Finanzunterricht an Schulen: Kommt der Leistungskurs Lebensversicherung?
Finanzunterricht an Schulen: Kommt der Leistungskurs Lebensversicherung?Quelle: Dieter Schütz  / www.pixelio.de / PIXELIO
Schlaglicht

Defizite in der Finanzbildung: Sind die Deutschen zu dumm für Versicherung?

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Eine Mehrheit der Deutschen fühlt sich im Finanzwissen schlecht gerüstet für die Zukunft und plädiert für die Einführung von schulischem Finanzunterricht. Was spricht dafür, was dagegen und hätte es Auswirkungen auf die Finanz- und Versicherungsindustrie, VWheute hat mit wesentlichen Institutionen das Für und Wider des Themas diskutiert.

Den Menschen ist bewusst, dass ihre Finanzbildung oft nicht ausreicht, um komplexe Finanzentscheidungen treffen zu können. Doch genau diese Expertise ist nötig, um in einer stark alternden Gesellschaft die eigene private Vorsorge solide aufzustellen. Nachvollziehbarerweise sind viele Menschen der Ansicht, dass zu einer guten Allgemeinbildung auch Finanzwissen gehört. Für das Vermitteln von Bildung sind großteilig die Schulen verantwortlich, die Einführung des Finanzunterrichts liegt daher nahe, viele Experten aus der Branche stimmen dem zu.

 

Der Vorstand der Gothaer Oliver Brüß würde Finanzunterricht an Schulen begrüßen, "denn idealerweise würde jungen Menschen so schon frühzeitig ein Einblick in die großen Risiken des Lebens bekommen und an mögliche Formen der Absicherung herangeführt". Es sei wichtig, dass Menschen wissen, welche Risiken von staatlicher Seite abgesichert sind und wo es Lücken in der gesetzlichen Versorgung gibt. Daraus entstehe ein Verständnis darüber, für welche Risiken der Bürger "auf jeden Fall selber vorsorgen muss". Einen weiteren positiven Aspekt sieht er auf dem Feld der Ausbildung künftigen Fachpersonals wie auch gesamtgesellschaftlich: "Ein solches Unterrichtsfach hätte möglicherweise auch positive Auswirkungen auf das Berufsbild des Finanzberaters und seine volkswirtschaftliche Bedeutung". Ein Gedanke, über den es sich nachzudenken lohnt.

 

Dorothea Mohn, Verbraucherzentrale Bundesverband, stimmt dem Gesagten zu: "Natürlich wäre es gut, junge Menschen in der Schule gezielt auf Dinge vorzubereiten, die später bei finanziellen Entscheidungen wichtig sind, wie die Aufnahme eines Kredites, den Abschluss von Versicherungen oder Anlageentscheidungen. Würden hier die Kompetenzen verbessert, wäre das gut."

 

Der ehemalige GDV-Präsident Alexander Erdland sagte im Jahr 2016, es müsse gelingen, den Schülern frühzeitig ein wirtschaftliches Grundverständnis zu vermitteln. "Denn nur wer gut informiert sei, könne seine Eigenverantwortung etwa für die Altersvorsorge erkennen und auch handeln." Erdland sagte das bei der Einführung von Wirtschaftsunterricht in Baden-Württemberg, womit wir bei den Trägern der schulischen Ausbildung angelangt wären, den Bildungsministerien.

 

Die Ministerien sehen sich gut aufgestellt

 

Dem Wunsch junger Menschen nach Finanzbildung habe das Kultusministerium Baden-Württemberg bereits mit dem Fach „Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung“ entsprochen, das erstmals im Schuljahr 2017/18 an den Hauptschulen/Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen unterrichtet wurde und in diesem Schuljahr an den Gymnasien gestartet ist, erklärt das Ministerium. Die Kultusministerin Susanne Eisenmann erklärt den Gedanken dahinter: "Es geht es darum, jungen Menschen ein ökonomisches Grundverständnis zu vermitteln, aber auch darum, die Jugendlichen bei ihrer Berufswahl zu unterstützen. Praktisches Wirtschaftswissen sowie die Auseinandersetzung mit sozialen Themen und Fragen schließen sich dabei nicht aus."

