Klaus Zehner
Klaus ZehnerQuelle: Silvia Fischer
Märkte & Vertrieb

Wie steht es um die Zukunft der Kompositversicherung?

Von Silvia FischerTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Kompositsparte gehört aktuell nicht gerade zu den Sorgenkindern in der Versicherungsbranche. Dennoch stehen die Sachversicherer vor großen Herausforderungen - allen voran durch die Bedrohungen aus der digitalen Welt, der automobilen Zukunft und durch die Naturgewalten. Hat die Branche die entsprechenden Asntworten darauf?

Olaf Burghoff,  Leiter Statistik und Naturgefahrenmodellierung des GDV Berlin, betonte beim 11. Stuttgarter Versicherungstag in Stuttgart, Komposit laufe beim GDV nicht unter dem  Radar. Sein Vortrag  "Gestern, heute. Und morgen?" beschäftigte sich mit der Statistik der Sachversicherung in Deutschland. Cybersicherheit und die automobile Zukunft sind neben Starkregen aktuelle Themen beim GDV.

 

Wie sieht Burghoff die Zukunft? Klassisch sichert eine  Wohngebäudeversicherung gegen Feuer, Leitungswasser, Blitzschlag, Sturm und Hagel ab. Er empfiehlt, die Police um die erweiterten Naturgefahren Erdbeben, Erdsenkung, Schneedruck, Starkregen, Hochwasser und Lawinen zu ergänzen. Die Erdbebengefahr werde in Deutschland unterschätzt. Was Schneedruck kann, zeigte der letzte Winter. Starkregen könne am Eigenheim Schäden über 100.000 Euro anrichten. Über die künftige Hochwassergefahr gäbe es widersprüchliche Berechnungen.   

 

Erwähnenswerte Schäden beim GDV waren ein Feuerschaden  eines Zulieferers aus den USA, der  bei einem Automobilhersteller einen Schaden von 200 Mio. Euro verursachte. Viele Leitungswasserschäden machten als "Mittelvieh auch viel Mist". Hier sei die möglichst schnelle Regulierung wichtig. Künftig rechne der GDV mit einer größeren Zunahme von Sturm- und Hagelschäden im Vergleich zu Leitungswasserschäden. Das Risiko bleibe aber versicherbar.  

 

Burghoff betonte die Wichtigkeit von Prävention als  gemeinsame Aufgabe von öffentlicher Hand, privaten Gebäudeeigentümern und der Versicherungswirtschaft. Beim Einbruchdiebstahl mache sich die Zusammenarbeit von Polizei und Eigenschutz in rückläufigen Zahlen bereits positiv bemerkbar. Mit dem interessanten Titel: "Drücken Sie die Vier, wenn Ihr Sofa an Ihnen vorbei schwimmt ..."  ging Klaus Zehner der Frage nach, ob Apps künftig die alleinigen Schadenregulierer sein werden. Zehner ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der SV Sparkassenversicherung, Stuttgart. Die SV ist Marktführer bei der Gebäudeversicherung. Aktueller Großschaden der SV war der Brand im Europapark Rust. Sturmtief Eberhard vom vergangenen Wochenende wird mit 30 Mio. Euro zu Buche schlagen.

 

Trotz der offensichtlichen Schadenentwicklungen wurde Zehner kürzlich auf einem Symposium von Informatikern prophezeit, dass die Versicherer die Ersten sein würden, die es in Zukunft nicht mehr gäbe. Amazon u.ä. würden künftig Versicherungen verkaufen. Aber werden solche Unternehmen auch die Risiken tragen können? Was kann die Digitalisierung, was nicht? Und ist der Kunde bereit, seinen Schaden voll digital abzuwickeln?  

 

Digitalisierung wird bei der SV unterstützend genutzt. Durch automatisierte Schadensaufnahmen, wenn wie beispielsweise nach dem Reutlinger Hagel 2013 80.000 Anrufe eingehen. Oder mit einer Schadensregulierungs-App, die in der Wohnung die Schäden aufnimmt und dann  auf die EC-Karte des Kunden bezahlt. Eine Schadentracking-App meldet den Standort des Regulierers. Drohnen und Satelliten werden eingesetzt. 

 

Nur drei Prozent der SV-Kunden kommunizieren per App. 50 Prozent aller Kunden haben seltener als einmal im Jahr Kontakt mit ihrem Versicherer und  alle zehn bis 13 Jahre einen Schaden. Der Kunde hat also schlicht keinen Bedarf oder - wie jüngere Leute bei präventiven Themen - keine Lust, sich mit Versicherungen zu befassen. Außerdem ist Schaden nicht gleich Schaden. Kleinschäden können über eine App abgewickelt werden.  Bei komplexeren oder existenziellen Schäden ist es schwierig bis undenkbar. Der Kunde befindet sich im  hochemotionalen Ausnahmezustand, der Versicherer muss persönliche Beratung, Zuspruch und sachliche Hilfe bieten. Regulierer bleibt der Versicherer, nicht die "Taste vier“.  

 

Die Bedeutung von Services im Schadenfall unterstrich auch Thomas Lanfermann, Vorstand Komposit der Helvetia Deutschland. Service biete dem Kunden ein "positives Erlebnis" im Schadensfall, der Versicherer unterstütze den Kunden aktiv und erhalte einen zusätzlichen Touchpoint. Lanfermanns Ansicht nach ist  heutzutage Service extrem wichtig, weil die Gesellschaft durch Mobilität, Anonymität ("kein Handwerker mehr um die Ecke") und Misstrauen gegenüber Internetanbietern geprägt ist. Er hält einen erweiterten Servicegedanken für das Mittel der Wahl für die Zukunft. Beispielsweise sei es zu wenig, wenn eine App dem Kunden im Urlaub meldet, dass die Fenster offen seien. Es muss angeboten werden, diese zu schließen. Service muss vom Kunden her gedacht werden, "on demand", als Abomodell und persönlich zugeschnitten. Auch ist es denkbar, bei einem alten Bad eine Komplettrenovierung mit einem Rabatt anzubieten. Der Kunde sei wieder bereit, für qualitative Dienstleistungen zu bezahlen.

 

Große Chancen sieht Lanfermann für den stationären Vertrieb. Bekannte Ansprechpartner könnten Kunden binden und ein Netzwerk aufbauen. Wer kennt einen IT-Berater für Cyberpolicen? Ebenso großes Gewicht wird Risikoberatung, Know-how-Transfer und Prävention haben. Und warum den Kunden nicht mal mit Eintrittskarten, Blumenstrauß, Chauffeur oder Einkaufsberatung überraschen?

Kompositversicherung
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