Fusionen unter Versicherern
Fusionen unter VersicherernQuelle: S. Hofschlaeger / PIXELIO (www.pixelio.de)
Schlaglicht

Fusionen unter Versicherern: Von Kauflüsten und Lustkäufen

Von Marc R. SommerTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Fusionen und Übernahmen gehören zu jener Art von Geschäft, über das nicht allzu gerne geredet wird. Aktuelles Beispiel ist die öffentliche Debatte um einen Zusammenschluss der Deutschen Bank mit der Commerzbank. Denn der Schwierigkeitsgrad, unterschiedliche Unternehmenswelten miteinander zu verschmelzen, ist hoch - das Risiko zu scheitern, groß. Trotzdem schnappen gerade die Versicherer immer wieder zu, wenn sich passende Chancen ergeben. Zu lukrativ scheint die schnelle Wachstumsperspektive.
Musste die Einbindung des Tech-Giganten Softbank in die Swiss Re scheitern? An eine branchenübergreifende Freundschaft "with Benefits" dachten die Schweizer, die Japaner wollten sich mindestens verloben. Doch ein Vollzug hätte unterschätzte Eigenständigkeiten gefährdet. "Es gab kein bitteres Ende der Gespräche", vermeldete Swiss-Re-Sprecher Willy-Andreas Heckmann im Mai 2018. Immerhin konnten beide Seiten erwünschte Botschaften in den Medien platzieren. Die Gegenstände des M&A-Geschäfts und der Assekuranz sind von ihrem Abstraktionsgrad her vergleichbar, ringen mit ähnlichen Ökonometrien um das Verstehen von Langfristrisiken, sind gleichermaßen von einer zunehmenden Regulierungstiefe betroffen. Analogien lassen sich auch in den Versuchen erkennen, öffentlich schwierig zu kommunizierende Zielsetzungen mit gesamtgesellschaftlicher Relevanz aufzuladen. Erstaunlicherweise sorgen unterschiedliche Kulturen für Abstand zwischen beiden Sphären. Spannend, wenn die divergierenden Denk- und Herangehensweisen dennoch aufeinandertreffen und Übernahmen sowie Fusionen zur Zukunftsfähigkeit von Versicherern und Rückversicherern beitragen.
Von einem vertikalen Merger, also zwischen in der Wertschöpfungskette aufeinanderfolgenden Unternehmen, ist beim Deal von US-Krankenversicherer Cigna und Gesundheitsdienstleister Express Scripts zu sprechen. Mit einem Volumen von 67 Mrd. US-Dollar eines der größten M&A-Arrangements 2018. Star-Investor Carl Icahn war anfangs nicht begeistert: "Cigna is dramatically overpaying for a highly challenged Express Scripts that is facing existential risks on several fronts.." Ähnlich unorthodox die unter Auflagen vom US-Justizministerium genehmigte 77-Milliarden-Übernahme des Krankenversicherers Aetna durch den Pharmazie-Händler CVS Health. Bundesrichter Richard Leon verweist allerdings auf "Antitrust"-Argumentationen der US-Rechtsgeschichte, verlangt Zugeständnisse. "Es ist gut für die Allianz, dass sie diese große Bank nicht mehr hat". Sie wissen bei diesem Statement sicher schon, worum es geht. Der damalige Allianz-Chef Michael Diekmann meinte 2009 die Dresdner Bank, welche zuvor als perfekte Ergänzung galt. Letztendlich war der Bund nicht über betriebswirtschaftliche Arithmetik, habituelle Unwuchten und das schlechte Timing im Finanzkrisen-Kontext 2008 erhaben. Dem Publikum brannte sich das Debakel als phänotypische M&A-Hybris ein.

