie ebenfalls 36 Prozent bei der Kfz-Kasko als einfach zu realisieren an.

Quelle: Boniversum

Beliebt: Bei Schadenssumme mogeln oder Schaden selbst herbeiführen

Viele sehen also gute Betrugschancen, aber nur ca. jeder Elfte nutzt diese auch aus. Etwa neun Prozent der befragten Versicherungsnehmer geben an, bereits mindestens einmal durch Falschangaben ihre Versicherung betrogen zu haben. Die Falschan­gaben verteilen sich auf alle Versicherungssparten ungefähr gleich. Gängigste Praxis ist gemäß der Umfrage die Angabe einer erhöhten Schadenssumme. Die Hälfte der Befragten, die angeben, bei Schadensmeldungen nicht ehrlich gewe­sen zu sein, wählte diesen Weg. 39 Prozent der Verbraucher haben einen Schaden sogar selbst herbeigeführt und 30 Prozent einen solchen vorgetäuscht.

Typische Indizien für Versicherungsbetrug

Oft haben die Betrüger gute Chancen, unentdeckt und somit ungeschoren davon zu kommen. Doch, wer die Indizien und Betrugsmuster kennt, kann zumindest genauer hinschauen. Nils Gebel, Sales Consultant Insurance der Creditreform Boniversum GmbH, gibt aus seiner Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Versicherungsuntern­ehmen ein paar Einblicke in die Praxis: "Besonders auffällig ist eine atypische Scha­denhäufigkeit, beispielsweise wenn innerhalb eines bestimmten Zeitraumes mehrmals Schadensfälle gemeldet werden. Eine beliebte Sparte ist hier z. B. die Privathaftpflicht. Treten dort jedes Jahr ähnlich gelagerte Schadenfälle auf, so kann das ein Indiz dafür sein, dass sich der Versicherungsnehmer die Risikoprämie zurückholen möchte."

 

Auch im Bereich der Kfz-Versicherung gibt es beliebte Betrugsszenarien. Nils Gebel erklärt: "Wird ein Schaden an einem hochwertigen Kraftfahrzeug auf Kostenvoran­schlag bzw. Gutachterbasis abgerechnet, was bei solchen Fahrzeugen eher unüblich ist, kann dies ein Anzeichen dafür sein, dass versucht wird, den Schaden bei mehreren Versicherern geltend zu machen." Er fährt fort: „Gerade im Bereich Kfz gibt es zudem organisierte Kriminalität. Ganze Banden haben sich auf Versicherungsbetrug spezialisiert. Ganz beliebt: Eine Klapperkiste fährt an einer Stelle mit Rechts-vor-Links-Regelung in einen Luxuswagen. Der Schaden wird provisorisch repariert, der Beitrag des Gutachtens aber kassiert. Da hier unterschiedliche Ver­sicherer beteiligt sind, können Wiederholungen oftmals nur schwer erkannt werden."

 

Auch bei der Lebensversicherung kann im Betrugsfall für die Versicherung ein immen­ser wirtschaftlicher Schaden entstehen. "Bei der Risikolebensversicherung werden Betrüger teilweise besonders kreativ. Hier wird zum Beispiel der Tod des Versiche­rungsnehmers im Ausland vorgetäuscht und die ausländische Sterbeurkunde, die frei erfunden wird, bei drei Versicherungen gleichzeitig eingereicht", erzählt Gebel.

Für die meisten sind bewusste Falschangaben kriminell

Die Kreativität der Betrüger kennt kaum Grenzen. Insgesamt herrscht jedoch in Deut­schland eher ein hohes Rechtsempfinden. 87 Prozent der im Zuge der Boniversum-Studie befragten Ver­braucher verstehen bewusste Falschangaben bei Schadens­meldungen als krimi­nell. Der überwiegende Teil aller Befragten zeigt für Versiche­rungsbetrug ein geringes Verständnis (64 Prozent). Je höher das Einkommen und der Bildungsstand, desto gerin­ger das Verständnis.

Quelle: Boniversum

Lösungsansätze: Belohnung von Schadensfreiheit und mehr Prävention

Dennoch stellen die Falschangaben und damit Betrugsversuche für die Versiche­rungen ein großes Problem dar und fügen ihnen hohen finanziellen Schaden zu. Wie lässt sich dem entgegenwirken? Die große Mehrheit der Teilnehmer der Boniversum-Umfrage ist der Meinung, dass bei Belohnung von Scha­densfreiheit - z.B. durch Teilrückzahlung von Versicherungs­beiträgen – die Falsch­angaben sinken. 78 Prozent erwarten dadurch eine Verringerung an Scha­densfällen. Lediglich sechs Prozent messen einem Belohnungs­system keinerlei Bedeutung bei.

 

"Neben der Belohnung von Schadensfreiheit könnte es gleichzeitig auch Maßnahmen im Underwriting geben, beispielsweise höhere Selbstbehalte im Schadensfall. Des Weiteren sollte generell genauer hingeschaut werden. Das ist jedoch leichter gesagt als getan, denn dahinter steht ein immenser administrativer Aufwand, der meist nicht im Verhältnis zum Delikt steht. Einige Versicherungen führen jedoch neue Methoden der Betrugsprävention und -erkennung ein, die auf Basis neuer Techniken in der Datenverarbeitung Unstimmigkeiten erkennen und diese entsprechend steuern.

 

Diese Ansätze, die gerade in der "Massenbearbeitung" von kleineren Versicherungsschäden ohne manuellen Aufwand eingesetzt werden können, entscheiden auf einer vordefinierten Regel und nach Prüfung einiger Merkmale über die weitere Schadenabwicklung. Im Ergebnis werden Vorgänge an einen Sachbearbeiter ausgesteuert oder direkt in der Dunkelverarbeitung abgeschlossen. Dies schafft innerhalb der Schadenabteilungen Freiräume für die intensivere Prüfung von komplexen Schadenverläufen. Allein das öffentlich machen dieser Maßnahmen kann dazu führen, dass auch im Kleinen ein Versicherungsbetrug nicht mehr als Kavaliersdelikt angesehen wird und größere Hemmschwellen entstehen", erklärt Nils Gebel.

Creditreform · Versicherungsbetrug
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