 

Das Bundesland Sachsen sieht einen anderen Weg als zielführend an. Schule sei kein geschlossener Lernkosmos und solle aufs Leben vorbereiten.  Dazu gehöre eine umfangreiche Allgemeinbildung, auf die wir in Sachsen sehr viel Wert legen. "Wer Gedichte interpretieren kann und knifflige Matheaufgaben löst, wird auch beim Verstehen von Versicherungsunterlagen, Bezahlen von Rechnungen, der Budgetplanung und Ausfüllen von Verträgen keine Probleme haben", erklärt der Freistaat.

 

Die Argumentation hat Gewicht, denn Sachsen ist im Bundesvergleich der Schülerleistungen, dem sogenannten Pisa-Test, stets oben mit dabei und aktuell das führende Bundesland.  ES bedeutet auch nicht, dass die Schüler in Sachsen kein Finanzwissen vermittelt bekommen. Die ökonomische Bildung sei "schon lange ein fester Bestandteil im sächsischen Lehrplan – und zwar über die Grundschule hinaus in allen weiterführenden Schularten".

 

Alle Befragten sehen Finanzbildung als wichtig an, die Umsetzung aber ist nicht als Ländersache uneinheitlich. Das zeigt bereits die Tatsache, dass es schwierig ist, zu dem Thema staatliche Aussagen zu bekommen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung verweist auf die Kultusminister Konferenz, die verweist an die 16 Bundesländer Länder. So ist es schwierig und langwierig, ein einheitliches Bild zur Finanzbildung zu bekommen.

Weiterhin scheinen die Bestrebungen aller Bundesländer beim Finanzbildung keine ausreichenden Ergebnisse zu erzielen, denn sonst würden die Menschen kein Bedürfnis nach weiterer und besserer Finanzbildung verspüren.

 

Was wäre wenn

 

Würde der Souverän seinen Wunsch bekommen und zum kommenden Schuljahr einer flächendeckenden Einführung von Finanzunterricht erfolgen, welche Folgen hätte das auf den Finanzmarkt? Für Erdland beginnt wirksamer Verbraucherschutz mit einer guten Finanzbildung", wie er im Jahr 2016 sagte. Der GDV wollte sich zu den Auswirkungen einer Einführung von Finanzunterricht nicht aktuell äußern, das wäre zu "hypothetisch".

 

Der Gothaer Vorstand Brüß würde die Einführung begrüßen und sieht positive Effekte: "Ich könnte mir vorstellen, dass das Thema BU dadurch stärker in den Fokus rücken würde und auch das Thema Altersvorsorge früher angegangen würde." Deutlich weniger optimistisch ist Frau Mohn. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solches Unterrichtsfach eine so weitreichende Wirkung entfalten kann, dass der Versicherungs- und Finanzmarkt dadurch erkennbar verändert werden könnte oder gar bestimmte Anbieter oder Produkte im Marktanteil beeinflusst werden würden." Die Erwartungen dürften nicht zu hoch gesetzt werden. Wenn es Schüler ermuntere, ihre Finanzentscheidungen selbst vorzubereiten und Empfehlungen der Finanzvermittler kritisch zu hinterfragen, dann wäre "das schon toll", erklärt Mohn.

 

Es ist kompliziert

 

Bei einer Prüfung der Wichtigkeit und Durchführbarkeit der Finanzbildung sollte Bund und Ländern zugestanden werden, dass das Austarieren einer umfassenden Bildung eine sich ständig verändernde Herkulesaufgabe ist. In einem vertraulichen Gespräch erklärte ein Mitarbeiter der Kultusminister Konferenz gegenüber VWheute, dass viele Kräfte versuchen würden, auf die Unterrichtsgestaltung Einfluss zu nehmen, die Anzahl der Stunden allerdings begrenzt sei. Die Vorschläge beträfen Programmier-Ausbildung und Ernährungskunde bis hin zu Astronomieunterricht.

 

Ob bessere IT-Kenntnisse oder Gesundheitserziehung nicht mindestens so wichtig sind wie Finanzkunde, ist eine faire Frage. Es macht das Dilemma deutlich, mit dem sich die Bildungsministerien beschäftigen müssen. Die Einführung eines Finanzunterrichts ist bei allen genannten und validen Proargumenten nur eine unter vielen Fragen.

Oliver Brüß · Dorothea Mohn · Baden-Württemberg · Bildung · Sachsen
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