Kontinentaleuropäische Rituale

Versicherer-Spezifika schränken deren über die eigene Szene und den M&A-Sektor hinausreichenden Indikator-Qualitäten ein. Umgekehrt zwingen markttechnische Gegebenheiten, politische Wechselfälle und Zeitgeist-Befindlichkeiten Versicherer laufend zu tief greifenden Anpassungen. Dem unter anderem mit Akquisitionen und Fusionen zu begegnen ist kontinentaleuropäische Normalität. Interne Konsensfindung, Vorfeld-Verständigungen mit Aktionären sowie externen Interessenträgern und die rasche Einbeziehung behördlicher Entscheider sind eingespielt. Fast gleichzeitig auf Gas und Bremse tritt Oliver Bäte, frisch vertragsverlängerter Vorstandsvorsitzender der Allianz Group und qua Funktion ein Spiritus Rector der Branche. Dem Bekenntnis zum Wachsenwollen 2017 folgte 2018 die Klage über "verrückte" Aufschläge für reputable Targets. Freimütig strebt er eine „Fusion unter Gleichen" an, feindliche Übernahmen seien keine Option. Beobachter könnten anmerken, dass günstige Gelegenheiten und die Mannigfaltigkeit der Vehikel Spielräume für die Übersetzung von "verrückt" und "feindlich" eröffnen. Axa hatte ebenfalls M&A-Zurückhaltung signalisiert - bis das Gerangel um die XL Group Ltd. entschieden war.
"Diese Transaktion ist eine einmalige strategische Gelegenheit", verkündete Thomas Buberl plötzlich. Der eingekaufte Sachversicherer hat faszinierende Nischen-Kompetenzen und Reinsurance-Ressourcen im Gepäck, sichert einige Weltmarktführer-Positionen. Vorhersehbar, dass Kommentatoren den Acquisition Goodwill mehrheitlich für überzogen halten würden, die Zugriffs-Prämie Aktionärs-Instinkten zuwiderläuft. Auch Analysten und Rating-Agenturen erinnern an Integrationsprojekt-Risiken. Freilich kann sich der deutsche CEO auf die spieltheoretische Anordnung mit einer überschaubaren Anzahl tauglicher Targets berufen. Innerhalb der EU stimmt die glimpflich verlaufende Rechtsrahmenreform Vorstände, Aktuare, Sucher und Anbieter von Targets zuversichtlich. Die im Zuge der Implementierungen von Solvency II beschworenen harten Marktbereinigungen und Lebensversicherer-Kollapse ließen sich verhindern, hilfreiche M&A-Transaktionen mittlerer Dimension geschmeidig abwickeln. Tatsächlich für Unruhe gesorgt haben Run-Off-Manöver. Die Generosität der Aufseher bei der Interpretation von Solvenzquoten, bei Übergangsmaßnahmen und Volatilitätsanpassungen geht als Orientierung an den Belangen von Versicherungsnehmern durch. Ähnliche Konzilianz wünschen sich M&A-Praktiker vom Eiopa-Regime und den weiterhin stark gestellten nationalen Aufsichtsbehörden wie der deutschen Bafin, wenn Konzentrationsrisiken und unkonventionelle Konstellationen einzuordnen sind.
Generali hat mit der unter Bafin-Vorbehalt stehenden Weiterreichung von 89,9 Prozent der deutschen Generali Leben an die Bestandsabwickler von Viridium und Spätfolgen der Volksfürsorge-Übernahme heftige öffentliche Diskussionen ausgelöst. Deutschland-Chef Giovanni Liverani möchte dennoch "für jede mögliche Akquisition offen“ sein. Der studierte Aktuar und Generali-CEO Philippe Donnet verschweigt ebenfalls nicht, Übernahmen anzupeilen – vorzugsweise in Europa. Ein bisschen Fortune sollte genügen, um nicht selbst zur Beute zu werden. Bei der Zurich Group verdient Aufmerksamkeit, dass fürs Gerüchte-Herunterspielen mehr Energie aufgewendet wird als fürs Kundtun steigender Prämieneinnahmen. "We don‘t exist to do M&A", muss CFO George Quinn aufsagen. Kleine Transaktionen blieben interessant, große Mergers lenkten aber zu stark vom Kerngeschäft ab.
Routiniertes Fortschreiben prozyklischer Einschätzungen aus der Aufschwungphase wäre ignorant, doch an der M&A-Front weicht die Nüchternheit nicht. Erste Wandel-Schockwellen der mobilen Revolution sind verarbeitet, ein Gutteil der Versicherer ist mental wohl gerüstet. Der Eindruck, von der Dynamik der Ereignisse überrollt zu werden, verflüchtigt sich. Erfolgreiche Insurtechs machen auch die Platzhirsche hungriger. In Schönheit erstarrte Konglomerate sind jedoch in Gefahr, aus der Balance zu geraten und preiswerte Ziele abzugeben.
Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
Fusionen · Merger & Acqusition (M & A)
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