Quelle: S. Hofschlaeger / PIXELIO (www.pixelio.de)
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Hüter - Gedanken im März

Von Meinhard MiegelTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Zum Glück meistern die meisten ihren Alltag gut. Anders ist es, wenn Außergewöhnliches ansteht, zum Beispiel der Einbau einer neuen Hausheizung. Hier wissen Nachbarn und Bekannte zwar oft wohlfeilen Rat. Allein, er lässt sich nicht zur Deckung bringen mit einschlägigen Veröffentlichungen und allerlei Expertenmeinungen. Was ist der geeignetste Brennstoff, wie soll der Kessel dimensioniert sein, wo müssen die Heizkörper installiert werden?

Der Kopf schwirrt, ehe der Gang zum Fachbetrieb angetreten wird. Dort wird alles Gelernte zunächst einmal als Laiengeschwätz verworfen und der einzige gangbare Weg aufgezeigt. Auch wenn sich dieser als äußerst problembeladen erweist - irgendwann brummt die Anlage, wenn auch nicht so, wie in Aussicht gestellt. Der mündige Konsument ist zum unmündigen Kind geschrumpft.

 

Kaum anders ergeht es ihm, wenn er – jenseits reiner Bagatellen – einen Arzt aufsucht. Heißt es "Hier werden wir wohl operieren müssen, aber holen Sie ruhig eine Zweitmeinung ein", dann beginnt ein langer Weg durch einen Irrgarten. Denn die Zweitmeinung steht nicht selten im Widerspruch zur Erstmeinung. Wie soll die Operation durchgeführt werden, welche Narkoseform ist die geeignetste? Und dann die Fülle von Risiken, die mit jeder Maßnahme verbunden sind. "Das müssen Sie entscheiden", so das ärztliche Diktum. Und der Patient entscheidet und entscheidet und erteilt – abgesehen von vorsätzlicher Schadenszufügung und groben Kunstfehlern – den behandelnden Ärzten jedes Mal einen Freibrief. Geht etwas schief – der Patient hat es so gewollt.

 


Ob beim Installateur oder beim Arzt - die moderne Gesellschaft hat Konsumenten und Patienten mit Scheinsouveränitäten befrachtet, die diese mangels tieferer Einsichten nicht zu tragen vermögen. Sie sagen ja oder nein, ohne die blasseste Vorstellung davon haben zu können, was das bedeutet. Ihre Entscheidungsfreiheit gleicht der Freiheit eines Lottospielers, der irgendwelche Zahlen ankreuzt.

 


Und was dem Konsumenten und Patienten recht ist, ist dem mündigen Bürger billig. Willst Du, dass Dein Land in der EU verbleibt, oder soll es besser austreten? Was das wirklich bedeutet, weiß niemand. Angesprochen wird ein archaisches Grundrauschen. Dass von einer solchen Entscheidung etwa 20.000 Nervenstränge betroffen sind, ist den wenigsten bewusst. Die Vitalausfälle werden erst später sichtbar. Vorerst hat das Volk gesprochen und Volkes Spruch ist heilig, gleichgültig, wie er zustande gekommen ist. Die Politiker können sich hinter ihm verschanzen.

 


Der mündige Konsument, der mündige Patient, der mündige Bürger – das alles sind Errungenschaften, die hoch einzuschätzen sind. Aber wie alles haben auch sie ihre Grenzen. Was und wieviel vermag der Einzelne zu entscheiden? Wovon und in welchem Maße können sich Installateure, Ärzte, Politiker und viele andere frei Zeichnen? "Der Betroffene hat es so gewollt" darf - ob im Alltag oder bei weitreichenden Grundentscheidungen - nicht zur gängigen Münze werden. Denn Menschen tragen Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch füreinander. Sie sind - ob sie dies wollen oder nicht - einander Hüter. Jede andere Form von Gesellschaft ist unmenschlich.

Gedanken im März
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